Mit den billigen 9-Euro-Tickets strömt alles in die Züge. Doch keine Sorge: Auf der Schiene fahren die sozialen Milieus weiter säuberlich getrennt

9-Euro-Revolution: Klassenkampf im ICE

Die Rolltreppe zu den Bahnsteigen spuckt einen in die Menge, ob man will oder nicht: Rucksäcke! Koffer! Tüten! Menschen, so viele Menschen! Mit Kindern! Mit schreienden Kindern! Aufgerissene Babymünder, quengelnd verzerrte Mädchenaugen, „ich will aber!“, „jetzt reicht’s mir aber!“, genervte Elternaugen, Geschrei, dann fährt der Zug ein. Menschentrauben vor den Eingängen. Aber nicht vor allen. Da hinten ist der Wagen mit gelbem Streifen, eine „1“ ziert ihn. Unsere Reisende boxt sich durch und steigt ein. Kühl. Und ruhig. Vereinzelte Menschen in Anzügen und Blusen tippen leise. Die Reisende nimmt sich am Eingang eine Zeitung und sucht sich einen einzelnen Sitz am Fenster, so kann sich niemand neben sie setzen. Wenn gleich die Bedienung kommt, bestellt sie sich einen schönen Cappuccino. Sie schlägt die Zeitung auf. „Linke will 1. Klasse wegen überfüllter Züge öffnen“, steht da.

Es ist Sommer, es wird gereist, es wird mal wieder über die Bahn diskutiert. Schon wieder Verspätung hier, Schaden an der Lok dort, und dann das Lieblingsspiel: geänderte Wagenreihenfolge! 1. Klasse bitte nach hinten, 2. Klasse bitte nach vorne, Massenwanderung. Ein lustiges Gesellschaftsspiel: Die Bahn ist einer der letzten Orte, an dem die verschiedenen Milieus dieser Gesellschaft, verschiedene Einkommen, verschiedene Lebensweisen so dicht zusammenkommen. Bitte nicht zu dicht. Wer es finanzieren kann, setzt sich ins Séparée.

Mitten in die Debatten zur Einführung des 9-Euro-Tickets hinein fordert die Linke nun, die letzte Zuflucht vor der lärmenden, virenspuckenden Menschenmenge abzuschaffen. Die empörten Kommentare folgen. Von Geschäftsreisen ist die Rede, vom ruhigen Arbeiten in der Bahn, von Bedürfnissen und Prioritäten: „Mal davon abgesehen, dass es nicht schlimm ist, wenn man in Regionalzügen mal stehen muss, sollte es auch nicht schlimm sein, wenn Leute einen Aufpreis bezahlen wollen, um eine höhere Chance auf einen Sitzplatz zu bekommen“, heißt es da auf Twitter. Als wäre es eine freie Entscheidung, 1. oder 2. Klasse zu reisen. Ist es nicht.

Die kleine 9-Euro-Revolution

Die soziale Auslese beim Reisen fängt vor Betreten des Bahnhofs an: Die meisten Armen fahren schon mal gar keinen Zug. Das ergab das Forschungsprojekt MobileInclusion der Technischen Universitäten Hamburg und Berlin zum Mobilitätsverhalten von Erwerbslosen bis 2021. Nur wenige der Befragten zögen Fernreisen überhaupt in Betracht, erklärt Stephan Daubitz: „Für den Typus der ‚Erlebnishungrigen‘ ist der Wunschraum wesentlich größer als ihr Aktionsraum. Diese Gruppe nutzt Mobilitätsportale und nimmt schon mal ein Fernbusangebot wahr, um in ein anderes Bundesland zu reisen.“ Aber Zugfahren sei auch in dieser Gruppe kein Thema: „Es ist nicht so, dass der Satz fällt: ‚Ich nutze den ICE nie.‘ Es wird einfach nicht davon gesprochen, die Bahn ist nicht Teil des gedachten Möglichkeitsraums. Die Strategien sind eher Flixbus oder Mitfahrgelegenheiten.“ Ganz anders sei es etwa bei der Gruppe der Wohnumfeld-Verbundenen: Die bleiben im Kiez, im Quartier, wie schon ihre Eltern, die in Armut lebten.

Was der Mobilitätsforscher Daubitz deutlich macht: Wer welches Verkehrsmittel nutzt, ist nicht nur eine Frage des Preises. Die Bahn bietet durchaus Super-Sparpreis-ICE-Tickets für 12,90 Euro an. Die meisten Erwerbslosen würden jedoch gar nicht erst auf der Bahnseite nach diesen ICE-Tickets schauen. „Möglichkeitsraum“, das ist so ein Schlüsselwort für Mobilität in dieser Gesellschaft: Wer sieht welche Räume als erreichbar an? Das nächste Bundesland? Italien? Mexiko? Der Möglichkeitsraum, so Daubitz, „wird durch die Optionen begrenzt, die den befragten Personen nicht ‚in den Sinn‘ kommen“. Für viele Erwerbslose seien das Fernziele grundsätzlich.

