Beim „Weltwirtschaftsforum“ 2022 in Davos wurden die Weichen für eine globale Neuordnung gestellt.

von Walter van Rossum

Der Schweizer Kurort Davos ist die Pilgerstätte der Mächtigen. Hier spielt die Musik, die für die Geschicke der Welt taktgebend ist. Was dort besprochen wird, hat weit mehr als nur einen informellen Charakter. Die Agenden schlagen in der Lebensrealität von Milliarden von Menschen zu Buche. Kernelement des diesjährigen Treffens war ein viel beschworener „Wendepunkt in der Geschichte“, welcher durch den Krieg in der Ukraine angestoßen werde. Flankiert wurde dieses Themenfeld von einer breiten Palette unterschiedlichster Krisen, die zu bewältigen die Reichen und Mächtigen vorgeben. Dass sich hinter dem Orchester aus Floskeln und auswendig gelernten Phrasen ganz andere Absichten verbergen, ist unschwer zu erkennen. Ein Kommentar von Walter van Rossum, Co-Autor des Spiegel-Bestsellers „Die Intensiv-Mafia“.

„Wenn es einen Ort gibt, auf den man eine Atombombe wirft, dann wäre Davos genau der richtige“, räsoniert ein Kommentar auf YouTube anlässlich der Liveübertragung der Feierlichkeiten in den Schweizer Alpen. Wie immer das gemeint sein mag, es wäre mit Sicherheit ein sogenannter Enthauptungsschlag. Von denen, die unsere Welt regieren, blieben nicht allzu viele übrig.

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) hat mal wieder geladen und (fast) alle sind gekommen. Die üblichen Präsidenten und Exzellenzen, die Gesalbten und von ihrem Blut Gekrönten, sie repräsentieren die eine Fraktion jener öffentlich-privaten Partnerschaft (PPP=Privat-Public-Partnership), die das WEF zu seiner globalen Agenda gemacht hat. Auf der anderen Seite — der privaten — sitzen die Kommandanten des Geldes: Vertreter schier schrankenloser ökonomischer Macht. Das Weltwirtschaftsforum nimmt nur Konzerne mit einem Jahresumsatz von mindestens 5 Milliarden Schweizer Franken in seine gebenedeiten Reihen auf. Und die Mitgliedsbeiträge sind auch nicht ohne. Trotzdem musste der WEF-Gründer Klaus Schwab die Anzahl der Mitglieder auf 1.000 begrenzen.

Wenn man im Telefonbuch des Vereins blättert, läuft es einem kalt den Rücken runter. Wer soll da noch an Wahlen glauben.

Geld allein macht nicht glücklich. Davon singt ganz Davos sein Lied. Überall ist Krise: Der Klimawandel lauert hinter blauem Himmel und in seiner Eröffnungsrede zeigt Klaus Schwab auf die Geier, die über der Weltwirtschaft kreisen: zu hohe Inflation, zu langsames Wachstum und zu viele Schulden. Ach ja, und Hunger und Armut nehmen auch zu. Deshalb trifft man sich ja in dem Schweizer Klausurort. „Wir brauchen gemeinsame Anstrengungen.“ Und wir hier, das Weltwirtschaftsforum, seine Klubmitglieder und die weltlichen Präsidenten, wir sind eine beeindruckende Gemeinschaft der Zusammenarbeit. PPP nicht vergessen — niemals! Dann steht dem Unternehmen Weltverbesserung fast nichts mehr im Wege.

Die Lage ist ernst, aber einer ist fast immer komisch: Klaus Schwab, der mit seinem schwäbischen Englisch den radebrechenden Gottvater gibt.

Vor seiner Predigt war ein kurzes Filmchen zu sehen. Die Welt in heller Auflösung, Hunger, Bombenhagel, Pest und Wahn — die Apokalypse als Videoclip, doch es folgt die Vision einer geheilten Welt, in der glückliche Menschen durch intakte Wälder laufen, sich fremde Menschen um den Hals fallen und die Dritte Welt in der Wüste lustige Sandburgen baut. So ungefähr lautet die Botschaft und dazwischen, an der Schnittstelle zwischen Vorher und Nachher, da ungefähr liegt die Zeitenwende.

