Gendergerecht geht es weiter im Text, und auch die soziale Bandbreite entspricht demokratischen Verhältnissen: „Sie sind zwischen 20 und 54 Jahre alt. Handwerker, Ingenieure, Angestellte, ein Geschäftsführer, ein Lehrer für Englisch, Spanisch und Musik an einer Gemeinschaftsschule. Eine Rechtsanwältin ist auch dabei, Mutter zweier kleiner Kinder.“

Natürlich darf der Aspekt Abenteuerurlaub nicht fehlen:

„Die Rekruten und Rekrutinnen bereiten sich im Biwak vor. Jeder hat ein Zelt ohne Boden, ringsum Gräben, damit kein Wasser hereinläuft. Ein Lagerfeuer brennt.“

Wer weiter liest, dem könnte die gesetzliche Grundlage für diese Rekrutierung fehlen. Doch mit solch zivilem SchnickSchnack mag sich Jürgen Rinner, Personalrat beim ARD-Sender „Saarländischer Rundfunk“, nicht aufhalten.

Spätestens seit Kanzler Scholz den Vorwurf des Genozid an Russen im Donbass als „wirklich lächerlich“ erklärt hat, sind der Militarisierung des zivilen Lebens nur noch wenig Grenzen gesetzt. Dass seit dem Putsch auf dem Maidan im Februar 2014 mehr als 13.000 Menschen in der Donbass-Region getötet wurden?

Ist doch dem Kanzler egal. Und was dem Kanzler egal ist, das ist den deutschen Medien unter Führung der Tagesschau scheißegal. Erst durch das jahrelange tödliche Schweigen über den Völkermord im Donbass konnte die künstliche Empörung über den russischen Krieg in der Ukraine zu einer scheinbar gerechten Empörung stilisiert werden.

Der ARD-Personalrat Jürgen Rinner ist Mitglied im „Deutschen Journalisten Verband“, einer Organisation, die ihr Logo NATO-konform in ein ukrainisches Blau-Gelb getaucht hat. So Blau-Gelb wie zur Zeit nahezu alle deutschen Medien erscheinen.

Dass Journalismus nicht „Partei“ heißt, dass Parteinahme das Denken erschwert, dass schon das Verschweigen der Morde im Donbass den deutschen Journalismus als NATO-freundlich kennzeichnete, das ist den Damen und Herren der textenden Zunft offenkundig gleichgültig. Objektivität als Voraussetzung für die Recherche, für die Analyse, für die Berichterstattung, für die Formulierung der Nachricht? Das ist angesichts des Krieges vergessen. Es herrscht die Meinung vor und im besten Falle glaubt man, es sei die eigene.

Längst ist die eigene Meinung vieler Journalisten im Strom der Mehrheit ertrunken. Einer Mehrheit, an deren Herstellung sie selbst mitgewirkt haben und zu deren Säulen der Glaube an die gute USA, demokratische Wahlen und westliche Werte gehören.

Wer all das nicht hinterfragt hat, wer zu den Kriegsverbrechen im Irak, Syrien oder Libyen brav geschwiegen hat, der ist längst zum Komplizen der NATO geworden. Zugleich ist er ein Muster eines skurrilen Selbstbetrugs: Weil er an der Verbreitung von Lügen selbst beteiligt ist, erscheinen sie ihm als wahr.

Scheinheilig fragt die Tagesschau am Ende ihrer Kolportage: „Mit der Waffe das Land verteidigen? Hoffentlich nicht“. Scheinheilig auch, weil der Text mit dieser untertänigen Floskel endet:

„Melde mich, wie befohlen, Herr Oberst. — Mit diesen Worten nehmen die Rekruten und Rekrutinnen zum Abschluss der Ausbildung ihre Bundeswehr-Litze entgegen.“

Die Bundeswehr-Litze hat sich auch Jürgen Rinner auf unsere Kosten verdient; sicher wünscht er sich eine Litze in Blau-Gelb.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Zivilunken an die Front“ bei Rational Galerie.



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