Russland hat die Ukraine angegriffen, das Land verteidigt sich. Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, ist hierzulande sehr umstritten, weil er die Bundesregierung mit Vorwürfen mitunter sehr hart angeht – um sie zur Lieferung möglichst vieler, auch schwerer Waffen an die Ukraine zu drängen.

Manche in Deutschland können dieses Vorgehen sehr gut verstehen – schließlich sieht sich die Ukraine einem erbarmungslosen Angriffskrieg Russlands ausgesetzt. Andere wiederum meinen, Andrij Melnyk überspanne den Bogen – und füge der Diplomatie durch undiplomatisches Verhalten großen Schaden zu. Unabhängig davon, wie man zu Melnyk steht, stellt sich die Frage: Welche Strategie verfolgen Botschafterinnen und Botschafter der Ukraine in anderen Staaten der Erde?

Der Freitag hat Autorinnen und Autoren aus aller Welt gebeten, ihre Eindrücke zu schildern. Hier sind ihre Antworten – aus der Schweiz, Österreich, Indien, Großbritannien, China, Portugal, Finnland, Südafrika, den USA, Spanien, Frankreich und der Türkei:

Schweiz: Die Tochter spricht Berner Mundart

Obwohl der ukrainische Botschafter in der Schweizer Presse präsent ist, kennt man seinen Namen nicht. Weder meine Mutter, die für Frieden in der Welt ist, noch mein bester Schweizer Freund, der fest an der Seite der Ukraine steht, konnten sagen, wie er heißt. Das mag damit zusammenhängen, dass Artem Rybchenko zwar in den Zeitungen zu Wort kommt, aber nicht in den Talkshows, was wiederum damit zu tun haben könnte, dass er die größte der Landessprachen zwar gut beherrscht, aber doch nur so gut, dass ihn ein Journalist paternalistisch fragte, warum er so gut Deutsch spreche. Er habe ein Jahr in Deutschland verbracht, antwortete der promovierte Jurist, am Wichtigsten sei aber seine Tochter, die gar die Berner Mundart beherrsche. Das hört man gerne.

Rybchenko, 38, gehört der gleichen Generation ukrainischer Diplomaten an wie Andrij Melnyk. „Je mehr wirpushen, umso schneller wird Frieden in der Ukraine einkehren“, ist auch seine Devise. Er aber pusht nur in den Grenzen des diplomatisch Gebotenen. In die Diskussion um die Neutralität des Landes mischt er sich nicht ein, fordert in der SonntagsZeitung jedoch schärfere Sanktionen. „Wir erwarten mehr: in den Bereichen Finanzen, Energie, Banken.“ Eine Woche später erschien dort Rybchenkos Leserbrief zu seinem eigenen Interview. Er hatte etwas vergessen: „Ich sage auch jeder Schweizer Familie vielen Dank dafür, dass Sie geflüchteten Ukrainern Schutz und Unterkunft gegeben haben.“ 50.000 Flüchtlinge sind im Land, aus der SVP werden Stimmen für eine Aufnahmebeschränkung laut. Rybchenko kann den Stress verstehen, aber man müsse sich erinnern, warum die Menschen flöhen. Keine Krawall-Sätze.

Wie denn der Ukraine-Botschafter in Deutschland heiße, frage ich meinen Freund. Er überlegt kurz. „Melenksi?“ Ja, fast. Ich sage es ihm. Wir lachen. Ich solle mich mal um Russlands Botschafter in Bern kümmern, der sei eine echt finstere Gestalt. Michael Angele

Österreich: Heldenliedspieler haben Hochsaison

„Es muss zusammenwachsen, was zusammengehört“, sagt Kiews Botschafter in Österreich, Wassyl Chymynez: „Die Neutralität ist eindeutig keine Option für die Ukraine“. Freiheit heißt NATO. Zwar ist der Mann nicht ganz so schrill wie sein Kollege in Deutschland, doch die Deutlichkeit des „erfrischenden Klartext-Deutsch“ (Ulf Poschardt) nach dem unmissverständlichen Motto „Alles hört auf unser Kommando!“ ist auch in Wien zu vernehmen. In solchen Gesandtschaften wird heiß gekocht und heiß gegessen. Auch schon vor der russischen Invasion. So wurde 2019 unter Olexander Scherba, dem Vorgänger von Chymynez, sogar dem ORF-Korrespondenten Christian Wehrschütz nach fadenscheinigen Vorwürfen kurzfristig die Frontgebiets-Akkreditierung aberkannt.

