Ehe, Gewalt, Alkohol und andere Drogen, Schauspielprominenz und ein Haufen Geld – das ist der Cocktail, der zurzeit an jeder Online-Bar gereicht und genossen wird. Man kann sich das Geld fürs Kino sparen – es reicht, den Livestream des Prozesses „Johnny Depp gegen Amber Heard“ anzuklicken: Er blättert betroffen in Papieren, sie gestikuliert und weint. An den Haaren habe er sie gezogen, in den Rücken getreten. Depp lässt Heard eine Borderline-Störung attestieren und räumt Drogenexzesse ein (für die er ihr die Schuld gibt). Was wirklich war, wird unwirklich. Wichtig ist allein die Fortsetzung der Gewalt mit medialen Mitteln. Die Ehe der beiden hielt keine zwei Jahre, die Schlammschlacht überdauert sie bei Weitem. Mit einer Inbrunst, als handle es sich um die eigene Familie, inhaliert man in den digitalen Stammkneipen mit jedem Schluck neue Informationen – und verschüttet frische Häme. Der Urteilsspruch steht aus, aber der virtuelle Volkszorn übt Selbstjustiz. Zielscheibe ist die Frau. Und erstes Opfer ist, wie in jeder Schlacht, die Menschlichkeit.

Doch der Reihe nach: 2017, nach 15 Monaten Ehe, trennte sich die Schauspielerin Amber Heard von ihrem ebenso berühmten Ehemann Johnny Depp. Er habe sie misshandelt. Die blauen Flecken im Gesicht brachte sie mit ins Gericht, doch zunächst ging es glimpflich ab. Auch wenn man sich die sieben Millionen Dollar Abfindung, die Depp zahlte, erst mal leisten können muss. Der Frieden hielt – zum Glück für die Unterhaltungsbranche – nicht. In einem Artikel für die Washington Post beschrieb Heard sich Ende 2018 als „Person des öffentlichen Lebens, die häusliche Gewalt erlebt hat“ und verwies auf strukturellen Sexismus, der Gewalttäter schütze. Den Namen ihres Ex-Mannes nannte sie nicht, doch er erledigte das für sie: Depp verklagte Heard wegen Verleumdung auf 50 Millionen Dollar.

Sie hielt mit der Forderung nach 100 Millionen Dollar Schadenersatz und dem Vorwurf „ungezügelter physischer Gewalt“ dagegen. Vor Gericht versenken beide nun öffentlich ihre Hände in Bergen schmutziger Wäsche, die mit jeder Umdrehung schmieriger wird: Wer hat wann was gesagt, getan, genommen? 2019 tauchte eine Tonaufnahme mit Heards Stimme auf: Diese scheint zu belegen, dass die Gewalt von ihr ausging. Prompt forderte eine Petition auf der Plattform change.org: „Remove Amber Heard from Aquaman 2“. Bis jetzt unterzeichneten rund vier Millionen die Forderung, die Schauspielerin von den Dreharbeiten für die Comicverfilmung zu „entfernen“. Schuld und Unschuld liegen für die „Johnny“-Unterstützer:innen offen zutage; zumal die offen bisexuelle „Amber“ in einer früheren Beziehung zur Künstlerin Tasya Van Ree im Jahr 2009 verhaftet wurde – wegen eines Schlags auf den Arm infolge eines Streits.

Die „Gala“ weiß Bescheid

Über all das und noch viel mehr informieren die klassischen und sozialen Medien bis ins kleinste Detail. Wie bei einem Fußballspiel kommentieren die Konsument:innen jede Wendung des Prozesses, der aus Fairfax, Virginia, in den USA auf ihre Bildschirme schwappt – und ergreifen Partei. Hashtags wie #AmberHeardIsALiar (Amber Heard ist eine Lügnerin) oder #JusticeforJohnnyDepp (Gerechtigkeit für Johnny Depp) suggerieren Eindeutigkeit. „Ich kann doch nicht die Einzige sein, die sich freut, dass es weitergeht“, frohlockt eine Kommentatorin auf Twitter, das sei „besser als jede Serie“. Einige hiesige Medien zeigen mit spitzen Fingern auf den „Mob“ und erwägen, ob der Shitstorm gegen Heard frauenfeindlich sei, zumal angesichts des lärmenden Einzelfalls die massenhafte misogyne Gewalt abseits der Kameras aus dem Blick gerät.