Da liegt Davos, der Drehpunkt. Da missioniert Klaus Schwab:

„Wir haben gemeinsame Interessen. Denken Sie vor allem an die Umwelt, denken Sie an eine bessere Vorbereitung auf die nächste Pandemie. Wir brauchen eine globale Zusammenarbeit, eine Plattform. Und das ist es, was Davos bezweckt.“

Genauer gesagt: die Betrachtung aller Krisen von einem ganzheitlichen Standpunkt aus. Vorbei mit dem Nationalen, mit dem Individuellen, mit der Konkurrenz. Wir sitzen alle im selben Boot. Fehlen bloß die globalen Kapitäne.

„Change is possible. Change is need“ flackert über die Videoleinwand. „Die Zukunft geschieht nicht einfach, sie wird errichtet. Von uns. Von einer mächtigen Gemeinschaft — wie wir hier in diesem Raum. Wir haben die Mittel, den Zustand der Welt zu verbessern“, beschwört Papst Schwab seine Kardinäle, den Wendepunkt der Geschichte jetzt zu vollziehen.

Doch man spürt es, noch sind nicht alle Gläubigen so ganz bei der Sache. Es ist noch nicht genug Krise in ihnen. Sie scheinen noch nicht verstanden zu haben, dass ihr ganzes Geld und ihre ganze Macht jederzeit von der Gewalt einer dieser Krisen jederzeit und im Nu dahingerafft werden können. Sie sind einfach noch nicht im Ganzheitlichen angekommen. Erst dann werden sie kapieren, dass sie zum Retter auserkoren sind. „Die Zukunft wird von uns errichtet.“ Es genügt nicht, Mitglied des WEF zu sein, man muss in den Krieg ziehen.

Der Wendepunkt der Geschichte ist in Wahrheit ein Wendehammer: Der russische Überfall auf die Ukraine — „ohne Provokation und Anlass“ — wird die politische und ökonomische Landschaft in den kommenden Jahren umgestalten. Weiß Schwab.

Und wie? Das erfahren wir sogleich aus dem Munde eines in aller Unschuld Überfallenen, vom Präsidenten der Ukraine persönlich, einem Weltverbesserer, dem Klaus Schwab ausdrücklich dankt für seine mutige Führung im Widerstand, bevor er ihm das Wort erteilt und die Videoleinwand.

Und schon kläfft der Amateurfeldherr in knitterfreier Freizeituniform los. Geradezu begeistert nimmt er die Vorlage auf und erklärt den Krieg um sein Land zum historischen Wendepunkt. Ansonsten alles wie schon hundertfach gehört: russische Kriegsverbrechen, barbarischer Überfall, heroischer Widerstand. Leider kommt alle Hilfe zu spät, obwohl Russland ja seit 2014 einen verdeckten Krieg gegen die Ukraine geführt habe. Und nachdem Selensky den Krieg gewonnen hat, bietet er allen Firmen, die sich aus Russland zurückgezogen haben, die Ukraine als neuen Wirtschaftsplatz an. Der Wiederaufbau des Landes, ganzer Städte und Industriezweige soll so zum größten Motor des wirtschaftlichen Fortschritts in Europa werden. Kurzum, Selensky schwebt nichts Geringeres vor als ein industriell hoch entwickeltes Land, das bis zu den Zähnen bewaffnet ist. „Ich bitte um Vorschläge.“

Direkt im Anschluss findet eine Geberkonferenz statt, die Milliarden für die Ukraine einsammelt. Und am nächsten Tag findet Ursula von der Leyen statt. Sie hatte ja bereits zuvor die europäischen Kriegsziele unmissverständlich formuliert: Regime Change in Moskau, Verhaftung der Regierung und aller am Krieg Beteiligten. Jetzt drückt sie auf den Wendepunkt-der-Geschichte-Knopf, den das WEF ihr so freundlich hinhält:

„Es geht nicht um das Überleben der Ukraine, es geht nicht um die europäische Sicherheit, es geht darum, die bestehende internationale Ordnung infrage zu stellen. (…) Die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen.“

Wir mobilisieren die volle militärische Macht. Wir verschärfen die Sanktionen. Und wir bieten finanzielle Hilfe, wie es sie noch nie gegeben hat. Mit viel Investitionen und ein paar innerukrainischen Reformen werden wir die Ukraine aus der Asche auferstehen lassen. Das ist der entscheidende Moment für alle Demokratien. Jawoll! Jeder Satz ist eine Siegesmeldung. Erinnert ein wenig an die gebellten Verlautbarungen des Oberkommandos der Wehrmacht Ende 1944.