Man nimmt jedenfalls kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, zu fordern, was zu fordern ist: Sanktionen und Waffen. Die Lieferanten haben zu spuren. Spuren sie nicht, sind sie zu bezichtigen und zu beflegeln. So findet diese Diplomatie zu ihrem eigenen Komparativ. Je gröber, desto größer das Echo. Die Gebotschafter sind forsche Künder ihrer Gebote: „Du sollst!“, „Du hast!“, „Du musst!“. Natürlich gilt es auch die seltsame Gunst der Stunde zu nutzen, Interessen als Imperative zu offenbaren und sie in die heroische Sprache von Pflicht und Verrat zu kleiden. Heldenliedspieler haben Hochsaison. Zur Zeit inszenieren sie die Sagen des heiligen Wolodymyrs.

Am besten kommen sie damit bei jenen an, die sich noch gestern derlei kaum hätten bieten lassen, bei den frischgebackenen Neobellizisten. Im lauten „Wir!“ befangen, geht das Was und das Warum, aber auch das Wohin und das Woher dieses globalen Weltordnungskriegs völlig unter. Wozu fragen, wenn man schießen will, wenn es Haubitzen gibt und Panzerfäuste? Es geht nicht darum, aus dem Konflikt rauszukommen, sondern darum, andere reinzuziehen. Das Schlachtfeld soll entscheiden. Schlachtenbummler singen lautstark den Wertekanon. Ukrainische Botschaften messen die Dezibel. Es dreht sich nur noch um Sieg oder Niederlage. Indes, wer immer dort siegen wird, wird kein Gewinner sein. Franz Schandl

Indien: Der Anti-Melnyk

Schon 2014 trug Indien keine Sanktionen mit, baut derzeit die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland sogar aus. Den populären Sound gegenüber Kiew gab nach Kriegsbeginn Kanchan Gupta vor, früher Starjournalist, jetzt Berater des Medienministeriums: „Ihr habt bei den UN stets eine anti-indische Position eingenommen. Ihr habt im Sicherheitsrat nach den Atomtests von 1998 für Sanktionen gegen Indien gestimmt. Ihr verkauft Pakistan Militärausrüstung. Und jetzt wollt ihr unsere Hilfe?“

Diese Vorhaltungen sind nicht richtig. Mit deutscher Andrij-Melnyk-Erfahrung erwartet man von Kiews Mann in Delhi einen Tweet à la „Dieses Arschloch soll sein Lügenmaul halten!“. Doch Igor Polikha klingt anders: „Von der Haltung Indiens sind wir enttäuscht. Wir ersuchen um seine gewichtige Stimme.“

Ins Amt kam Polikha 2007 unter Präsident Wiktor Juschtschenko, pausierte unter Wiktor Janukowytsch, kam 2015 zurück. Bei Melnyk war es ähnlich. Ansonsten ist Polikha ein Anti-Melnyk: Beherrscht die Umgangssprache des Gastlandes nicht gut, ist keine Medienfigur – im Netz findet sich da nur die Episode, wie er sich sein Handy klauen ließ. Doch der „Indophile“ zeigt Respekt vor Indiens Tradition der Blockfreiheit. Stänkert nicht. Vielleicht ist es auch ihm zu verdanken, dass Delhi seine Botschaft in Kiew jetzt wiedereröffnet, obwohl Inder – meist Studierende – weitgehend aus der Ukraine evakuiert sind. Velten Schäfer