Was sich mit dem 9-Euro-Ticket jetzt ändern könnte: Hier betritt eine gesellschaftliche Gruppe vermehrt den Bahnverkehr. Eine kleine Revolution – die offenbar bis in die 1. Klasse des ICE schwappt: Denn dort, rund drei Bahnklassen von den Regionalbahnen entfernt, fürchten manche Bahnreisende nun um ihre Abschottung. Nicht ganz zu Unrecht. Die Geschichte zeigt, dass die Klassengesellschaft auch in der Bahn nicht sicher ist. Als der Zugbetrieb im 19. Jahrhundert begann, bildete er die ständische Klassengesellschaft ab: Die Ausstattung der Innenplätze der bis dahin genutzten Postkutsche wurde für die erste und zweite Klasse übernommen, die dritte Klasse hatte Holzbänke, wie die Außenplätze der Postkutsche, und wurde als „Holzklasse“ bekannt. Um Geringverdienern das Bahnreisen zu ermöglichen, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts eine vierte Klasse eingeführt: Es gab fast nur Stehplätze, keine Fenster und oft auch kein Dach. Die 4. und die 3. Klasse wurden stark genutzt, die ersten beiden Klassen blieben recht leer.

Während mit der Zeit die feudalistische Ständegesellschaft in die industriekapitalistische Klassengesellschaft und dann in die Schichtengesellschaft des Neoliberalismus überging, reduzierten sich in der Bahn die Wagenklassen auf zwei Kategorien. Im städtischen Verkehr fielen sie ganz weg – allerdings erst spät: Die Hamburger S-Bahn fuhr noch bis in den Herbst 2000 mit Abteilen der 1. Klasse. Und in Berlin wurde die 1. Klasse 1996 für die S-Bahn sogar neu eingeführt, um sie nach kurzer Zeit wieder abzuschaffen. Diskutiert wird die Wiedereinführung immer wieder. Erst 2021 hatte eine Studie im Auftrag des Weltwirtschaftsforums vorgeschlagen, dass die Berliner Verkehrsgesellschaft mit einer 1. Klasse Besserverdienende durch höheren Komfort in ihre U-Bahnen locken könnte – und die dadurch die 2. Klasse subventionieren. Auch bei der Bahn wird gerne argumentiert, die teuren Tickets würden die günstigen ermöglichen. Ob das so ist, ist schwer herauszufinden: „Wir gehen davon aus, dass die 1. Klasse – insbesondere im Nahverkehr! – ziemlich ineffizient ist, weil der höhere Platz- und Betreuungsbedarf der Kund:innen dort gar keine so sehr hohen zusätzlichen Einnahmen mit sich bringt“, sagt Bahn-Experte Bernhard Knierim, der sich für eine sozial gerechte Mobilität engagiert. Aber: „Da die tatsächlichen Zahlen der DB zu verkauften Tickets gehütet werden wie ein Staatsgeheimnis, ist es schwer, das herauszufinden.“

Reiche haben Raum, Arme nicht

Auch im Fernverkehr wurde schon klassenlos gefahren. Bis 1979 verkehrte der IC nur mit einer Klasse für alle. Im Regionalexpress besteht der Unterschied nur darin, in der 1. Klasse gesichert einen Sitzplatz zu bekommen – und in einer Glastür. Im ICE ist die 1. Klasse schon mit mehr Privilegien verbunden: bequemere und größere Sitze, Bedienung am Platz, Gratis-Zeitungen. Bis 2014 konnte man hier auch kostenlose Getränke erhalten. Und: Mit dem Ticket verbunden ist die Nutzung der DB Lounge an Bahnhöfen.

Wie schon in den ersten Zügen des 19. Jahrhunderts bleibt der zentrale Unterschied zwischen den Klassen also die Frage, wie eng gedrängt man reisen muss. Das zeigt sich laut der Berliner und Hamburger Studie MobileInclusion übrigens auch im Stadtverkehr. „Über die Klassen hinweg steigen die Schnellbahn-Abfahrten in urbanen Gebieten mit der Kaufkraft an“, heißt es darin: Wo Menschen mit geringem Einkommen leben, müssen sie sich stärker in den ÖPNV quetschen als dort, wo Menschen mit höherem Einkommen leben.

Dass die Frage der Enge im Lebensalltag eine Klassenfrage ist, darauf wiesen auch Gesundheitsforschende in der Pandemie hin. Die Covid-19-Infektion sei „vor allem vom Sozialstatus abhängig“, so hieß es aktuell wieder in einer Studie der Universität Bielefeld. Als einen zentralen Grund hierfür nannten Ungleichheitsforscher anderer Studien zuvor die Unmöglichkeit, den Kontakt mit anderen Menschen zu meiden: Menschen mit geringem Einkommen nutzen öffentliche Verkehrsmittel und arbeiten teils dicht gedrängt ohne die Möglichkeit auf Homeoffice. Die Ausbrüche in den Fleischfabriken von Tönnies und in Hochhäusern waren schon 2020 erste Hinweise auf diese Klassen-Raum-Schieflage.