Auftritt des NATO-Oberkommandieren Jens Stoltenberg.

„Seit einem halben Jahrhundert bringt das Weltwirtschaftsforum die Weltgemeinschaft zusammen. Heute brauchen wir den Geist von Davos noch mehr.“

Und schon sind wir wieder beim Wendepunkt der Geschichte. Das ist der Krieg in der Ukraine. Die Ukraine — bekennt Stoltenberg mal so en passant — wurde schon seit Jahren von Amerikanern, Briten und Kanadiern aufgerüstet und ihre Soldaten von der NATO ausgebildet. Nur deshalb halten sie so erfolgreich der Invasion stand.

Interessant, das war doch eines der Argumente des Teufels Putin, dass die NATO die Ukraine militärisch hochrüste und Soldaten ausbilde. Meines Wissens hatte die NATO das bislang noch nicht in dieser Deutlichkeit zugegeben. Doch Stoltenberg schiebt schnell noch die Begründung für diese Out-of-Area-Beihilfe nach: Noch nie sei man so genau über die Kriegsvorbereitungen des Gegners im Bilde gewesen. Mit anderen Worten: Die NATO wusste vom kommenden Krieg, hat die Ukraine ein wenig wehrfähiger gemacht und dann die Russen kommen lassen. Mag sein. Doch wer würde schon Stoltenberg für einen vertrauenswürdigen Informanten halten.

Der hält ja auch die NATO-Osterweiterung für einen Erfolg. Putin wollte weniger NATO an seinen Grenzen, jetzt hat er mehr, prustet unser Wertekommandant begeistert. So sehen Erfolge in einem NATO-Leithirn aus. Aber Stoltenberg beglückt seine Zuhörer noch mit einer Lehre aus dem Ganzen. Der Ukrainekrieg habe ihm gezeigt, wie wirtschaftliche Beziehungen mit autoritären Staaten eigene Verwundbarkeiten hervorbringen. Und er denkt hier nicht nur an Russland, sondern noch weiter: an China. Wir müssen verstehen, dass wirtschaftliche Entscheidungen Folgen haben für unsere Sicherheit. Offenbar lauert da schon die nächste Aufgabe auf die NATO: die Fernosterweiterung.

Wer ein paar dieser schaurigen Reden aus Davos gehört hat, der muss verzweifeln. Hinter all den Floskeln, den abgedroschenen Phrasen, dem trainierten Siegergrinsen und den vermutlich ebenfalls trainierten schamlosen Lügen bleibt die Kernbotschaft nicht verborgen: Hier wird mit aller Macht ein historischer Wendepunkt geschaffen.

Fortan gilt nur noch Sieg oder Niederlage. Gefangene werden nicht gemacht. Der Westen und seine Führungsmacht USA können nur gewinnen, wenn Russland vernichtet wird. In keiner einzigen Rede wurde der Verhandlungsweg auch nur in Betracht gezogen, nie andere Möglichkeiten zum Frieden wenigstens angedeutet. Es war ausschließlich vom Sieg die Rede. Allerdings hat man im Eifer der Gerechtigkeit und im Schaum der Werte versäumt, die Mittel zu erwähnen. Und dass aus der Asche der Ukraine nur Rauch aufsteigen wird.

Davos ist der Ort geworden, von dem aus der Welt ihre historischen Weisungen zuteilwerden. Von ganz oben. Da genießt man den ganzheitlichen Überblick über das Gewimmel der Krisen in den Niederungen. Und man erkennt die Opfer kaum.


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