Sei es die wegweisende Entscheidung zum Klimaschutz des Bundesverfassungsgerichts im vergangenen Jahr oder das eifrige Sammeln von Beweisen für Kriegsverbrechen im Ukraine-Krieg, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen – Gerichte machen zunehmend Politik und die Politik verlässt sich immer mehr auf Gerichte. Analog zu dieser Bedeutungszunahme des Rechts steht auch das Gerichtsdrama an den Theatern hoch im Kurs. Doch welches Verständnis vom Verhältnis von Judikative und Schauspiel steckt hinter dieser Konjunktur?

Wer auf Verarbeitungen des NSU-Prozesses blickt, wird vor allem der durch die Medien betriebenen Sakralisierung der Gerichte gewahr. Tut sich die Politik mit der Aufklärung des Behördenversagens schwer, kommt Richtern und Staatsanwä

Sei es die wegweisende Entscheidung zum Klimaschutz des Bundesverfassungsgerichts im vergangenen Jahr oder das eifrige Sammeln von Beweisen für Kriegsverbrechen im Ukraine-Krieg, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen – Gerichte machen zunehmend Politik und die Politik verlässt sich immer mehr auf Gerichte. Analog zu dieser Bedeutungszunahme des Rechts steht auch das Gerichtsdrama an den Theatern hoch im Kurs. Doch welches Verständnis vom Verhältnis von Judikative und Schauspiel steckt hinter dieser Konjunktur?

Wer auf Verarbeitungen des NSU-Prozesses blickt, wird vor allem der durch die Medien betriebenen Sakralisierung der Gerichte gewahr. Tut sich die Politik mit der Aufklärung des Behördenversagens schwer, kommt Richtern und Staatsanwälten eine heilstiftende Rolle zu, der sie kaum gerecht werden können. Wohl auch deswegen nimmt Marie Bues’ Uraufführung von Kathrin Rögglas Stück Das Verfahren (2022) am Saarländischen Staatstheater mehr die BesucherInnen des Zschäpe-Prozesses in den Blick. Figuren wie die „Gerichtsoma“ oder die linksalternative „Blogger*in“ lassen die Tage am Münchner Oberlandesgericht Revue passieren. Die eine kritisiert die Boulevardisierung des Falls, die andere plädiert dafür, die Chose jetzt doch bitte endlich ruhen zu lassen. Unterdessen blicken sie immer wieder in ein Loch inmitten der weißen Bühne – ganz so, als wäre dort die eine verborgene Wahrheit zu finden, die der für das Publikum unsichtbare Senat selbst nur partiell aufdecken konnte.

Ähnlich umkreist auch Johan Simons Uraufführung von Elfriede Jelineks Drama Das schweigende Mädchen (2014) an den Münchner Kammerspielen die Leerstelle um die zur Jungfrau Maria ironisierte Angeklagte Zschäpe. Mit dichten Textsuaden umkreist die Nobelpreisträgerin das Geschehen, um das Eigentliche, nämlich die aufwühlende Stille der Täterin, wie eine offene Wunde auszustellen. Sowohl Rögglas als auch Jelineks Entwurf stellen klar heraus: Das Tribunal kann keine Erlösung bringen. Sie lassen noch nicht einmal Juristen in Robe auftreten.

Dass die Richter derart in den Hintergrund treten, dürfte einen Grund haben, scheint doch in beiden Werken auch eine andere Instanz zur Herstellung von Gerechtigkeit hinter der sichtbaren Kulisse verborgen zu sein. Diverse Anspielungen verweisen in beiden Inszenierungen auf das Jüngste Gericht. Als biblisches und kosmisches Tribunal soll es die Welt von allem Bösen und Unreinen befreien. Es steht für die Vorstellung einer absoluten Gerechtigkeit.

Ironie hat ausgedient

Bevor das moderne Justizwesen diese hehre Ambition relativierte und das Strafverfahren von der metaphysisch-theologischen Last befreite, beschwor die Literatur lange Zeit die Weisheit richterlicher Entscheidungen. Diese Traditionslinie nimmt ihren Anfang etwa mit Sophokles’ König Ödipus (um 425 v. Chr.) und reicht bis in die Moderne mit Bertolt Brechts Der Kaukasische Kreidekreis (1949). So groß der Glaube an die einzig gute Rechtsprechung auch war, wurde er immer wieder auch desillusioniert. In Heinrich von Kleists Lustspiel Der zerbrochene Krug (1808) oder Friedrich Dürrenmatts Groteske Der Besuch der alten Dame (1956) gleichen die Strafverfahren einer korrumpiert-heuchlerischen Farce.

