Manche Stoffe muss man nicht aktualisieren. Sie erinnern vielmehr an einen Rahmen, in dem sich die Geschichte der Menschheit immer wieder aufs Neue abspielt. Hierzu zählt zweifelsohne Fjodor Dostojewskis Roman Schuld und Sühne von 1866. Wohl auch dessen Zeitlosigkeit dürfte geschuldet sein, dass Oliver Frljić in seiner dramatischen Realisierung für das Schauspiel Stuttgart weitestgehend auf allzu offensichtliche Anspielungen auf das Hier und Heute verzichtet. Im Gegenteil: Mit historischen Kostümen und einem, sieht man von dem unheimlichen Bass-Raunen im Hintergrund ab, Verzicht auf medialen Schnickschnack bringt er das Werk fast klassisch inszeniert auf die Bühne. Aber eben nur beinah. Denn althergebrachte Motive werden stellenweise mit neuen Perspektiven beleuchtet.

Im Fokus der Aufführung steht der Diskurs um Gewalt, der schon im Stoff an sich angelegt ist. Ausgehend von seiner Theorie der Zweiteilung der Menschheit in „niedere“ auf der einen und „eigentliche“ Subjekte auf der anderen Seite und in einer paradoxen Lage aus Armut und gefühlter Grandeur (hallo, postsowjetisches Russland!), begeht der Protagonist Rodion Raskolnikow (David Müller) einen Mord an einer Pfandleiherin, also an einer aus seiner Sicht „Gewöhnlichen“. Flankiert wird die im Weiteren virulente Frage nach Gewissen und Schuld durch eine Reflexion patriarchalen Missbrauchs, womit insbesondere die Nebenfigur Sofja Marmeladowa (Paula Skorupa) in den Vordergrund gerät. Da ihr Vater aufgrund seines Alkoholismus außerstande ist, die Familie zu versorgen, muss sie der Prostitution nachgehen. Wenn sie nicht gerade ein überdimensionales Kruzifix hinter sich herzieht – ein Bild für die Unterdrückung der weiblichen Selbstbestimmung im Christentum –, muss sie auf einem roten Bett Vergewaltigungen über sich ergehen lassen. Auch in anderen Szenen lenkt der Regisseur den Blick auf das Leiden der Frauen, indem sie zum Beispiel vor eine Kutsche gespannte Pferde ersetzen.

Seitenhieb auf Putin

Solcherlei Metaphern muten allerdings in Teilen abgehalftert und plakativ an. Erst im zweiten Teil des dreistündigen Abends wird mehr Mut zu zündenden Bildern erkennbar. So lässt Frljić seinen mittlerweile dem Wahnsinn nahen Helden an einem überdimensionalen Tisch gegenüber dem Ermittler Porfirij Petrowitsch (Felix Strobel) Platz nehmen, der ihn mit einem ferngesteuerten Spielzeugpanzer unter Druck zu setzen weiß. Neben diesem komischen Seitenhieb auf Putin, der letztlich Rodions Ideologie von der Klassifizierung von Menschen auf pervers-schauerliche Weise zuspitzt, ragt eine sich wiederholende Szenenanordnung aus allen hervor. Hierbei schweben von oben hunderte an Fäden befestigte Beile herab – jenes Werkzeug, mit dem Raskolnikow seine Morde begeht. Sie umgeben am Ende alle Figuren.

Das Gesetz der Zerstörung regiert somit diese gottlose, radikal existenzialistische Welt. „Niederreißen, was niedergerissen werden muss“, lautet das Credo des Protagonisten. Dass es in dieser Aufführung keine Kulisse jenseits der Finsternis des tiefen Bühnenraums gibt und das Ensemble zumeist im schummerigen Licht agiert, unterstreicht diese düstere Botschaft noch. Visionäres oder Überraschendes bietet Frljić – ansonsten bekannt für provokative Zugriffe – mit seiner eher mediokren Klassikerannäherung nicht. Vielmehr versteht sich diese Interpretation von Schuld und Sühne als ein beschreibendes Stimmungsgemälde. Es fängt eine Gegenwart ein, deren Orientierungsverlust sich im Gefühl einer epochalen Agonie niederschlägt.



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