Neulich saß ich mit Nachbarn zusammen. Wir sprachen davon, dass ich seit zwei Jahren zu einer offenen Gruppe gehöre, die sich einmal pro Woche trifft, um über die Ereignisse der Zeit zu reden — und dabei, naturellement, zu essen und zu trinken, was jeder mitbringt. Wir sind in Frankreich. Ich lebe in einem kleinen Winzerdorf, in dem es fast nicht aufgefallen ist, dass nicht geimpfte Menschen lange Zeit keinen Zugang zu Cafés, Restaurants, Museen, Kinos, Konzerten und anderen öffentlichen Veranstaltungen hatten. Hier gibt es nichts.

Das unangenehme Gefühl, vom öffentlichen Leben weitestgehend ausgeschlossen zu sein, die Arbeit zu verlieren und vom französischen Regierungschef nicht mehr als vollwertiger Bürger anerkannt zu werden, ist dennoch bei mir angekommen. Die Ausgrenzung und die Aggressivität tun mir weh. Ich leide darunter. Booster für alle, die zunehmende Entrechtung des eigenen Körpers, eine drohende komplette biometrisch-digitale Überwachung, die Reduktion des Menschen auf die nackte biologische Existenz und seine Degradierung auf einen Datenlieferanten sind nicht das, was ich mir für die Zukunft vorstelle.

Das, so sage ich, sind einige der Themen, über die bei den Treffen so gesprochen wird. In Afghanistan ist es schlimmer, bekomme ich zur Antwort. Ja, das stimmt. Es gibt Schlimmeres als gerade in der Abendsonne auf der Terrasse zu sitzen und gekühlten Tee zu trinken. Ich habe ein Dach über dem Kopf und leide keinen Mangel. Ich sitze in keinem Keller und auf mich wird gerade nicht geschossen. Also warum beklage ich mich? Mir geht es doch gut. Worunter ich am meisten leide, füge ich hinzu, sind Menschen, die nicht sehen können, wo das Problem liegt.

Nächstenliebe scheint sich gerade auf die Menschengruppen zu beschränken, die gerade in sind, und erschöpft sich darin, die Ukraine beim European Song Contest gewinnen zu lassen und sich die ukrainische Flagge in den Vorgarten zu hängen. Für die anderen bleibt nicht mehr viel übrig.

Wer gerade nicht in Mariupol festsitzt, der hat kein Recht, sich zu beklagen. Für ihn ist die Welt in Ordnung. Er kann froh sein, in einer Demokratie zu leben.

Was ist das? frage ich. Demokratie ist, wenn man keine Angst haben muss, im Morgengrauen abgeholt zu werden, sagt jemand. Offensichtlich informiert er sich ausschließlich über die kontrollierten Medien. Er hat nichts zu befürchten. Er ist einverstanden, ordnungsgemäß geboostert und hat nichts gegen digitale Kontrolle einzuwenden. Er habe nichts zu verbergen. Ihn stört es nicht, dass es immer schwieriger wird, seine Identität und seine Immunität zu behalten.

Wenn es hier zu eng wird, sagt eine, dann gehe ich eben woanders hin. Aber es gibt kein Woanders, entgegne ich. Alles läuft auf eine Eine-Welt-Herrschaft hinaus, eine transhumanistische Technokratie, die sich den gesamten Planeten einverleibt. Das sei Verschwörungstheorie. Mit solchen Geschichten solle ich den anderen die Stimmung nicht verderben. Wir leben. Wir haben einen Alltag. Das ist schwer genug. Wir haben unsere Beschäftigungen und wollen dabei nicht gestört werden. Du nervst. Pass auf, geh nicht zu weit.

Während ich noch darüber nachdenke, worauf ich aufpassen soll, und ob es eine Lizenz dafür gibt, nicht über den Rand der eigenen Kaffeetasse zu blicken, fragt einer, ob er nicht heute Abend mitkommen kann, zu diesem Treffen. Wenn du willst, rufe ich die Gastgeberin an. Ich möchte niemanden ausschließen. Geschlossene Clubs sind mir zuwider. Aber ganz wohl ist mir nicht. Weißt du, es ist ein Raum, in dem es für die Teilnehmenden wichtig ist, sich geschützt zu fühlen.

Wir sprechen ganz offen von dem, was uns bewegt, versuchen, uns gegenseitig Mut zu machen, und geben uns Unterstützung. Für mich sind diese Treffen ein Licht im Dunkel, ein regelrechtes Lebenselixier.