Großbritannien: Visa-Ärger für die Botschafter-Frau

Seit einigen Wochen gibt es in einem kleinen Ort in der Nähe von Odessa eine „Boris-Johnson-Straße“. Laut dem Daily Telegraph handelt es sich zwar um eine eher unscheinbare Straße, aber dennoch bringt die Umbenennung eine Bewunderung für den britischen Premierminister zum Ausdruck, die man in der ganzen Ukraine teilt. Die scharfe Rhetorik Londons gegen Wladimir Putin, die Aufforderung an die europäischen Verbündeten, der russischen Aggression entschlossen entgegenzutreten sowie die Lieferung von Waffen und Medikamenten in die Ukraine – all das hat die Regierung in Kiew zur Überzeugung gebracht, dass ihr Land keinen besseren Freund hat als das Vereinigte Königreich.

„Großbritannien hat uns während der ganzen Zeit des Krieges so gut es geht unterstützt, und diese Unterstützung spüren wir in der Ukraine“, sagte der ukrainische Botschafter in London, Vadym Prystaiko, Ende März. Er nahm Boris Johnson sogar dann in Schutz, als dieser wenige Wochen später mit seinem Vergleich zwischen dem Freiheitskampf der Ukraine und dem Brexit europaweit für Empörung gesorgt hatte. Er habe das so verstanden, dass beide Länder „für die Freiheit kämpfen, was sie tun wollen“, sagte Prystaiko – eine sehr großzügige Interpretation.

Ganz kritiklos geht es dann aber doch nicht. Im Gegensatz zur EU ist die Flüchtlingspolitik Großbritanniens ausgesprochen resolut, weiterhin gibt es eine Visumspflicht für Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind. Der Prozess ist oft umständlich und langwierig, unzählige Ukrainer:innen haben sich beklagt, dass sie wochenlang auf Bescheide warten. Prystaiko spricht von „bürokratischem Ärger“, dem seine Landsleute ausgesetzt sind. Sogar seine eigene Frau habe nach Beginn der russischen Invasion Mühe gehabt, eine Einreisebewilligung zu erhalten, sagte Prystaiko. Er forderte die Regierung auf, das „unnötige, lange, bürokratische“ System zu lockern. Dieser Forderung hat Großbritannien noch immer nicht stattgegeben, die Flüchtlingspolitik sorgt weiter für Frustration beim Botschafter. Peter Stäuber

China: Der Botschafter starb kurz vor der Invasion

Als Wladimir Putins Truppen Richtung Kiew marschierten, versuchte Zhanna Leshchynska, in Peking eine Audienz bei chinesischen Regierungsvertretern zu erhalten. Nicht ein Treffen wurde ihr gewährt, heißt es unter europäischen Diplomaten. Dort gilt die ukrainische Vertreterin in China als „extrem engagiert“ und „beeindruckend“. Ihre Arbeitsumstände sind doppelt herausfordernd: Zehn Tage vor der Invasion verstarb unverhofft der bisherige Botschafter Serhii Kamyshev, 64. Als Geschäftsträgerin trat Leshchynska die vorübergehende Nachfolge an.

Nun vertritt sie die Ukraine in einem Land, dass noch vor kurzem ein enger Handelspartner war, nun aber nur die NATO als Aggressor benennt und in Staatsmedien die Mär von der „militärischen Spezialoperation“ verbreitet.

Zhanna Leshchynska kämpft gegen Falschinformationen an. Der Account der Botschaft auf der führenden Onlineplattform Chinas, Weibo, zeigt viele Posts, die Chinesen niemals publizieren dürften: etwa, dass Russlands Vorwand der „De-Nazifizierung“ den Fakten keineswegs standhält.

Mit Auftritten in Medien hält sich Leshchynska entsprechend zurück. Nur Mitte März organisierte sie eine Veranstaltung namens „Together for Peace“ – Diplomaten und einige ausgewählte Künstler trafen sich in den geschützten Räumlichkeiten der polnischen Botschaft. „Das ukrainische Volk wird nicht aufgeben“, sagte Zhanna Leshchynska an jenem Abend. „Die ganze Nation ist vereint in der Liebe zu unserem Land. Gemeinsam werden wir gewinnen.“ Fabian Kretschmer

Portugal: Die Kommunistische Partei verbieten!

