„Meine Lieblingslektüre ist die Weinlese“, sagt Fabian Hinrichs in René Polleschs Geht es dir gut? an der Berliner Volksbühne. Mir geht’s genauso. Ich hab’s nicht mehr so mit der Kultur. Ich gehe da nicht mehr hin. Das lag an den Corona-Maßnahmen, ging aber schon vorher los. Dass ich kürzlich in die Volksbühne mitkam, liegt nur daran, dass ich um die Ecke wohne und treuer Pollesch-Fan der ersten Stunde bin.

Geht es dir gut? fand ich gut, auch wegen der Rakete und des echten Taxis auf der Bühne. In den ersten 20 Minuten war ich trotzdem kurz davor zu gehen.

Ich halte das nicht mehr aus, dachte ich. Ich kann das nicht mehr. Die unbequemen Sitze, die schlechte Luft – und dann: die anderen. Ich will kein Teil eines Publikums sein. Nicht gemeinsam lachen, nicht gemeinsam klatschen. Ich bin wegen der Pandemie und ihrer Lockdowns und Maßnahmen aus der Gesellschaft ausgestiegen und jetzt ist die Gesellschaft gespalten und ich auch, denn ich wurde einerseits verlassen und andererseits isoliert und jetzt gibt es kein Zurück mehr und es wurde zu viel kaputtgemacht und das habt ihr jetzt davon.

Pollesch/Hinrichs verhandeln genau das in Geht es dir gut?. Dafür seien sie an dieser Stelle gepriesen. Manche sagen, bei Pollesch ginge es nur noch um Pollesch, aber das stimmt nicht, weil es bei Pollesch nur noch um mich geht.

Marktwert in der Peer Group

Worum es woanders geht, weiß ich nicht und ich will es auch nicht mehr wissen, denn davor habe ich Angst. Ich war schon da. Ich weiß, wie das ist, und ich habe mich davon immer noch nicht erholt. Ich fürchte mich vor der Beklemmung und dem Schamgefühl, das ich dabei empfinde, wenn Schauspieler ihre Texte gnadenlos zu Tode deklamieren. Schauspieler, denen jede Spur von Leben und Natürlichkeit ausgetrieben wurde und die mit starren Gesichtern und leeren Augen im Chor brüllend an Bühnenrändern stehen. Wenn sie Glück haben. Wenn man ihre Gesichter überhaupt noch zu sehen bekommt. Wenn sie nicht einfach nur marionettenhaft Thesen bebildern und Engagement demonstrieren müssen. Wenn da überhaupt noch Schauspieler zu sehen sind. Und nicht Lakaien, Laien, Leidende, die sich selbst darstellen sollen oder als anonymer Teil einer immersiven Gesamterfahrung mit Livevideo, Livemusik und Live-Lightshow zwecks Anprangerung aktueller Machtverhältnisse instrumentalisiert werden.

Da wird verlesen, angeklagt, gefordert und zu Protokoll gegeben. Da werden Individualschicksale exemplarisch, Vorwürfe zu Ideologie und historische Zusammenhänge in kritische Kontexte gestellt. Da darf nicht aufgeblüht oder gestrahlt werden. Rampensäue sind nicht vegan.

Pardon. Das sind bestimmt alles ganz liebe Menschen, mit den allerbesten Absichten. Aber ich will das nicht sehen. Ich mag es ja schon im Privatleben nicht, wenn man mir eine Szene macht.

Das ist doch eigentlich das Schlimmste am Kunsterlebnis. Egal, ob man sich der Kunst im Theater, Kino, Konzert oder der Galerie aussetzt. Sie will immer irgendwie „gefunden“ werden. Wie so eine nervige Freundin. Ob sie nicht doch lieber ein anderes Top hätte anziehen sollen, ob die Hose zu den neuen Schuhen passt und zu denen hätte ich ja noch gar nichts gesagt, ob ich die etwa zu klobig fände? So was setzt mich unter Druck. Weil ich bin ja auch Narzisst. Ich will ja auch gut sein. Also auf jeden Fall gut im Urteilen, weil ich will, dass man mein Urteil gut findet. Weil man doch „danach“ immer gefragt wird, wie „es“ war, und wenn man da was Fundiertes von sich gibt, dann steigert das den Marktwert in der Peer Group.

Hinrichs will lieber ans Meer

Kafkas „Im Kino gewesen. Geweint.“ reicht ja nicht. Apropos: Ins Kino gehe ich sowieso schon lange nicht mehr. Warum, muss auf einem anderen Blatt stehen, würde den Rahmen sprengen.

Bildende Kunst „macht“ leider auch nichts mehr mit mir. In meinem Roman Die aktuelle Situation, der unter anderem die Liebe in Zeiten der Corona behandelt, beschreibe ich, warum:

„Es geht zur Kunstmesse in die angesagte Galerie. Die Single-Mum steht auf der Liste und der Großkünstler ist ihre Plus Eins. Von all den vielen sehr schönen Arbeiten gefällt ihr die Betonsäule am besten, nur ist die gar keine Kunst, sondern einfach nur eine Betonsäule, die das Galeriedach oben hält. Die Single-Mum erklärt dem Großkünstler, warum: Derzeit, wo eh schon alles Zeitenwende, Weltuntergang, Szenario, erträgt sie nicht noch mehr Bedeutungen. Wenn schon der ganze Alltag viral grundiert, doppelbödig, maskiert sei, dann will sie sich nicht auch noch mit Kunstwerken und deren geheimen Zusatzinformationen / Symboliken / Brüchen / Reflektionen / Schlagschatten / Hintergründen / Verarbeitungen von irgendwas, befassen müssen. Die Betonsäule ist aufgrund ihrer Funktion auch schon zu plakativ. Für sie derzeit im Grunde einzig möglich: Ein weißer, schwebender Würfel. Ein Objekt, das nur ist, was es ist. Das auf nichts verweist und weiter nichts darstellt. Das wäre die Kunst der Stunde und mehr wäre nicht zu leisten, in diesen Zeiten.“

Wie geht es dir? endet damit, dass die anderen mit der Rakete abfliegen, aber Fabian Hinrichs sagt, er will ans Meer – und ins Taxi steigt. Mir geht’s genauso. Ich sehne mich ans Meer. Nicht ins Theater.



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