Kommt jetzt die nächste Pandemie, obwohl die letzte noch nicht richtig vorbei ist? Viele Menschen reagieren unwillig auf Meldungen über die Affenpocken. So ging es auch den Medienleuten bei der Pressekonferenz mit dem Bundesgesundheitsminister Mitte Mai. Karl Lauterbach beruhigte: Für die allgemeine Bevölkerung bestehe keine Gefahr, eine weltweite Verbreitung der Affenpocken sei unwahrscheinlich. „Das ist nicht der Beginn einer neuen Pandemie!“ Seitdem überbringen Medien die frohe Kunde, die Affenpocken seien nicht das neue Covid-19.

Kein Grund zur Beunruhigung? Pandemien nehmen unterschiedliche Formen an. Manche Krankheitserreger (neue Influenza-Stämme etwa) machen kaum Unterschiede und befallen innerhalb kurzer Zeit große Teile der Bevölkerung. Andere Erreger sind weniger ansteckend. Sie verbreiten sich langsamer, manchmal anfangs nur in bestimmten sozialen Gruppen. Aber auch solche Infektionen können schwere Krankheiten verursachen und langfristig viele Menschenleben kosten – und diese Gefahr besteht bei den Affenpocken durchaus.

Ungewöhnlich hartäckige Weitergabe

In West- und in Zentralafrika grassiert das Virus seit vielen Jahren, mit steigender Inzidenz und Sterblichkeit. Bereits vor zwölf Jahren warnten Wissenschaftler, dass das Virus im Kongo in die Lücke stieß, die durch die Aussetzung der Pockenimpfung entstand. Seit 2017 häuften sich Fälle in Nigeria, ohne nennenswerte Gegenreaktion. Als Bedrohung gelten die Affenpocken erst, seit sie den Globalen Norden erreicht haben.

Seit Mai kommt es zu Erkrankungen außerhalb von Afrika. Anfang Juni waren es etwas mehr als 1.200 Fälle (vor allem in Europa, Nord- und Südamerika), meist Männer, die Sex mit Männern haben. Zwei große schwule Festivals in Belgien und Spanien, mit Besuchern aus aller Welt, haben wohl als „Superspreader-Events“ gewirkt.

Die Infektion verläuft oft mild. Bis Mitte Juni gab es außerhalb der endemischen Gebiete keinen Todesfall. Nervös macht die Mediziner aber die ungewöhnlich hartnäckige Weitergabe. Bisher kannten sie lediglich Infektionsketten, bei denen das Virus vom Tier auf einen Menschen übergeht und dann maximal zwei weitere Personen infiziert. Außerdem verursachen die Affenpocken in vielen Fällen weniger schwere Symptome. Patienten entwickeln nicht Fieber und Abgeschlagenheit, sondern nur Bläschen und Pusteln, wie sie typisch sind für Pocken-Erkrankungen. Die Hautveränderungen treten nicht mehr notwendigerweise am ganzen Körper auf, sondern nur um die Genitalien und den Anus herum.

Virus hat sich offenbar verändert

Mildere Infektionen bleiben häufiger unbemerkt oder werden mit anderen Haut- und Geschlechtskrankheiten verwechselt. Die Übertragungswege, über Tröpfcheninfektionen und möglicherweise auch über Sperma, wirken ebenfalls ungewöhnlich. Das Virus hat sich offenbar verändert. In 36 Ländern außerhalb der endemischen Gebiete wurden Affenpocken-Infektionen bestätigt. Zwischen vielen Fällen gibt es keine Verbindungen. Daher gehen Epidemiologen davon aus, dass die Affenpocken schon vor Mai zirkulierten, die WHO spricht „von einigen Woche, vielleicht Jahren“.

Es besteht die Gefahr, dass sich die Affenpocken außerhalb von Afrika einnisten. Wenn es schlecht läuft, könnten sie in Risikogruppen endemisch werden und von dort aus sporadisch auf die Allgemeinbevölkerung übergreifen. Gefährlich sind sie besonders für Kinder und Menschen mit geschwächtem Immunsystem (etwa wegen einer Aids- oder Krebserkrankung). Bis Mitte der 1970er Jahre wurden Kinder in BRD und DDR gegen die Pocken geimpft, weshalb ältere Menschen über eine gewisse Immunität verfügen.

Die Angaben zur Fallsterblichkeit liegen zwischen einem und elf Prozent. Dabei ist zu bedenken, dass Infektionen in einem zentralafrikanischen Land wie dem Kongo oder Kamerun tödlicher verlaufen als hierzulande. Dennoch sollten wir es mit der Gelassenheit nicht übertreiben: Wenn das Virus sich in den kommenden Wochen neue Regionen und Populationen erschließt, kann niemand sagen, welche Ausprägungen die Krankheit annehmen wird.

240.000 Pocken-Impfungen bestellt

Im Vergleich mit Covid-19 sieht die Situation in mancher Hinsicht besser aus. Affenpocken verbreiten sich nicht über Aerosole, damit langsamer; asymptomatische Übertragungen gibt es wahrscheinlich nicht. Weil der Erreger eng mit den Pocken verwandt ist, kennen wir geeignete Behandlungsmethoden. Bei näherem Hinsehen wirken diese Pluspunkte weniger beruhigend. „Aktuell sind alle genannten Substanzen für die Therapie einer Affenpocken-Infektion in Deutschland nur sehr eingeschränkt oder gar nicht verfügbar“, berichtet der „Ständige Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger“.

Mit „Ringimpfungen“ der Kontaktpersonen der Infizierten ließe sich der Ausbruch eindämmen. Allerdings müssen sie schnell eingesetzt werden, weil der Erreger sich möglicherweise weiter ausbreitet. Das Bundesgesundheitsministerium hat 240.000 Pocken-Impfungen bestellt. Die erste Lieferung von 40.000 Dosen soll „Mitte Juni“ eintreffen. Weil für eine Immunisierung zwei Dosen notwendig sind, wäre das genug für zunächst 20.000, dann für 120.000 Menschen. Die Ständige Impfkommission empfiehlt Männern, die Sex mit wechselnden Partnern haben, sich impfen zu lassen. Die Impfkampagne soll „noch im Juni“ beginnen. Die Deutsche Aidshilfe und andere Organisationen entwickeln gerade eine Aufklärungskampagne und raten Angehörigen der Risikogruppen zu Safer Sex.

Die Affenpocken-Epidemie belegt abermals – nach SARS, Zika, Nipah, Ebola, Lassa –, dass Zoonosen häufiger werden. Angetrieben wird dieser Trend von ökologischen Veränderungen wie Klimawandel und Waldverlust. Aufgrund der häufigeren Reisen und des internationalen Austauschs können sich solche Infektionen ausbreiten und dann auf „immunologisch naive Bevölkerungen“ treffen. Ob es uns gefällt oder nicht: Nach der Pandemie ist vor der Pandemie.



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