In Portugal bekannt wurde Inna Ohniwez, seit 2015 Botschafterin in Lissabon, vor anderthalb Jahren: Sie brach ein Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender RTP ab. Es ging um einen ukrainischen Arbeiter, den die portugiesische Fremdenpolizei am Flughafen zu Tode geprügelt hatte. Monatelang versäumte es die Botschaft, ein ihr von Portugals Regierung ausgehändigtes Beileidsschreiben und später die Ankündigung eines Schmerzensgeldes an die Witwe des Opfers in der Ukraine weiterzuleiten.

Jüngst nun ging es um ukrainische Flüchtlinge, deren Personalien im von Kommunisten regierten Setúbal aufgenommen wurden – von einem Gastarbeiterverein, den ein russischen Ehepaar vor 20 Jahren gegründet hatte und der angeblich Verbindungen zur russischen Botschaft hat. Ein Unding, so Ohniwez, dass Russen ukrainische Flüchtlinge ausfragten und betreuten, auch wenn sie schon lange und mit portugiesischer Staatsangehörigkeit hier leben. Immerhin war sie diplomatischer als der Chef des ukrainischen Flüchtlingsvereins, der gleich ein Verbot der Kommunistischen Partei forderte.

Vor vier Wochen dann lief Ohniwez, 59, ohne ein Wort an Journalisten vorbei die Parlamentstreppe hinab: Nach der Live-Zuschaltung von Präsident Wolodymyr Selenskyj waren alle in der Assembleia da República aufgestanden – nur Premier António Costa und seine Minister blieben sitzen und klatschten nicht. Miguel Szymanski

Finnland: Kein Land versteht die Ukraine besser

Anhaltender Beifall – so empfing das finnische Parlament die ukrainische Botschafterin Olga Dibrova, 45, im März bei ihrem Auftritt dort. Im April sprach sie bei einer Demonstration zur Unterstützung der Ukraine in Helsinki. Seit Beginn des russischen Krieges sind ihre Bande zu den Finnen noch inniger geworden – wohl auch, weil Finnland im Winterkrieg 1939/40 eine sowjetische Invasion am eigenen Leib erlebt hat. „Vielleicht versteht uns niemand besser als die Finnen“, schrieb Dibrova einen Tag vor Kriegsbeginn auf ihrem Twitter-Profil, wo sie ihre Tweets oft mit ukrainischen, finnischen und isländischen Flaggen versieht.

Dibrova, seit 2020 Botschafterin für Finnland und seit Ende 2021 auch für Island, ist seither voll des überschwänglichen Lobes, schreibt etwa am 6. Mai angesichts einer Umfrage, die die große Empathie der Finnen mit der Ukraine offenbart: „Danke für eure unglaubliche Unterstützung, liebe Freunde!“

Sie kann aber auch scharfe Kritik üben – im März traf es den finnischen Reifenhersteller Nokian Tyres, mit dem Olga Dibrova mittels eines offenen Briefes hart ins Gericht ging. Sie verlangte von Nokian Tyres, ausnahmslos alle Geschäftsbeziehungen zu Russland einzustellen: „Sonst klebt das Blut derer, die die Russen in der Ukraine getötet haben, und die Tränen derer, die unter den russischen Verbrechen in der Ukraine leiden, an euren Händen.“Julia Wäschenbach

Südafrika: An der Seite Russlands

Es wirkte wie ein Akt der Verzweiflung, als die ukrainische Botschafterin in Südafrika am 10. April einen Tweet mit dem Hashtag #TalkToMe absetzte. Liubov Abravitova forderte Südafrikas Regierung dazu auf, endlich mit ihr zu sprechen. In den 45 Tagen seit Beginn der russischen Invasion habe sie erfolglos um Treffen mit dem Präsidenten und der Außenministerin gebeten.