Heute haben ironische Darstellungen der Justiz größtenteils ausgedient. Die globalen Krisen haben eine neue Ernsthaftigkeit hervorgerufen. Deutlich wird sie etwa in den Gerichtsdramen des Bestsellerautors und Juristen Ferdinand von Schirach. Sowohl Terror (2015) als auch Gott (2020) wurden an vielen deutschen Bühnen und später im TV aufgeführt. Ersteres fragt danach, ob ein voll besetztes und entführtes Passagierflugzeug abgeschossen werden kann, um dadurch Tausende andere Menschen zu retten, Letzteres befasst sich, ausgehend von jüngeren Urteilen des Bundesverfassungsgerichts, mit dem Thema Sterbehilfe. Meistens dürfen die ZuschauerInnen am Ende abstimmen, die Schöffen- und Jurygerichtsbarkeit wird so auf die Bühne geholt. Doch tragen diese Voten der ethischen Komplexität der Sachlagen Rechnung?

Die Skepsis ist berechtigt. Zwar bietet ein Tribunal, fußend auf Rede, Gegenrede und Urteil, ein zunächst ideales Setting für die Diskussion virulenter Themen. Zugleich birgt es die Gefahr der Vereinfachung, da das Gericht Eindeutigkeit anstrebt. Grauzonen gehen verloren. Doch gerade sie erweisen sich bei ethischen Abwägungen als zentral. Die Bühnenhäuser und ihre AutorInnen machen es sich also nur allzu leicht, wenn sie das Publikum plakativ mit Antagonisten konfrontieren.

Dies betrifft im Übrigen ebenso das derzeit nicht minder beliebte Genre des Klimatheaters. Hier sitzt man ebenfalls zu Gericht. Und zwar, wie Andres Veiels und Jutta Dobersteins Stück Ökozid (2021) zeigt, gleich über einen großen Teil der Menschheit. Rekapituliert wird in dessen Uraufführung am Schauspiel Stuttgart das umweltpolitische Versagen der westlichen Wohlstandsgesellschaften. Im Jahr 2034 treten sie nun als Angeklagte der südlichen Staaten in Erscheinung. Diesmal ruht sich die Regie jedoch nicht allein auf dem schematischen Verhandlungssetting aus. Immer wieder lässt Burkhard C. Kosminski nämlich Plastikflaschen auf die Bühne regnen. Sie werden langsam zu einem Haufen und durch das sukzessive Vorschieben der hinteren Kulisse stetig weiter in Richtung Publikum geschoben. Statt also die Verantwortung ans Gericht abzugeben, sehen sich die ZuschauerInnen durch die metaphorisch nahende Katastrophe selbst in die Pflicht genommen. Auch das ist Gerichtstheater in der Gegenwart: Aufrüttelung und Mahnung.

Wer allerdings auf die Einlösung des ursprünglichen Ideals von Gerichten hofft, mag im Theater zu keinem befriedigenden Ergebnis gelangen. Das Theater funktioniert nur als Illusionsraum. Wahrheit kann es abseits durchaus echter Empfindungen nicht liefern. Angesichts einer zunehmend komplizierten und unübersichtlichen globalisierten Moderne, muten da von Schirachs vereinfachende Stücke – obschon sie zu den meistgespielten der vergangenen Dekade zählen – nicht wie kalter Kaffee an. Simples Ja- oder Neinsagen fordert nicht gerade die Form von Denken von den ZuschauerInnen ein, die der Zeit angemessen wäre. Nötig ist ein nachdenkliches Publikum. Gefordert wird es dort, wo Leerstellen auftauchen, Ambivalenzen und Widersprüche ausgehalten werden müssen und eine anspruchsvolle Bildsprache sich gegen das richterliche Urteil durchsetzt. Erst dann kann es zu dem Schluss kommen, dass man Recht und Gerechtigkeit nicht einfach so findet. Man kann sich diesen Idealen nur annähern.



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