Im Englischen ist der „clusterfuck“ ein eher unanständiges Wort für ein großes Chaos. Es fehlt im Deutschen an so einer Vokabel, zweifellos wäre es aber die korrekte Bezeichnung für die Debatte rund um das Holocaust-Gedenken: so viele Stränge, so viele Interessen, Hass, Unverständnis, Unwissen. Aber auch manchmal: Empathie, Kenntnis, Offenheit.

Der Versuch, dem Chaos zu entkommen und eine nüchterne Bestandsaufnahme zu wagen, scheitert oft. Vergangenes Wochenende wurde er im Haus der Kulturen der Welt in Berlin dennoch unternommen: Hijacking Memory hieß eine viertägige Konferenz mit dem Untertitel „Der Holocaust und die Neue Rechte“, die dort stattfand. Organisiert und konzipiert wurde sie von der Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, Stefanie Schüler-Springorum, der US-Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, Susan Neiman, und der Wissenschaftlerin und Journalistin Emily Dische-Becker.

Die Panels dieser viertägigen Konferenz waren für deutsche Verhältnisse bemerkenswert, denn zu einschlägigen deutschsprachigen Redner*innen wie dem Publizisten Daniel Cohn-Bendit oder der Schriftstellerin Eva Menasse gesellten sich Gäste aus aller Welt. Der Anspruch der Konferenz wurde schnell deutlich: den deutschen Diskurs zum Holocaust-Gedenken, der aus nachvollziehbaren Gründen ein spezieller ist, zumindest teilweise hinter sich lassen.

Um zu verstehen, was die Neue Rechte aber überhaupt mit dem Holocaust-Gedenken zu tun hat, lohnt sich zunächst doch der Blick in die Bundesrepublik: Als der Bundestag im Januar dieses Jahres eine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus anberaumte, klagte die AfD. Aber nicht etwa, weil jene Partei, deren Vertreter das Holocaust-Erinnern in Deutschland als „Schuldkult“ oder die NS-Zeit als „Vogelschiss in der Geschichte“ bezeichnen, eine solche Gedenkstunde generell verhindern wollte, im Gegenteil: Die AfD klagte, weil sie teilnehmen wollte. Gehindert hatte sie daran die Pandemieverordnung des Bundestags.

„Holocaust verleugnen war gestern“

„Holocaust verleugnen war gestern, sich zum Holocaust bekennen ist die Tendenz“, so brachte es der Historiker und langjährige Leiter der Gedenkstätte für das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald, Volkhard Knigge, am zweiten Tag der Konferenz auf den Punkt. Die Neue Rechte will teilhaben am Diskurs, ihn mitgestalten, für sich nutzen. Knigge beschrieb minutiös, wie rechte Bewegungen – von der Terrorgruppe NSU bis hin zu neuen rechtspopulistischen Parteien – den Holocaust nicht länger als von den „Siegern der Geschichte“ erdacht beschreiben, sondern ihn vielmehr auf unterschiedliche Art für sich vereinnahmen. „Schön wäre es, wenn die KZs noch funktionstüchtig wären“, schrieben Antisemiten da in die Besucherbücher der Gedenkstätte, erklärt Knigge, anstatt den Genozid wie noch in den 90ern zum Mythos zu verklären.

Nicht immer ist der Hass so offensichtlich. Rechte Akteure wie Donald Trump in den USA, Viktor Orbán in Ungarn oder die Figuren der AfD in Deutschland geben sich freundlich gegenüber Israel und dem jüdischen Leben. Oft verfolgen sie damit aber eigene Interessen, etwa eine Rechtfertigung für ihren Hass auf Muslime, die sie als pauschal antisemitisch brandmarken und aus der Gesellschaft ausschließen wollen – bewaffnet mit der historischen Wucht des Gedächtnisses.

Seinen eindrücklichen Vortrag schloss Knigge mit einem Plädoyer gegen die Vereinnahmung des Gedenkens: „Die Produktion von Ungleichwertigkeit hat auf dieser Welt sehr, sehr viele Geschichten. Und wenn diese Geschichten sich nicht aussprechen dürfen oder sich nur in einer Geschichte wiedererkennen sollen, dann ist das hegemonial.“ Er bereitete damit vor, was auf der Konferenz Hijacking Memory neben den diskursiven Taktiken der Neuen Rechten hauptsächlich Thema wurde: das Instrumentalisieren des Holocaust-Gedenkens überhaupt, das wörtliche „Kapern der Erinnerung“, unabhängig von einer konkreten politischen Linie. Und genau darin liegt der Sprengstoff, das Potenzial für den „clusterfuck“, denn nicht nur Rechte leiten als Konsequenz aus dem historischen Verbrechen politische Ideen ab.

