In der finalen vierten Staffel von Stranger Things wird bei Netflix nicht gekleckert, sondern geklotzt. Fast alle der mitunter recht gruseligen sieben Folgen sind länger als 75 Minuten. Am 1. Juli sollen dann zwei Folgen in einer Länge von insgesamt fast vier Stunden für den knalligen Abschluss einer der außergewöhnlichsten Fantasy-Serien der vergangenen Jahre sorgen.

Netflix war zuletzt wegen schlechter Bilanzen in die Schlagzeilen geraten, der Streamingdienst verliert Kunden und sackt an der Börse böse ab. Nun verabschiedet sich mit den einschaltquotenträchtigen Stranger Things auch noch eines seiner wichtigsten Flaggschiffe. Die Serie begeisterte Fantasy-, Horror- und Science-Fiction-Fans gleichermaßen, bediente außerdem den kulturindustriellen Vintage-Hype um die 1980er-Moden und ist, wie viele Zuschauer nie müde werden zu versichern, einfach unheimlich gut gemacht. Gemeint sind damit die stimmungsvollen, kinofilmartigen Bilder, ein tolles Schauspieler-Ensemble, der geniale Einsatz von Popmusik und ein flotter Erzählstil, der mehrere Handlungsebenen zu einem spannungsgeladenen Opus verschweißt.

Der Kultcharakter der Serie beginnt schon mit dem Intro, wenn sich die rot leuchtenden Buchstaben des Titels zu samtweicher, basslastiger Synthesizer-Musik auf dem Bildschirm anordnen. Nach vier Staffeln sind einem die auftretenden Personen und der kleinstädtische Raum von Hawkins so vertraut, dass man sich als Zuschauer regelrecht zu Hause fühlt an diesem Ort, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Mittlerweile sind die bekannten jungen Helden nicht mehr ganz so jung. Aus den Kindern von 2016, als die erste Staffel herauskam, sind Teenager geworden, die zur Highschool gehen und romantische Verwicklungen erleben. Sie fahren auch plötzlich mit dem Auto durch die Gegend und nicht mehr auf ihren stylischen BMX-Rädern, wie einst auch die Kids im Klassiker E.T. (1982), der wie kaum ein anderer Film Pate für die Vintage-Ästhetik der Serie stand. Was sich nicht geändert hat, ist, dass die jugendlichen Helden zusammenfinden müssen, um die finsteren Mächte zu bekämpfen, die unter der Kleinstadt schlummern und die Bewohner erneut heimsuchen. Ein ähnliches dramaturgisches und motivisches Schema lag auch schon der von der marxistischen Pop-Theorie so begeistert gefeierten Serie Buffy – Im Bann der Dämonen (1997 – 2003) mit dem Höllenschlund unter Sunnydale zugrunde. Wobei Stranger Things doch eine deutlich komplexere Struktur aufweist.

Hexen und besorgte Bürger

Dieses Mal müssen Elfi (Millie Bobby Brown), Will (Noah Schnapp), Mike (Finn Wolfhard) und die anderen erst einmal einen komplizierten Roadtrip von Kalifornien über Utah nach Hawkins (Indiana) hinter sich bringen. Ein Teil der Clique zerlegt sich, weil Lucas (Caleb McLaughlin) plötzlich erfolgreicher Basketballer wird und sich von seinen Nerd-Freunden abgrenzt. Diverse Jugendliche leiden unter den Traumata früherer Erlebnisse und Kämpfe gegen das übernatürliche Böse, und ein waschechter Hardrock-Fan und Dungeons-&-Dragons-Champion namens Eddie (Joseph Quinn) stößt neu zur Truppe. Neben den finsteren Mächten, die im spiegelbildlichen Hawkins unter der Erde oder in einer jenseitigen Dimension lauern, bekommen es die jugendlichen Nerds diesmal auch mit einer regelrechten Hexenjagd zu tun. Denn nachdem einige grausam verstümmelte und entstellte Leichen im eh schon kollektiv als Gemeinde um Fassung ringenden Hawkins aufgetaucht sind, machen besorgte Bürger, christliche Fanatiker und angepasste jugendliche Alphatiere Jagd auf die nerdigen Mitglieder des Hellfire Club, in der bornierten Annahme, dieser Dungeons-&-Dragons-Spielclub, zu dem auch Dustin, Mike und Co. gehören, wäre eine satanistische Vereinigung.

Während die Jugendlichen also wieder alles daransetzen, ihre Vereinzelung zu überwinden und im Kollektiv gegen die nur für sie erklärbaren Kräfte des Bösen zu kämpfen, müssen sie sich auch noch mit widerlichen Kleinstadt-Faschisten auseinandersetzen. Zu allem Überfluss taucht dann auch noch eine staatliche Organisation auf, die gegen die untergetauchte Elfi ermittelt. Quer durch die USA geht es in unterirdische Geheimlabore, auf die von einer Discokugel beleuchtete kalifornische Skaterbahn, in den sibirischen Gulag voll Schnee, Eis und körperlicher Gewalt, in eine abgelegene psychiatrische Anstalt, in den Folterkeller eines amerikanischen Geheimdienstgefängnisses, in ein seit Jahrzehnten leer stehendes und angsteinflößendes Spukhaus und in verschiedene Schulen, in denen Schüler brutal gemobbt werden. Das alles wird mit viel Tempo, frechen Dialogen und jeder Menge sehr effektvoll eingesetzter Musik erzählt. Wobei die Popklassiker der legendären 1980er irgendwann sogar zum festen Repertoire im Kampf gegen den aus Dungeons & Dragons entliehenen fiesen Gott namens Vecna werden.

Erfolg und Kultcharakter von Stranger Things leben von den Anspielungen auf die Zeitgeschichte der 1980er, egal ob es um die neue Pepsi, ein Tom-Cruise-Poster oder Pop-Gassenhauer wie die Hits von Kate Bush geht. Die Verweise auf Unmengen von Filmen sorgen für ein regelrechtes intertextuelles Feuerwerk, diesmal etwa sind Das Schweigen der Lämmer und Carrie – Des Satans jüngste Tochter prominent vertreten. So holt die Serie die späten Babyboomer und frühen Vertreter der Generation X in ihrer pop- und alltagskulturellen Erlebniswelt ab. Gleich mehrere Jahrgänge können hier mit Grusel im Nacken quasi in ihre eigene Vergangenheit schauen. Und gleichzeitig gelingt es Stranger Things mit seinem ziemlich überzeugenden Mix aus Horror, Fantasy und Science-Fiction erneut, das Fantasy-Genre einem breiten Publikum näherzubringen.

Stranger Things The Duffer Brothers USA 2016–, Staffel 4 jetzt auf Netflix



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