Per Zufall gab es am Wochenende am Berliner Gorki Theater gleich zwei Premieren zu sehen: das verschobene Stück Operation Mindfuck und das regulär angesetzte Ground Control. Volle Dröhnung Polit-Theater also.

Während Yael Ronens Operation Mindfuck in einer Welt spielt, die der unseren wohl entspricht, und die Gefahren, die entstehen, wenn Verschwörungsmythen auf soziale Medien treffen, erzählerisch auf die Bühne bringt, ist Ground Control von Mirko Borscht nach einem Buch des Aktivisten Thilo Bode in einer Art postapokalyptischem Limbus angesiedelt. Was passiert ist, wird nicht so ganz klar, aber irgendwie hat sich der Kapitalismus totgesiegt und dabei wohl auch die meisten Arten beseitigt. Was bleibt, sind marodierende Menschen, eine Kind-Maschine und eine unglaubliche Menge Daten. Dazu passt, dass Operation Mindfuck fast klassisch erzählendes Theater ist und Ground Control nur Rudimente von Erzählung aufweist.

Es gibt in Operation Mindfuck eine Erzählstimme, klar umrissene Figuren mit Text, eine stringente Story inklusive Rück- und Vorblenden sowie zwei aufeinander zuführende Handlungsstränge. Die gehen so: Die junge Studentin Alice (Aysima Ergün) beginnt in einer Trollfabrik zu arbeiten, wo sie sich vollkommen lächerliche Geschichten ausdenkt und bald die Gunst der mysteriösen Chefin Erin (Orit Nahmias) erwirbt. Deren Sonderauftrag, die ultimative Verschwörungstheorie zu entwickeln, die es erlaubt, alles mit allem zu verknüpfen, erfüllt sie mit Bravour: Die erfundene Instanz K, die mit kryptischen Botschaften im Internet eine enorme Resonanz hervorruft, erinnert an das reale Phänomen der Verschwörungsbewegung QAnon. Zur gleichen Zeit macht sich Maximilian de Kohler (Taner Şahintürk), dessen Tätigkeit und Auftraggeber im Unklaren bleiben, auf die Suche nach dem Kinderkind (Till Wonka): einem einst hochbegabten Jungen, der auf der Packung der Kinderschokolade abgebildet ist, bei Deutschland sucht den Superstar ein Video als „Pimmel-Pianist“ einreichte und seit einiger Zeit „off the grid“ lebt, für die Datensammler nicht existent. De Kohler findet ihn schließlich und baut ihn zum ultimativen Kanzlerkandidaten auf: In einem mehrstufigen Plan wird aus dem Kinderkind ein populärer, weil idiotisch-unpolitischer Demagoge. Doch als Alice und das Kinderkind merken, dass das, worauf sie sich eingelassen haben, ihnen nicht nur über den Kopf wächst, sondern auch brandgefährlich ist, ist es natürlich zu spät.

Ground Control ist nervtötende Litanei

Operation Mindfuck karikiert das Narrativ von Verschwörungstheorien. Als Rückblende und sozusagen Vorbild wird die Geschichte von Kerry Thornley und Robert Anton Wilson erzählt. In den 1960ern gehörten sie zu den Gründern der satirischen Religion Diskordianismus, die genauso Pate stand für das Stück wie für Wilsons Romantrilogie Illuminatus!. Das Stück verdichtet eine Vielzahl realer Elemente der Gegenkultur der 1960er und 1970er, als Studenten auf LSD sich zum Spaß Verschwörungstheorien ausdachten, mit den heute spürbaren brutalen, teils tödlichen Folgen der im Internet nicht totzukriegenden Mythen. Die Besetzung verschiedener Rollen mit denselben Schauspielern ist selten so sprechend eingesetzt worden: Wenn Orit Nahmias sowohl als Erin als auch als Eris (die Göttin des Chaos, die Thornley auf einem LSD-Trip zur Erfindung einer ihr gewidmeten Religion auffordert) und als CIA-Agent Gary Kirstein (beziehungsweise Howard Hunt, einer der Watergate-Organisatoren) auftritt, trägt das nicht nur zur Verdichtung und Parallelisierung der Erzählstränge bei, sondern persifliert genau jenes verschwörungstheoretische Denken, das überall Parallelen und Verbindungen sehen will.

Bei Ground Control hingegen sind Figuren, Bilder, Maschinen und Texte lediglich montiert, collagiert und erzeugen so ein Netz an Bruchstücken. Ausgehend von dem Buch Die Diktatur der Konzerne des Foodwatch-Gründers Thilo Bode – der immer wieder als eine Art verlorener Messias referenziert wird –, will das Ensemble um Mirko Borscht erkunden, „was es bedeuten könnte, Mensch zu sein, wenn wir soziale, politische, ökologische Illusionen und Selbstbetrügereien vergessen und einer Welt begegnen, wie sie sein könnte und vielleicht sein wird“, wie es in der Ankündigung heißt. So weit, so blabla. Leider wird es nicht erhellender. Während die Autor:innen von Operation Mindfuck, Yael Ronen und Dimitrij Schaad, immerhin eine Geschichte erzählen und eine witzige Inszenierung auf die Beine stellen konnten, der man ganz gern folgt, ist Ground Control eine nervtötende Litanei, aus der man nicht schlau wird, nur unsäglich müde. Dass es am Ende auch noch eine sehr lange Bild-Ton-Installation mit Pflanzen-, Tier- und Pilzvideos gab, überstrapazierte die Geduld des Publikums: Wie lang sie ging, weiß nur, wer durchhielt.

Doch so recht überspringen will der Funke auch bei Operation Mindfuck nicht. Das Ende kommt sehr plötzlich, und man geht so, wie man gekommen ist: Alles ganz schlimm da draußen, ja, aber hey, guck mal, es gibt einen Sektempfang.

Operation Mindfuck, Yael Ronen, Dimitrij Schaad, Maxim Gorki Theater, Berlin

Ground Control Mirko, Borscht & Ensemble, Maxim Gorki Theater Berlin



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