Inwiefern etwa das Gedenken benutzt wurde, um der Bewegung zur Schaffung eines ethnisch-jüdischen Staates – dem Zionismus – eine moralische Rechtfertigung zu geben, diskutierten Daniel Cohn-Bendit und Peter Beinart, Letzterer Professor für Politikwissenschaften in New York und selbsterklärter „liberaler Zionist“. Uneinigkeit bestand da, naturgemäß, vor allem hinsichtlich der BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions). Die Kampagne propagiert international den materiellen und kulturellen Boykott Israels, um das Land für seinen Umgang mit den Palästinenser*innen anzuklagen – für die einen ein antisemitischer „Kauft nicht bei Juden“-Abklatsch, für andere ein gewaltfreier Hilfeschrei angesichts einer menschenrechtlich katastrophalen Situation.

Hijacking Memory zeichnet zeitgemäßes Bild der internationalen Debatte

Üblicherweise genügt das Touchieren der BDS-Debatte, um Veranstaltungen in Deutschland explodieren zu lassen. Aus vergleichbaren Gründen kämpft die anstehende Documenta 15 in Kassel seit Wochen mit Kritik, die Kreise bis zum Zentralrat der Juden und ins Kulturstaatsministerium zog. Und doch verlief das Gespräch zwischen Beinart und Cohn-Bendit angenehm respektvoll und offen, wie die allermeisten anderen Panels.

Dass es zumindest lange während der Veranstaltung nicht zum großen Knall kam, mag an der relativen Einigkeit des Kuratoriums gelegen haben. Die drei Organisatorinnen fanden laut eigenen Aussagen über die Initiative „GG 5.3 Weltoffenheit“ zueinander. Diese schriftliche Erklärung entstand im Jahr 2020 als Einspruch gegen eine Bundestagsresolution, welche die BDS-Bewegung als antisemitisch klassifiziert. Explizit BDS-kritische, israelfreundliche Positionen blieben daher auf der Konferenz eine Seltenheit, zumal viele Panels bei dem selbsterklärten Rahmen „der Holocaust und die Neue Rechte“ blieben und dabei Diskussionen um Israel aussparten.

Zumindest bis zum Samstag, Tag drei der Konferenz. Da redete der in Großbritannien lebende palästinensische Aktivist und Autor Tareq Baconi zum Thema „Palästina und Holocaust-Erinnerungspolitik“ und bediente die gesamte antiisraelische Klaviatur. Unter anderem sprach er von Kindermorden des Staates Israel, nannte das Land wiederholt einen „Apartheid-Staat“ und beschwerte sich über vorangegangene Redner*innen, deren Debatten um das Holocaust-Gedenken er als „jüdisches Psychodrama“ beschrieb – begleitet von Applaus.

Was zunächst ganz konsensuell wirkte, stellte sich später als entzündlich heraus: Der polnische Historiker Jan Grabowski und der polnische Journalist Konstanty Gebert – beide ebenfalls Referenten der Konferenz – verlasen einen Tag später ein gemeinsames Statement, in dem sie Baconi scharf kritisierten: „Wir wissen nicht, inwiefern die Anmerkungen von Herrn Baconi zu einem besseren Verständnis des Themas der gegenwärtigen Konferenz beitragen.“ In einem jüdisch-polnischen Online-Portal wurde Grabowski später deutlicher, insbesondere die Reaktion des deutschen Publikums bestürzte den Sohn eines Holocaust-Überlebenden: „Ich war schockiert, als ich sah, wie ein paar Hundert Deutsche enthusiastisch Worte voller Hass gegen Israel beklatschten.“

Trotz aller Bemühungen der Kuratorinnen, die vielen Panels von Hijacking Memory mit akademisch-nüchternem Anspruch zu entwickeln, steuerte die Veranstaltung für einen Moment dann doch auf den emotionsgeladenen „clusterfuck“ zu. Das ist bedauerlich, vor allem angesichts der vielen kenntnisreichen Panels, denen eine Vermischung von Aktivismus und Wissenschaft fern lag.

Einseitigkeit lässt sich den Kuratorinnen also nur schwer vorwerfen. Dass Antizionismus bei einer Konferenz zum Holocaust-Gedenken vorkommt, ist kaum noch als Verzerrung zu beschreiben: Insbesondere im progressiv-akademischen Raum in den USA und Großbritannien sind israelkritische bis -feindliche Positionen im Zusammenhang mit der Erinnerungsdebatte wenig umstritten, was nicht zuletzt der sogenannte Neue Historikerstreit eindrücklich zeigte (siehe der Freitag 11/2022). Insofern ist Hijacking Memory etwas gelungen, das für deutsche Verhältnisse tatsächlich recht einzigartig ist: ein zeitgemäßes Bild – ob nun ansehnlich oder nicht – einer internationalen Debatte.



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