In der südafrikanischen Öffentlichkeit ist die zuvor weitgehend unbekannte Abravitova seitdem präsenter. Kommentatoren charakterisieren sie als unerschrocken und resolut. Der Regierung scheint dieses Auftreten nicht zu schmecken: Ein Sprecher des Außenministeriums bezeichnete ihren Tweet als „undiplomatisch“, indirekt sogar als anmaßend. Trotzdem hatte Abravitova Erfolg: Treffen mit Regierungsvertretern und ein Telefonat zwischen den Präsidenten beider Länder folgten.

Es war ein Politikum, dass Cyril Ramaphosa mit Wolodymyr Selenskyj erst sechs Wochen nach seinem Gespräch mit Wladimir Putin telefonierte, um über den „Konflikt in der Ukraine und seinen tragischen humanitären Preis“ zu sprechen. Mit einer klaren Verurteilung Russlands als Aggressor, die sich Abravitova wünscht, ist nicht zu rechnen. Südafrika hat nach Moskau nicht nur historische Verbindungen aus dem Anti-Apartheid-Kampf, sondern auch als Mitglied der BRICS-Staatengruppe. Seit Kriegsbeginn setzt es auf eine „neutrale“ Position, hat sich bei den Abstimmungen über UN-Resolutionen enthalten und als Mediator einer Verhandlungslösung angeboten.

Abravitova zeigt zwar Verständnis, betont aber auch: Neutralität bedeute nicht Indifferenz. Als ein Land, das selbst um seine Freiheit gekämpft habe, dürfe Südafrika angesichts des von Russland verursachten Leids nicht schweigen. Zu einem medienwirksamen Besuch von Südafrikas Oppositionsführer in Kiew sagte sie: Für die Ukrainer sei es wichtig, zu wissen, dass zumindest einige Südafrikaner sie unterstützten. Leonie March

USA: Eine Finanzexpertin sammelt Geld ein

Sie arbeite „rund um die Uhr“, sagte Oksana Markarowa der Washington Post. „Wir sind Diplomaten, doch wir sind auch Soldaten in den ukrainischen Streitkräften im weiteren Sinne“, so die Botschafterin der Ukraine in Washington, D. C. Zuversicht verbreiten, für Hilfe danken, mehr Hilfe verlangen, den Zusammenhalt der US-Politik beschwören: Markarowas Stil kommt an. Die USA unterstützen ihr Land mit Geld und Waffen in gigantischen Ausmaßen.

Wolodymyr Selenskyj hat Markarowa im Februar 2021 nach Washington geschickt. Die 45-Jährige hat in Kiew und in Bloomington im US-Staat Indiana studiert. Auf Twitter stellt sie sich als Botschafterin der Ukraine, Mutter von vier Kindern, als Finanzexpertin sowie Finanzministerin der Ukraine zwischen 2018 und 2020 vor. Laut ihrer Linkedin-Seite war Markarowa von 2003 bis 2014 Präsidentin der Firma ITT Investment Group, angeblich einem führenden Finanzdienstleister in der Ukraine.

Sie soll wesentlich dazu beigetragen haben, dass sich die First Lady der USA, Jill Biden, am 8. Mai, dem Muttertag, im ukrainischen Uschhorod mit Olena Selenska, der Ehefrau des ukrainischen Präsidenten, traf. Laut Jill Bidens Pressesprecher hatte Oksana Markarowa der First Lady Anfang März einen Brief von Selenska übergeben. Konrad Ege

Spanien: Die Ukraine und der Algerien-Ärger

Spanien erinnert sich an das berühmte Foto seines damaligen Präsidenten José María Aznar, stolzes Mitglied der „Koalition der Willigen“ im Irak-Krieg, auf der „Konferenz der Azoren“: mit den Füßen auf dem Tisch, neben US-Präsident George W. Bush, ebenfalls mit den Füßen auf dem Tisch. Diese Koalition endete für Spanien mit den 193 Todesopfern des Madrider Attentats im März 2004. Aber auch danach wollte sich das Land bei militärischen Interventionen, zuletzt in Afghanistan, nicht lumpen lassen.

