Schon vor hundert Jahren wussten die Comedian Harmonists um die Bedeutung von Freundschaften. Doch was ist das Geheimnisvolle, das diesen großen Begriff der Freundschaft umweht? Welche Bedeutung hat Freundschaft für uns? Wie entstehen Freundschaften und warum zerbrechen sie zunehmend häufiger? Und zu guter Letzt: Können wir etwas dagegen tun, um den Wert von Freundschaften vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit zu bewahren – und sollten wir überhaupt? Diesen und weiteren Fragen versucht Sebastian Schoepp in seinem aktuellen Buch „Rettet die Freundschaft“ auf den Grund zu gehen. Eine Rezension von Lutz Hausstein.

Die Krisen der letzten Jahre haben erheblich in der Struktur unseres Freundeskreises gewütet. Flüchtlingskrise, maßnahmendurchtränkte Jahre des Corona-(Miss-)Managements, aktuell die Schrecken des Ukrainekrieges – all dies hat vor dem Hintergrund extrem polarisierender Medienberichterstattung auch zu extrem kontroversen Auseinandersetzungen zwischen jahrelangen Freunden geführt, die in einer bis dahin nur selten festzustellenden Schärfe geführt wurden und in nicht wenigen Fällen sogar diese Freundschaften beendet haben. Dabei durchleben Freundschaften ohnehin schon im Laufe unseres Lebens erhebliche Belastungsproben. Rivalitäten in Bezug auf die erste große Liebe, sich gegensätzlich entwickelnde Interessen, Umzüge durch schulische, private oder berufliche Veränderungen, Vernachlässigung der Freundschaften durch stärkere Fixierung auf Lebenspartner und Familie sowie beruflicher Stress – all das stellt die Freundschaften auf eine oftmals harte Probe und nur überschaubar wenige überstehen diese auch. Die lang anhaltenden Kontakteinschränkungen während der Corona-Lockdowns sowie die immer tiefer werdenden Risse in unserer Gesellschaft haben den bis zu diesem Punkt überlebenden Freundschaften noch weiter schwer zugesetzt. Unsere ohnehin schon vereinzelte Gesellschaft droht nun endgültig atomisiert zu werden.

All diese einzelnen Punkte erzählt Sebastian Schoepp aus seiner ganz privaten Sicht. Keine anonymen Personen, sondern Freunde, die er namentlich benennt, sie einbettet in ihr gemeinsames Leben, ihr Kennenlernen, ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. In den Erhalt ihrer Freundschaft, ihr manchmal wundersames Wiederaufblühen nach jahrelanger Sendepause – aber auch ihr Scheitern. Wie sehr Schoepp dabei einen Abriss seines eigenen Lebens gibt, bemerkt der Leser an den Stellen gegen Ende des Buches, als Personen plötzlich wieder auftauchen, die schon einmal zu Beginn Raum eingenommen haben, und der Leser sie als „alte Bekannte“ wiedererkennt. Regelmäßig werden die einzelnen Aspekte, die Schoepp an den Freundschaften analysiert, von längeren Verweisen auf die menschliche Historie unterbrochen, die seine ganz persönlichen Erfahrungen im großen geschichtlichen Kontext widerspiegeln. Dabei greift er auf eine kaum mehr zu zählende Menge an Zitaten verschiedenster Personen zurück, von Aristoteles über Michel de Montaigne, Adolph Freiherr Knigge, Thomas Bernhard, Hannah Arendt, Niklas Luhmann bis hin zu Ulrich Beck oder Diana Kinnert.

Es sind genau diese vielen kleinen, ganz persönlichen Geschichten, die die eigenen Erinnerungen wecken. Mitten in einer von Schoepps Geschichten stockt plötzlich der Lesefluss und die Gedanken des Lesers beginnen ein Eigenleben zu entwickeln. Erinnerungen an ähnliche Lebenssituationen, an die damaligen Freunde. Freunde? Ja, damals, mit der überschaubaren Lebenserfahrung eines noch jungen Lebens, war man schnell mit jemandem befreundet. Und nicht selten ebenso schnell wieder entfreundet. Ähnlich oberflächlich und vorschnell, wie man heutzutage in den sozialen Medien sogenannte „Freundschaften“ schließt und sie ebenso schnell wieder beendet. Doch neben diesen gab und gibt es eben auch die Freundschaften, die diesen Namen wirklich verdient haben. All das kann man jedoch erst später mit einer gewissen Erfahrung viel besser bewerten. Umso schöner ist es, wenn durch Sebastian Schoepps Geschichten die eigenen Erinnerungen wieder geweckt werden und peu a peu ins löchrige Bewusstsein zurückkehren.

Genau hier liegen die Stärken des Buches und man ist als Leser geradezu dankbar, dass Sebastian Schoepp viele der tief vergrabenen Erinnerungen aus dem vollständigen Dunkel wenigstens wieder ein klein wenig ins Schummerlicht zurückgebracht hat. Mit diesen Umständen definiert sich auch die Kernzielgruppe des Buches. Vor allem dürften sich Leser angesprochen fühlen, die eine gewisse Lebensreife mitbringen, die auf vielfältige eigene Erfahrungen mit Freundschaften zurückblicken können. Und die sich so möglicherweise darin bestärkt fühlen könnten, verlorengegangenen Freundschaften noch einmal nachzugehen und sie auf ihre Wiederbelebung hin zu prüfen. Oder um festzustellen, dass manche der alten Freundschaften einfach ihre Zeit hatten und ein Aufleben ebendieser nicht mehr möglich ist.

