An der Seite prorussischer Separatisten zu kämpfen und die unprovozierte russische Invasion der Ukraine zu unterstützen, stand nicht in der Broschüre der Universität Luhansk, als der 27-jährige Student Jean Claude Sangwa aus der Demokratischen Republik Kongo vergangenes Jahr in die abtrünnige Region zog, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren.

Aber als der Chef der russisch kontrollierten, selbsterklärten Volksrepublik Luhansk am 19. Februar eine volle Mobilmachung der Region verkündete, war Sangwa schnell entschlossen. Zusammen mit zwei befreundeten Studienkollegen aus seinem Heimatland und der Zentralafrikanischen Republik schloss er sich den lokalen Milizen an, um gegen die Ukraine zu kämpfen.

„Es kam Krieg in unsere Republik. Was hätte ich sonst tun sollen? Ich bin ein Mann und muss kämpfen“, erklärte Sangwa in gebrochenem Russisch. Und auf die Frage, warum er sich der Miliz angeschlossen hat, fügt er hinzu: „Die ganze Welt kämpft gegen Russland.“

Nach Russland kam Sangwa vor zwei Jahren, um in Rostow zu studieren, einer Stadt nahe der ukrainischen Grenze. Später zog er nach Luhansk, das 2014 von Russland unterstützte Separatisten eingenommen hatten.

Die Beziehung zwischen Russland und Afrika hat eine lange Tradition

Dass Afrikaner in Russland studieren, hat eine lange Tradition. Sie begann damit, dass die Sowjetunion in der post-kolonialen Ära Stipendien an afrikanische Studierende aus frisch unabhängigen sozialistischen und kommunistischen Staaten vergab.

Zwischen Ende der 1950er Jahre und 1990 studierten rund 400.000 Afrikaner:innen in der Sowjetunion. Nach dem Fall des Kommunismus gingen die Zahlen deutlich zurück. Aber erst kürzlich sagte der russische Präsident Wladimir Putin, es seien mehr als 17.000 afrikanische Studierende an russischen Universitäten eingeschrieben.

Kurz nach seinem Beitritt zur Miliz von Luhansk wurde Sangwa in den Kampf geschickt. Zwei Monate war er eingesetzt. Fast die ganze Zeit über nahmen viele seiner afrikanischen Freund:innen an, er sei tot und posteten Abschiedsnachrichten auf seinen Accounts in den sozialen Medien. Grund hierfür war, dass drei Tage nach Kriegsbeginn, am 27. Februar, ein Foto von Sangwa auf „Find your Own“ online gestellt wurde, einem Telegram-Kanal des ukrainischen Innenministeriums mit dem Ziel, gefangene und getötete Soldat:innen zu identifizieren. In dem Post hieß es, Sangwa sei zusammen mit einem weiteren afrikanischen Soldaten von den ukrainischen Truppen getötet worden.

„Der ukrainische Feind hat meine Militär-ID gefunden und meinen Tod gemeldet. Wie Sie sehen, bin ich am Leben“, erklärte Sangwa. Derzeit ist er zurück und patrouilliert als Mitglied der Miliz durch die Straßen von Luhansk.

In Afrika sehen sie anders auf den Krieg

Von Sangwa und seinen beiden Freunden abgesehen, gibt es keinen Hinweis darauf, dass weitere afrikanische Soldaten in die Ukraine geschickt wurden. Die Geschichte des jungen Kongolesen ist zwar ungewöhnlich, aber seine Einstellung und seine Ansichten darüber, wer für den Krieg verantwortlich ist, sind in großen Teilen Afrikas Mainstream.

„Sicherlich möchte der Westen gerne glauben, dass die Sanktionen Russland global isoliert haben“, sagte der Russlandspezialist Paul Stronski von der US-amerikanischen Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace. „Und das haben sie auch, was die transatlantische Gemeinschaft und reiche asiatische Nationen betrifft. Aber in den Augen des übrigen Teils der Welt, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, ist Russland nicht so isoliert.“

Seit vielen Jahren pflegt Moskau Verbindungen mit afrikanischen Staatsführern und 2019 war Putin Gastgeber seines ersten Russisch-Afrikanischen Gipfels, zu dem die Staatschefs von 43 afrikanischen Staaten kamen, erklärte Stronski weiter. „Viele auf dem afrikanischen Kontinent glauben, dass der Konflikt durch die Nato-Erweiterung angetrieben wurde, durch rücksichtslose westliche Politik.“

Die Unterstützung Russlands ist Teil des kolonialen Erbes

Teilweise sei die Unterstützung Afrikas für Russland durch eine anti-westliche Stimmung zu erklären, die ein Erbe des europäischen Kolonialismus ist. Manche sagen, Russland habe diese Ressentiments durch gezielte Falschinformation auf dem Kontinent noch verstärkt.