Im Fall Ukraine hat Regierungschef Pedro Sánchez, seinem sozialistischen Vorgänger Felipe González folgend (der bei einer Volksabstimmung in einer 180-Grad-Wendung vom Gegner zum Befürworter eines NATO-Beitritts mutierte), mit Eifer andere NATO-Partner bei Waffenlieferungen und Sanktionen gegen Russland zu überbieten versucht – ohne Rücksicht auf seinen in dieser Frage gespaltenen Koalitionspartner Unidas Podemos. Vorneweg die patriotische Verteidigungsministerin Margarita Robles (die gleichzeitig für das Ausspionieren katalanischer Politiker mit der Pegasus-Software verantwortlich ist).

Spanien kommt zugute, dass seine Energieversorgung nicht von Russland, sondern von Algerien abhängt, was Pedro Sánchez auf die Idee brachte, sich durch Ausweitung der Lieferungen von dort zum Retter anderer EU-Länder zu machen. Jetzt hat Algerien aber seinen Botschafter aus Madrid abgezogen, nach Pedro Sánchez‘ UNO-widriger Anerkennung der Einverleibung der Westsahara durch Marokko.

Die Ukraine kann also mit der Haltung Spaniens zufrieden sein. Trotzdem wurden auch Spanien von Wolodymyr Selenskyj die Leviten gelesen: Er prangerte die Unternehmen Porcelanosa und Maxam an, ihre Beziehungen zu Russland nicht vollständig abgebrochen zu haben. Porcelanosa versprach schnell Besserung. Der ukrainische Botschafter in Spanien, Serhii Pohoreltsev, agiert in solchen Angelegenheiten mit Diskretion. Eckart Leiser

Frankreich: In aller Diskretion

Seit 2020 ist Vadym Omelschenko Botschafter der Ukraine in Frankreich. Er hat an der TU Kiew Bahntechnik studiert und danach Jura. Er gilt als „kleiner“ Millionär. Er selbst sieht seine Aufgabe darin, der Alter Ego seines Präsidenten zu sein; trotz eines Altersunterschiedes von fast einer Generation gilt er als enger Freund Wolodymyr Selenskyjs. Er organisiert politische Unterstützung für sein Land mit großer Diskretion: seine Stimme ist leise, sein Gesicht so wenig expressiv, wie es in früheren Zeiten geradezu als ein untrügliches Attribut osteuropäischer Diplomaten galt. Er ist da, wo man ihn erwartet: wenn der Eiffelturm in den ukrainischen Farben erstrahlt, im Parlament zur Einführung der Ansprache seines Präsidenten per Direkt-Übertragung. Er kümmert sich um die Flüchtlinge aus seinem Land.

In Frankreich ist Expressivität fast Voraussetzung dafür, wahrgenommen zu werden. So kann man eine gewisse Unsichtbarkeit des Botschafters Omelschenko feststellen. Die Bühne besetzen die beiden Präsidenten, Emmanuel Macron und Selenskyi. Diskret ergänzt Omelschenko die Inszenierung zweier junger und dynamischer Staatsoberhäupter vor dem Hintergrund eines besorgniserregenden weltpolitischen Dramas. Der Botschafter erklärt gewissenhaft vor Ort, welche Art Solidarität und Unterstützung die Ukraine von Frankreich erhofft. Im Übrigen wird die Tatsache, dass Frankreich das einzige EU-Land ist, das über Atomwaffen verfügt, von Bedeutung sein. Dies verpflichtet zu besonderer Zurückhaltung. Generell neigt Frankreich nicht dazu, devot aufzutreten. In diesem Land mit den vielen Places Stalingrad erlaubt man sich auch scharfe Kritik: z.B. mit der Frage, warum die Ukraine die Umsetzung der Minsk-Abkommen „sabotiert“ hat.