Immer wieder versucht Sebastian Schoepp, dem geheimnisvollen Wesen von Freundschaft auf den Grund zu gehen, dieser zwischenmenschlichen Beziehung, die so vielfältig ist und sich kaum in ein klares Schema pressen lässt. Meist macht er dies auf indirekten, deskriptiven Wegen, hin und wieder formuliert er konkrete Vorstellungen, die er mit Einlassungen prominenter Vorfahren oder Zeitgenossen würzt (Seite 62):

„Freundschaft ist eben ein auf Freiwilligkeit beruhendes Verhältnis, damit kommt nicht jeder zurecht. Sie existiert zunächst um ihrer selbst willen – ist ein „zweckfreies Füreinanderdasein“. Sie steigert nicht den Gewinn, sie bringt selten Applaus ein, sie sorgt nicht für den Erhalt der Art. Zu ihren wichtigsten Merkmalen zählt laut Eichler, „dass sie kaum normiert ist, obwohl sie zu den wertvollsten menschlichen Beziehungen gehört“. Ein paar Kriterien lassen sich aber herausarbeiten: Neben der Freiwilligkeit sind das Gleichheit, Ehrlichkeit, Respekt und Reziprozität, das heißt, die Beziehung muss als beidseitig erlebt werden.“

Und einen guten Rat gibt Schoepp uns allen mit – gerade in diesen Zeiten, in denen die kontroversen Debatten beständig neue Gipfel erklimmen. Denn die zunehmend mangelnde Bereitschaft, sich sachlich-konstruktiv mit anderen Standpunkten auseinanderzusetzen und konträre Positionen gegebenenfalls auch zu tolerieren – was ich persönlich gern mit dem Satz „ich bin streitbar, aber nicht streitsüchtig“ kurz und knackig zusammenfasse – beraubt uns alle der Chance, an diesen Diskussionen zu wachsen und unsere eigenen Ansichten stets aufs Neue zu überprüfen (Seite 71):

„Macht es nicht gerade den Reiz der Freundschaft aus, von Zeit zu Zeit zu streiten, die eigene Position zu überprüfen, zu festigen oder zu verwerfen, sich selbst im Gegenüber zu spiegeln? Vielleicht lassen sich der Freund, die Freundin, ja umstimmen? Oder vielleicht liege ich falsch mit meiner Ansicht? Bricht man die Beziehung ab, werden gute Bekannte ihre Meinungen sicher nicht justieren. Würde es sich nicht lohnen, in einer Welt der Abgrenzung, in der Veganer nicht mehr mit Fleischessern reden und Impfgegner nicht mehr mit Geimpften, wieder mehr nach Gemeinschaft zu suchen und Großzügigkeit walten zu lassen, anstatt nach Defiziten zu fahnden? Daniel Schreiber betont: Erst ‚die gegenseitige Anerkennung der jeweiligen Andersartigkeit sorgt dafür, dass Beziehungen wachsen.‘“

All das – und noch einiges mehr, worüber Sebastian Schoepp in seinem Buch schreibt – hat auch in meinen eigenen Erinnerungen einen Widerhall erzeugt. Die fast „dicker als Blut“ gewesene Freundschaft zu einem Studienfreund, die nun trotz einiger Versuche kein neues Leben erfahren hat. Das nicht minder enge Vertrauensverhältnis zu einem anderen Kommilitonen, das im Strudel von eigenem Fehlverhalten und Ablehnung dieser Freundschaft durch die damalige Partnerin auf der anderen Seite gescheitert war. Welches jedoch nach fast zwanzigjähriger Sendepause bei einem Studientreffen so übergangslos wieder aufblühte, als wäre kein einziger Tag vergangen. Sofort wieder dieses blinde Verständnis, der gleiche hintersinnige Humor, der sich nicht jedem Außenstehenden sofort erschließt, die Übereinstimmung in den grundlegenden Fragen des Lebens und dennoch die Diskussion über einzelne Aspekte, ohne dabei Respekt und Toleranz zu vergessen. Und genau diese Punkte sind es doch, auf denen eine enge und tiefere Verbindung zu jemand Anderem basiert.

Über all das schreibt Sebastian Schoepp anhand seiner eigenen Erlebnisse und weckt damit bei Leserinnen und Lesern das Interesse, es ihm gleichzutun. Es ist ein Buch, das bei ihnen ein neu aufflammendes Interesse an der Freundschaft entfacht. Es stellt zwar keineswegs eine Glorifizierung der Institution Freundschaft dar, dennoch ist es eine Lobpreisung dieser. Die Leser lernen, den Wert von Freundschaften wiederzuentdecken. Das kann zweifelsohne als Quintessenz von Sebastian Schoepps Buch herausgestellt werden. Denn: Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.

Sebastian Schoepp, Rettet die Freundschaft, Westend Verlag Frankfurt/Main, 2022, 240 Seiten, Hardcover, 24 Euro



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