Es gibt mir Trost und macht mich glücklich, in dieser für mich schweren Zeit mit Menschen zusammen sein zu können, die meine Besorgnis verstehen, Menschen, die mir nicht sagen, ich solle den Mund halten und den anderen die Stimmung nicht verderben.

Es fängt mich auf, die Wärme und Akzeptanz dieser Gruppe von Menschen zu spüren, die nicht immer dieselben sind. Nicht alle sind ungeimpft. Doch alle haben ein Bewusstsein dafür, dass wir gerade ein Problem haben. Niemand rümpft die Nase über den anderen, auch wenn er in seinem Engagement vielleicht nicht immer den richtigen Ton trifft, denn alle wissen, dass uns dasselbe am Herzen liegt: das Wohl aller Lebewesen auf diesem Planeten.

Das sei ja wohl total utopisch, bekomme ich zu hören. Permakultur für alle, oder was? Wie soll das denn gehen? Dazu sind die Menschen doch zu faul und zu dumm. Im Übrigen seien wir sowieso zu viele. Und demnächst werden wir eh von der Erde verschwinden. Geschieht uns ganz recht. Und was das denn solle mit dem Sich-geschützt-Fühlen. Wollt ihr uns etwa ausschließen? Nein, sage ich, die Gruppe ist grundsätzlich offen. Doch es braucht Offenheit und Wohlwollen, um hinein zu kommen. Du verurteilst uns, höre ich. Du greifst uns an.

Hier erlebe ich meine persönliche Apokalypse. Die Schleier fallen, die Schleier der Illusionen. Ich fühle mich entsetzlich ent-täuscht — enttäuscht von Menschen, die das Leid anderer zu einem Angriff auf sich selbst verdrehen. Selbst der größte Schmerz, das größte Unrecht werden noch dazu benutzt, sich selbst zum Opfer und den anderen zum Täter zu inszenieren. Die Friedensaktivisten sind schuld daran, dass wir Krieg haben. Menschen, die ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit fordern, sind schuld an der nächsten Pandemiewelle.

Enttäuschung tut weh. Der Schmerz steigt die Beine hoch, bohrt sich wie eine Faust in den Magen, drückt die Kehle zu. Der ganze Körper wird in Mitleidenschaft gezogen. Es ist furchtbar. Doch es ist in Ordnung. Denn es ist not-wendig. Es hilft mir, meine Lebenszeit nicht mehr mit Menschen zu verbringen, die unter dem Vorwand, es gut mit mir zu meinen, rücksichtslos die eigenen Interessen durchsetzen.

Es ist nicht einfach, diese Energieräuber zu enttarnen. Denn oft sind es die uns am nächsten stehenden Menschen, Nachbarn, Freunde, Brüder, Schwestern, Eltern. So lange haben wir das nicht erkannt! Wir haben uns selbst für verkehrt gehalten, haben an uns gezweifelt und uns immer wieder erniedrigen lassen, beschuldigen, demütigen, beschimpfen. Den Bombardierungen mit verächtlichen Neologismen, die sich seit mehr als zwei Jahren über Systemkritiker ergießen, haben wir ein sanftes Schlafschaf entgegengesetzt und dafür Empörungsstürme geerntet.

Verdrehte Welt: Ungeimpfte werden zu Aussätzigen, Friedensaktivisten zur Gefahr für die Demokratie und die, die sich regelmäßig zum Gedankenaustausch treffen, zu Angreifern.

Die Konformen hofieren die Nichtkonformen. Gerade in Frankreich ist man stolz auf seine Résistance. Zu den Collabos will keiner gehört haben. Das ist heute natürlich was ganz anders. Es gibt ja keine Nazis.

So stehen wir vor einem Dilemma: Wir wollen nicht ausschließen. Die Dorfgemeinschaft soll nicht dadurch gestört werden, indem sich eine Gruppe von ihr abspaltet. Die Verbindung soll intakt bleiben. Doch der Schutzraum muss erhalten bleiben. Er soll nicht belastet werden von giftigen Gedanken oder von Menschen, die nicht einmal sehen, dass es gerade ein Problem gibt.

In der Biologie gibt es ein Phänomen: Zellen, die sich durch einen Kopierfehler nicht richtig geteilt haben, verlieren ihre Fähigkeit, mit ihrer Umgebung zu kommunizieren. Sie spalten sich ab und bilden unkoordinierte Zellansammlungen, die dem Gesamtorganismus auf Dauer schaden. Dadurch kann es zu einer schweren Erkrankung kommen, die in vielen Fällen mit dem Tod endet. Das Phänomen heißt Krebs.