„Zu uns“ in die 1. Klasse

In der Mobilitätsforschung ist bekannt, dass mehr Raum pro Person die meisten CO2-Emissionen erzeugt: Das gilt für Autos, die stärker genutzt werden, je höher das Einkommen ist, und das gilt natürlich auch für die 1. Klasse in Flugzeugen, deren Plätze mehr Raum einnehmen und weniger Passagiere pro Flugzeug zulassen. Ähnliches gilt wohl auch für den Zug – einen der letzten Orte, an dem platzverwöhnte Gutverdienende und Enge-gequälte Wenigverdienende noch aufeinandertreffen. Umso stärker ist das Abgrenzungsbedürfnis: „Tut mir leid, aber wer zu uns in die 1. Klasse will, soll das auch gefälligst bezahlen. Das ist so, als würde man meckern, dass Autos unterschiedlich viel kosten“, wird auf Twitter gemeckert. Das „zu uns“ zeugt von einem für das 21. Jahrhundert beeindruckend ausgeprägten Klassenbewusstsein.

1. Klasse buchen und gefälligst auch bezahlen, das heißt für eine Hin- und Rückfahrt von Hamburg nach München im Juli: 271,80 Euro. Der Mindestlohn beträgt nun bald zwölf Euro, das sind 2.080 Euro brutto, knapp 1.500 Euro netto, wenn ich ledig bin. Wer gibt 18 Prozent des Monatslohns für eine Fahrt aus? Bei Hartz IV sind 40 Euro pro Monat für Verkehr vorgesehen und es wird bereits diskutiert, die 9-Euro-Tickets anzurechnen und die Differenz zu den normalen Tickets zumindest bei Schüler*innen zurückzahlen zu lassen.

Ginge es bei der 1. Klasse nicht um Geldbeutel, sondern um Bedürfnisse nach Ruhe und Raum, müsste sie hingegen allen kranken, alten und abgearbeiteten Menschen zur Verfügung stehen. Da chronische Krankheit und Arbeitsunfähigkeit mit die größten Armutsrisiken darstellen, ist jedoch das Gegenteil der Fall. Und wie (nicht reiche) Menschen mit Behinderung das 9-Euro-Ticket sehen, konnte man jüngst auch auf Twitter nachlesen: „Ja, ich hatte mich gefreut. Echt. Mit Freund_innen in weiter entfernte Museen fahren, Ausflüge machen, rauskommen“, schrieb eine Nutzerin, aber: „Pustekuchen. Wenn die Bahnen so dermaßen überfüllt sind und teils geräumt werden, ist es für Krüppel leider fast unmöglich. Es wird keine/kaum Hubkäfige geben. Anschlüsse werden nicht erreichbar sein. (…) ich tu das nicht behinderten Freund_innen nicht an – ein Ausflug, auf den 1 sich freute, nicht oder nur sehr verkürzt machen zu können, weil das Fahren mit ’nem Krüppel so problematisch und aufwendig ist.“ Kaputte Toiletten, kaputte Fahrstühle, zu wenig Hubkäfige: Menschen mit Behinderung beklagen immer wieder die mangelnde Barrierefreiheit in den Zügen. Überfüllung ist ein Faktor, der ihren Ausschluss weiter vorantreibt. In die 1. Klasse dürfen sie dadurch noch lange nicht.

Das ändert sich auch nicht durch den Vorschlag der Linke-Vorsitzenden Janine Wissler: Dass bei Überfüllung die Zugbegleiterinnen angewiesen sind, die 1. Klasse zu öffnen, ist längst Praxis. Das passiert beim ICE nur ganz selten mal, da ordnet unsere Gesellschaft schon von ganz allein vor. Oder, wie der Mobilitätsforscher Stephan Daubitz sagt: „Die unterschiedlichen Mobilitätsroutinen werden manifest, sie ändern sich nicht mehr. Weil Armut letztendlich in die Knochen kraucht.“

Unsere Reisende, die sich gerade noch durch die Menschenmenge auf dem Bahnsteig in die 1. Klasse durchboxen musste, ist also nicht erwerbslos oder geringverdienend, sondern gehört vermutlich der oberen Mittelschicht oder der Oberschicht an – verdient also mindestens 4.000 Euro brutto. Aber die IT-Spezialistin, Ärztin oder Ingenieurin muss sich nicht sorgen: Noch bleibt in der Bahn alles, wie es seit dem 19. Jahrhundert ist. Die Geringverdiener reisen stehend im Pulk, die Spitzenverdienerin reist sitzend mit Platz.

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