„Außerdem wirft man in Afrika dem Westen vor, mit zweierlei Maß zu messen“, fügte Stronski hinzu, „Es gibt den Eindruck, er interessiere sich mehr für die Ukraine und von dort Geflüchtete als für andere Tragödien in Afrika und weltweit“.

Einige von Putins enthusiastischsten Unterstützer:innen seit Beginn des Krieges sind Panafrikanist:innen – Vertreter:innen der Vorstellung von einer afrikanischen Einheit und des Antiimperialismus.

Putin „will nur sein Land zurück“, sagte der wichtige französisch-beniner Panafrikanist Kémi Séba Anfang März. „An seinen Händen klebt kein Blut von Sklaverei und Kolonialisierung. Er ist nicht mein Messias, aber er ist mir lieber als alle westlichen Präsidenten.“

Ähnlich sagte ein führendes Mitglied der in Moskau lebenden nigerianischen Gemeinschaft dem Guardian, die meisten Nigerianer:innen dort sympathisierten mit Russland: „Die Sache ist kompliziert, aber der Westen hat Russland zu dem Schritt getrieben.“

Von moralischen Fragen abgesehen hat Russland in Afrika Fuß gefasst, indem es Verteidigungsbündnisse aufgebaut hat, an autoritäre Staatschefs ohne Bedingungen Waffen lieferte und sich als Partner im Kampf gegen bewaffnete Aufständische anbot.

Die Schuld für knappe Lebensmittel sehen sie beim Westen

Mehrere afrikanische Staatschefs, allen voran Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa, vertraten öffentlich die Meinung, die westlichen Anstrengungen zur Nato-Erweiterung hätten zu dem Krieg beigetragen. Die afrikanischen Staaten werden wegen der großen Abhängigkeit von russischem und ukrainischem Weizen vermutlich überproportional von der drohenden globalen Lebensmittelkrise betroffen sein. Dennoch schoben einige afrikanische Staatsführer – Russlands Narrative übernehmend – die Schuld für Lebensmittelknappheit und Preissteigerungen dem Westen zu.

Bei einem Treffen mit Putin am vergangenen Freitag in der russischen Stadt Sotschi machte der senegalesische Präsident und derzeitige Vorsitzende der Afrikanischen Union, Macky Sall, die EU-Sanktionen gegenüber russischen Banken und Produkten dafür verantwortlich, das Problem zu verschlimmern. Er vermied eine Kritik am russischen Vorgehen, auch an der Blockade ukrainischer Häfen.

Trotz seines politischen Engagements in Teilen Afrikas und Berichten, dass es Russland an Bodentruppen mangelt, hat Moskau bisher keinen Hinweis darauf gegeben, dass es vorhat, Soldaten aus Afrika oder anderen Orten anzuwerben, um seine Truppen zu verstärken. Kreml-Vertreter spielten auch schnell Berichte über mehrere hundert Männer in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba herunter, die sich im April vor der russischen Botschaft in der Hoffnung versammelt hatten, in der Ukraine zu kämpfen.

Sangwas Präsenz in Luhansk dagegen wurde von Pro-Kreml-Stimmen als Zeichen der wachsenden militärischen Verbindungen zwischen Russland und Afrika begrüßt. Am 31. Mai postete der populäre russische Propagandist Semyon Pegow auf seinem Telegram-Kanal WarGonzo ein Video von Sangwa in voller Militär-Montur beim Patrouillieren.

„Nicht nur sind unsere Wagner-Jungs im Kongo“, kommentierte Pegow bezugnehmend auf die berüchtigte, mit dem Kreml verbundene private Militärgruppe, die autoritäre Staatschefs in Mali, der Zentralafrikanischen Republik und Sangwas Heimatland Demokratische Republik Kongo gestützt hat. „Jetzt sind unsere Kongo-Jungs auch in Luhansk.“

Pjotr Sauer ist Russland-Korrespondent für den Guardian



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