Spaltung wirkt immer vernichtend. Lösung ist in der Verbindung zu finden. Nur sie ermöglicht ein gesundes und harmonisches Ganzes. Andererseits ist es wichtig, sich aus toxischen Beziehungen zu lösen. Hier ist Trennung notwendig. Doch Trennung ist nicht Spaltung. Spaltung zertrümmert das Existierende bis in den Kern und lässt das Ganze in seine Einzelteile explodieren. Trennung hingegen ist wie das Abstreifen einer Haut, die zu eng geworden ist. Doch sie zerstört nicht die dem Leben zugrunde liegende Verbundenheit.

Der Friedensforscher Daniele Ganser spricht von einer Menschheitsfamilie. In dieser Familie ist jeder gleichzeitig mit allen verbunden und verschieden. Was auch immer jemand tut: Er gehört dazu. Man kann ihn auf dem Grund des Meeres versenken oder auf den Mond schießen: Er bleibt ein Mitglied der Familie. Er ist ein Mensch. Diese Verbundenheit kann nur dadurch aufgelöst werden, indem der Mensch gespalten und in seine Einzelteile zerlegt wird, um ihn neu wieder zusammenzusetzen. Das ist Transhumanismus.

Biocomputer sind keine Menschen. Sie gehören nicht zur Familie. Biocomputer haben kein Herz. Sie haben eine Pumpe. Sie können nicht eigenständig denken. Sie haben einen Chip im Gehirn. Sie haben keinen freien Willen. Sie sind programmiert. Menschen dagegen haben einen freien Willen, sie sind dazu fähig, eigenständig zu denken und sie haben Gefühle, Empfindungen, Emotionen. Sie haben ein Bewusstsein. Ihr Leben ist nicht nur auf das Körperliche beschränkt. Sie sind nicht nur Materie, sondern auch Geist. Sie haben eine Seele.

Computer sind seelenlos. Sie haben keine Empathie, kein Mitgefühl. Für sie ist das Universum aus einem zufälligen Knall entstanden und der Mensch eine Fehlkonstruktion, das bloße Endprodukt einer Affenevolution, die technisch aufgerüstet werden muss, um überhaupt eine Existenzberechtigung zu haben. Computer berechnen. Sie kalkulieren Inzidenzwerte und wie viel CO2 ein Körper ausstößt. Sie produzieren Leben im Labor. Doch können sie kein Leben neu erschaffen. Das können nur Menschen.

Nur Menschen sind kreativ, schöpferisch. Nur wir haben eigene Ideen. Und wir sind unberechenbar. So können wir Lösungen für Probleme finden, die für Computer unkalkulierbar sind. Für sie gibt es nur Einsen und Nullen. Sie kennen nur Punkte und gerade Linien, Kurven bleiben Treppen. Menschen können sich Kurven vorstellen und um die Ecke denken. Querdenken. Computer sind an die Flasche gebunden. Für sie gibt es ja nur die Materie. Menschen haben einen Geist, der sich aus der Flasche befreien kann.

Tun wir es.

Befreien wir uns aus der fortschreitenden Versklavung und den toxischen Beziehungen. Bilden wir Gruppen Gleichgesinnter und pflegen wir sie. Schaffen wir Schutzräume, Oasen, Archen.

Diskutieren wir, unterstützen wir uns, halten wir uns gegenseitig. Lesen wir uns vor, singen wir zusammen, schauen wir Filme an, die uns inspirieren und Mut machen. Tanzen wir. Und vergessen wir das Essen und das Trinken nicht. Machen wir die Tür zu. Doch schließen wir sie nicht ab.

Die Tatsache, dass sich die Ausschließenden, diejenigen, die mit ihrem Pass überall hin- und reinkommen, nun selber ausgeschlossen fühlen, ist vielleicht ein Zeichen dafür, wie dünn der Schleier zwischen Illusion und Wirklichkeit geworden ist. So kann ich es annehmen, mich weiter ent-täuschen zu lassen. Wer begegnet mir als Mensch und wer nicht? Wer hat sich besetzen lassen und wer ist frei? Wer hat eine Pumpe und wer hat ein Herz? Die mit dem Herzen sind herzlich eingeladen. Die anderen müssen leider draußen bleiben.


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