Pro

Ja doch: Es ist ein Kreuz mit der Deutschen Bahn. Je näher der Urlaub rückt, desto mulmiger wird mir. Es wird damit beginnen, dass wir frühmorgens durch den Berliner „Einkaufsbahnhof“ hasten, wo es alles gibt – nur nicht die schnelle warme Brezel, nach der das Kind gerade greint. Und dann: Wagenreihung! Umsteigen! Anschlusszüge! Klimaanlage! Ersatzverkehre! Mindestens einmal werden wir uns angegiftet haben, bevor das Ziel verspätet erreicht ist. Und doch nervt mich das Gejammer über die Bahn manchmal mehr als die Bahn selbst.

Das ist besonders dann der Fall, wenn die Bahn-Klage in Verbindung mit einer maliziös intonierten Rede vom „Staatskonzern“ einhergeht. Dass die Privatisierung der DB bislang nur in der Unternehmensform

Pro

Ja doch: Es ist ein Kreuz mit der Deutschen Bahn. Je näher der Urlaub rückt, desto mulmiger wird mir. Es wird damit beginnen, dass wir frühmorgens durch den Berliner „Einkaufsbahnhof“ hasten, wo es alles gibt – nur nicht die schnelle warme Brezel, nach der das Kind gerade greint. Und dann: Wagenreihung! Umsteigen! Anschlusszüge! Klimaanlage! Ersatzverkehre! Mindestens einmal werden wir uns angegiftet haben, bevor das Ziel verspätet erreicht ist. Und doch nervt mich das Gejammer über die Bahn manchmal mehr als die Bahn selbst.

Das ist besonders dann der Fall, wenn die Bahn-Klage in Verbindung mit einer maliziös intonierten Rede vom „Staatskonzern“ einhergeht. Dass die Privatisierung der DB bislang nur in der Unternehmensform vorbereitet, aber eigentumsmäßig nicht vollzogen wurde, ist gewiss nicht das Problem. Im Gegenteil spricht, wer über den „Staatskonzern“ lästert, aus einer Haltung, deren Umsetzung die Dinge – siehe Großbritannien – noch schlimmer machen würde.

Auch ärgert es mich einfach, dass man dem Auto nachsieht, was man der Bahn zum Vorwurf macht: Ich kann am eigenen Beispiel berichten: Stockung auf der A9 am Hermsdorfer Kreuz? Kolonnenstress auf der A6 bei Nürnberg? Eine Runde Stuttgart-Stau. Was aber sagte ich, als ich noch öfter mit dem Auto an den Bodensee fuhr? Bei einer Steh- und Kriechzeit unter anderthalb Stunden war ich „eigentlich gut durchgekommen“. Und wenn nicht, gab ich mir selbst die Schuld: Hätte ich halt die A7 genommen und ab Ulm die Landstraße. Die ist doch jetzt gut ausgebaut!

Im Abteil entsteht Gemeinschaft

Ja, die Deutsche Bahn enttäuscht. Aber vor dem Hintergrund eines Versprechens, dessen Dimension wir uns zu selten klarmachen: dass es möglich sei, jederzeit bis auf die Minute planbar durch ein so großes Land zu fahren. Vom Auto erwartet derlei niemand. Es individualisiert auch die Unwägbarkeit des Reisens. Ist im Zug der Anschluss in Gefahr, entsteht im Abteil eine Opfer-Gemeinschaft: Man klagt sein Leid, man wird sarkastisch – und fühlt sich verstanden; manchmal suchen gar Teenies auf ihren Handys für Ältere nach Anschlussalternativen. Den Stau hingegen verursachen immer die anderen. Man sieht sie als Konkurrenz um jeden Meter Asphalt. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, ganz besonders im Autostau: deswegen das Hupen, Gestikulieren und Fluchen.

Sie finden es recht schöngeistig, sich solcherart über das Bahn-Chaos zu trösten? Dann hören Sie sich das Folgende an: Auf eine seltsame Weise gefällt mir dasselbe sogar. Ich stelle mir dann vor, es seien Leute etwa aus Südeuropa im Zug, deren Klischees vom perfektionistisch-rigiden Funktionsdeutschland gerade zerplatzen: Macht uns das Kreuz mit der Bahn in der Nachbarschaft nicht nahbarer und sympathischer?