Denn es ist ja kein Spiel(film), wenn zu Hause ein Elternteil geschlagen wird und die Kinder gucken zu. In Deutschland ist laut den Zahlen des Bundesministeriums für Frauen und Familie jede vierte Frau von häuslicher Gewalt betroffen. Das Thema Partnerschaftsgewalt bleibt in den meisten Fällen tabu – als müsste derjenige, der Gewalt ausübt, vor der Scham der Opfer geschützt werden. Stattdessen ergötzt sich die Allgemeinheit an den Szenen einer Ehe à la Hollywood und beschäftigt sich intensiv damit, was Johnny und Amber einander antaten und weiter antun. „Solidarische“ Mikroaggressionen würzen die Gewaltsauce im Netz. Täter und Opfer verschwimmen. Das Johlen darüber zieht seine Kraft aus der scheinbaren Gewissheit, dass die Frau die Übeltäterin ist, hat sie doch die Gewalt gegen sich nur erfunden. „Haben wir das nicht schon immer gewusst?“, jubelt es. #Metoo! Und wenn Amber lügt, so legt es der ach so gesunde Menschenverstand nahe, dann lügen alle Frauen! Wenn Johnny ein Opfer ist, sind es alle Männer! So gilt der luxuriöse Einzelfall flugs als alltagstaugliches Exempel. In der öffentlichen Wahrnehmung wird er zum Beweis dafür, was man längst insgeheim argwöhnte: Dass diese ganze Metoo-Sache maßlos übertrieben ist.

Denn es stimmt ja: Prominente Männer haben Nachteile durch öffentlich gemachte Vorwürfe, ehe deren Wahrheitsgehalt erwiesen ist. Johnny Depp gehört zu ihnen. Nachdem Heard ihn in der Washington Post der häuslichen Gewalt bezichtigt hatte, wendete Hollywood sich von ihm ab. Der Disney-Konzern trennte sich von ihm, die Fluch-der-Karibik-Einnahmen in Höhe von 22,5 Millionen Dollar fehlen nun in der Haushaltskasse. Nach der gescheiterten Verleumdungsklage gegen die britische Boulevardzeitung Sun 2018 verlor er seine Rolle als Zauberer Gellert Grindelwald. „Johnny fliegt sofort aus Produktionen. Amber? Nichts passiert bisher“, raunt es im Netz. „Purer Sexismus!“ Als sei es feministisch, den Spieß umzudrehen. Sie halten ihre schützende Hand über Johnny, als wäre er, der über 20 Jahre Ältere, ein kleiner Junge, um den sie sich kümmern müssten. Amber dagegen erfährt kein Mitgefühl, sie gilt als perfides Luder. Angeblich hat sie sich Pfefferminzöl unter die Augen geschmiert, damit ihr zuverlässig die Tränen kommen. Laut Twitteria probt sie jede verzweifelte Geste und jedes Brechen der Stimme und hat nun sogar – Gala weiß es – ihr PR-Team gefeuert.

Gewalt als Opium

Womit wir beim Geld wären: Wer profitiert eigentlich davon? Der Kampf gegen häusliche Gewalt jedenfalls nicht. Die Reaktionäre aller Länder finden das gut. Fortan werden geschlagene und gedemütigte Frauen womöglich noch länger zögern, ehe sie zur Polizei gehen – oder überhaupt mal mit jemandem sprechen. Während in den Schlafzimmern dieser Welt weiter auf Frauen (ja, und auch einige Männer) eingeprügelt wird, sammeln sich die Johnny-UnterstützerInnen im Netz zu schrillen Solidaritätsbekundungen.

Es ist bizarr: Menschen, die vermutlich in keiner Villa leben, auf keiner Jacht segeln, keine Austern schlürfen (geschweige denn einen Millionen-Dollar-Vertrag unterzeichnen), sorgen sich um den Ruf eines erfolgreichen Schauspielers mehr als um die Gewalt an den Schulen ihrer Kinder oder in der Nachbarschaft. Menschen geben weltweit Gedanken, Zeit und Kraft in einen Gerichtsprozess in Form einer Reality-Soap, fern der eigenen Realität, statt für Gerechtigkeit im eigenen Alltag zu kämpfen. Als wirke die Promi-Gewalt opiumgleich: Sie schenkt die Illusion, dass „die da oben“ dieselben Probleme haben wie wir. So lassen wir unsere Emotionen instrumentalisieren durch ein fragwürdiges Schauspiel, bei dem wir nichts zu gewinnen haben – und endlich ist wieder die Frau an allem schuld.



Quelle: