Ein alter weißer Cis-Mann sagte einmal: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Der freie Wille sei damit nicht geleugnet; der Mensch kann immer noch alles zerstören. Allerdings existiert, Karl Marx zufolge, die Realität erst einmal völlig unabhängig von unseren Wünschen. Aus einem Einfall wird noch lange keine Idee, nur weil Politiker und Politikerinnen ihn mit größter Dringlichkeit vortragen.

Und auch nicht, wenn sie – nach erstem Scheitern – andere mit der Umsetzung beauftragen. So geschehen beim erneuten Versuch einer Obdachlosenzählung in Berlin: Der Verband für sozio-kulturelle Arbeit e. V. gab dieser Tage bekannt, die zweite „Nacht der Solidarität“ aufs kommende Jahr verschieben zu müssen. Es hätten sich nicht genug Freiwillige gemeldet, nur 1.200 statt der erforderlichen 2.400 Helfer. Als Grund wird der Ukraine-Krieg angegeben. In Berlin seien Tausende Freiwillige im Einsatz für die Menschen auf der Flucht, „etwa am Hauptbahnhof, am ZOB und am Südkreuz“.

Interessant auch: Das für solche Erhebungen zuständige Statistische Landesamt tauchte bei dem Projekt nicht einmal in beratener Funktion auf. Die Experten werden wissen, warum. Bei der ersten stadtweiten Zählung im Januar 2020 hatten 2.600 Freiwillige knapp 2.000 obdachlose Menschen ermittelt, viele davon in Krankenhäusern und kirchlichen Notübernachtungen.

Es soll Zähltrupps gegeben haben, die in jener Nacht nicht einen Unbehausten zu Gesicht bekommen haben. Jedoch nicht, weil es so wenig Obdachlose gibt. Das Ergebnis der Zählung hatte schlicht mit der Wirklichkeit nichts gemein. So konnte die Not vieler obdachloser Frauen gar nicht erfasst werden; Frauen, die sich für einen Schlafplatz de facto prostituieren müssen.

Die meisten Obdachlosen sind außerhalb unserer Wahrnehmung

Ebenso wenig gezählt wurden die Menschen, die auf Dachböden und in Kellern „Platte machen“. Und überhaupt, was ist mit den Obdachlosen aus Osteuropa? Viele werden sich versteckt haben. Die Stadt kann ihnen keine menschenwürdige Perspektive bieten, keine Teilhabe am Sozialsystem. Diese Menschen, die oft suchtkrank sind und kaum Deutsch sprechen, haben gar kein Interesse daran, sich an ihrem Schlafplatz von irgendwelchen Zähltrupps befragen zu lassen. Warum auch?

„Wer gezählt wird, wird regiert“, sagte schon Hannes Kiebel. Der 2008 verstorbene Dozent der Evangelischen Hochschule Bochum war ein wichtiger Chronist zur Geschichte der Armut in Deutschland. Als in den 1990er Jahren die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe regelmäßig irgendwelche sechsstelligen Obdachlosenzahlen veröffentlichte, fragte Hannes Kiebel: „Wem nützt das?“ – Seit dem Spätmittelalter ist die Obrigkeit bemüht, die Armen nach dem Heimatprinzip zu erfassen, in ehrliche Bettler und umherziehende. Und wer nicht von „hier“ ist, wird vertrieben.

Unterm Strich hat sich daran nicht viel geändert. Zählen ist keine Solidarität, auch wenn eine linke Sozialsenatorin sich etwas anderes wünscht. Das Spektakel machte nur wieder die Grenzen der parlamentarischen Linken deutlich. In Berlin hat es noch keine Politikerin gegeben, die wie die frühere Sozialsenatorin Elke Breitenbach derart viel Geld für Obdachlose ausgegeben hat. Und doch hat es nur eine minimale Linderung des Problems gegeben. In Erinnerung aber bleibt die Symbolpolitik.

Der Mietendeckel für die Stadt ist gescheitert. Weder die Deutsche Wohnen noch andere Immobilienkonzerne werden offenbar enteignet, trotz erfolgreichen Volksentscheids. Und die 2.600 Menschen, die sich vor zwei Jahren in der „Nacht der Solidarität“ ehrlichen Herzens sozial engagieren wollten – diese Leute wurden verarscht.



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