Ich verstehe die Klagen von Leuten, die beruflich viel Bahn fahren. Oder die dem Auto aus Überzeugung entsagen und immer wieder enttäuscht werden. Es ist keine „Anspruchshaltung“, sich auf einen Fahrplan verlassen zu wollen. Einer Bahn-Politik, die Menschen wie planvoll abschreckt, gebe ich gewiss keinen Freifahrtschein. Wenn die jüngsten Berichte stimmen, nach denen das Chaos jetzt erst richtig beginne, weil man die Infrastruktur sehenden Auges verschlissen hat, dann macht auch mich das wütend. Aber zumindest auf den seltenen Fernreisen, für die ich persönlich die Bahn brauche, versuche ich, Geduld zu wahren. Ein kleines bisschen gehört zum Vergnügen des Reisens ja auch eins – seine Unwägbarkeit. Velten Schäfer

Contra

Viele Menschen selbst in meinem Umkreis können oder wollen auf den eigenen Pkw nicht verzichten. Öffentliche Verkehrsmittel sind für sie ein Schreckgespenst. Ich bin da ganz anders, eigentlich. Ich fahre im Grundsatz sehr gerne Bahn. Während meines gesamten Studiums bin ich zwischen Duisburg und Bochum gependelt – mit Nahverkehrszügen, die sich natürlich immer wieder verspäteten und zu den Stoßzeiten proppevoll waren. Aber das war bei mir eben so: War eine Strecke für das Fahrrad zu weit, nahm man eben eine Bahn, was denn auch sonst. Etwas später in meinem Leben begann ich, oft auf Vortragsreise zu gehen. Auch das natürlich mit der Bahn – von Kiel bis Freiburg, von Aachen bis Pirna. Oft ist es so, dass ich von Städten eigentlich nur den Bahnhof kenne und die jeweiligen Veranstaltungsorte. Das „Autoland“ Deutschland ist für mich sozusagen eine Ansammlung von Bahnhöfen und Vortragssälen.

Doch während der Jahre mit den vielen Vortragsreisen bekam auch meine Liebe zur Bahn erste Risse. Die Nachtzüge, in denen man früher nach einer anstrengenden Veranstaltung ein paar Stunden schlafen konnte, bevor man anderswo wieder auf die Bühne sollte, wurden einfach abgeschafft. Direktverbindungen auf Fernstrecken, die wohl nicht profitabel genug waren, stellte man ein oder strich sie zusammen – wie etwa die Verbindungen von Duisburg nach Leipzig und Erfurt. Kleinere Verspätungen gab es immer. Nun aber häufte sich das: Würde man den Anschluss kriegen? Oder wieder eine Stunde in Hannover Hbf herumhängen, bis die Bahn nach Leipzig fuhr? Als Bahn-Fan keine große Sache, da plant man eben einen Zeitpuffer ein. Dachte ich anfangs.

Aber insbesondere in den vergangenen zwei Jahren wird die Deutsche Bahn auch für mich zunehmend zur Tortur. Reisen ohne Zugausfälle und verpasste Anschlüsse sind eher eine Seltenheit. Wer heute eine Bahnfahrt ohne größere Probleme und ohne massive Verspätungen erlebt, postet es schon fast auf Social Media: „Bahn pünktlich, problemlos angekommen“ – wow! Eine bemerkenswerte Begebenheit!

Bahnfahren muss keine Qual sein

Mehrfach musste ich inzwischen Fahrten tatsächlich abbrechen und Termine dann sehr kurzfristig absagen, weil einfach kein Durchkommen war. Bekomme ich Anfragen für Vorträge, überlege ich mir sehr genau, ob ich mir die zeitintensive und mühselige Bahnfahrt tatsächlich antun möchte. Gar nicht so selten sage ich aus diesem Grunde ab. Und genau ab jetzt werden für drei Monate die Züge voll sein mit Menschen, die wegen des 9-Euro-Tickets mal testen wollen, ob die Bahn nicht doch eine Alternative sei. Da sind Enttäuschungen doch absehbar.

Muss Bahnfahren eine Qual sein? Natürlich nicht. Es ist schlicht die Folge einer Politik, die darauf gesetzt hat, dass der Betrieb von öffentlichen Verkehrsmitteln profitabel sein müsse und alles, was sich kurzfristig „sparen“ ließ, auch gestrichen wurde. Wirft eine Strecke nicht genug ab, wird sie eingestellt. Erhalt und Ausbau der Strukturen, etwa der Stellwerke, kostet viel Geld. Also werden Instandsetzungsarbeiten verschleppt und verbaselt, bis es zu spät ist. Dann muss man alles auf einmal machen – oder es geht eben nichts mehr. An diesem Punkt sind wir jetzt angekommen. Derweil hatten die Verkehrsminister der jüngeren Vergangenheit für die Wünsche der Autolobby immer ein offenes Ohr hatten. Genau, Andreas Scheuer, von Ihnen ist die Rede! Noch bin ich nicht ganz so weit wie meine Bekanntschaft, die beim Thema Bahnfahren schon immer abwinkt. Aber ich bin auf dem Weg dorthin. Sozusagen per Direktverbindung. Ismail Küpeli



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