Ehrpusselig nörgelt man gerne darüber, dass Omelschenko absolut kein Französisch spricht. Andrij Melnyks grobe Umgangsformen in Deutschland sind hier derweil Anlass zu Schadenfreude. Anna Tüne

Türkei: Selenskyj und die griechischen Nationalisten

Wie in Deutschland hat der Botschafter der Ukraine, Vasyl Bodnar, in der Türkei seit Beginn der russischen Invasion eine Haltung eingenommen, die umstritten ist. Bodnar, Jahrgang 1976, ist seit 2021 Botschafter seines Landes in der Türkei. Bisher hat die türkische Regierung negative Attitüden gegenüber diplomatischen Vertretern der Ukraine vermieden. Auch Botschafter Bodnar versucht, einen gemäßigten, freundlichen Ton beizubehalten. Bruchstellen gibt es dennoch.

Im März aber brachte Bodnar in einem Interview die Dankbarkeit der Ukraine gegenüber der türkischen Regierung für die Umsetzung der Bestimmungen des Vertrags von Montreux zum Ausdruck. Dieser erlaubt es der Türkei, die Durchfahrt von Schiffen über die Dardanellen, das Marmarameer und den Bosporus zu beschränken. Er erklärte auch, dass sein Land die Türkei als Garantieland für ein Friedensabkommen betrachte. Bodnar verweist häufig auf den türkischen Unabhängigkeitskrieg 1919. Ein weiteres diskursives Mittel, das er nutzt: der Krieg der Ukraine gegen Russland sei ein Kampf um die Sicherheit ganz Europas, einschließlich der Türkei. Außerdem könnte die Türkei nach der Ukraine das nächste Ziel russischer Angriffe sein, so Bodnar.

Seit Beginn des Krieges ist die Effizienz der türkischen Bayraktar-Drohnen, die die ukrainische Armee einsetzt, eine Quelle der Propaganda ukrainischer Gesandter in der Türkei: Sie verbreiten Videos von Angriffen und auch Lieder, die für türkische Drohnen komponiert wurden, auf in der Türkei populären Online-Meinungsplattformen.

Ebenso im März jedoch nahm Bodnar über die sozialen Medien den Verband der türkischen Reisebüros (TÜRSAB) ins Visier und beschuldigte ihn, heuchlerisch zu handeln, wegen der Krise, in der sich der türkische Tourismus befindet. Vertreter der Organisation hätten sich mit ihm als ukrainischem, aber am selben Tag auch mit dem russischen Botschafter getroffen. „Ein Zeichen der Gleichheit zwischen Angreifer und Verteidiger zu setzen, das bedeutet, sich mitschuldig zu machen“, schrieb er am 3. März auf Twitter und forderte die ukrainischen Reisebüros auf, nicht mit den türkischen Vertretern zu verhandeln. Dies ist ein Beispiel für Bodnars forsche Haltung gegenüber einem nichtstaatlichen Akteur in der Türkei.

Im April sprach Präsident Wolodymyr Selenskyj vor dem griechischen Parlament und gedachte des griechischen Aufstands gegen das Osmanische Reich, indem er die historische griechische nationalistische Bewegung Philiki Hetaireia lobte, die in der Türkei wegen ihres imperialistischen Ziels der Errichtung eines „Großgriechenlands“, das die westlichen Gebiete der heutigen Türkei einschließt, einen schlechten Ruf hat. Sowohl Bodnar als auch türkische Beamte vermieden es, sich zu diesem Thema zu äußern.

In einem Interview mit dem griechischen Staatsfernsehen ERT im Mai kritisierte Selenskyj die türkische Haltung, an den wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland festzuhalten, insbesondere im Tourismussektor, und bezeichnete die türkische Haltung als „Doppelmoral“. Nach der Kontroverse, die Selenskyj damit in der Türkei ausgelöst hatte, kommentierte Bodnar die Äußerung seines Präsidenten mit den Worten, dieser sei falsch dargestellt worden, und versuchte, die Spannungen zu entschärfen. Bodnar verteidigte Selenskyjs Argumentation mit dem Hinweis, dass die ukrainische Gesellschaft aufgrund der verheerenden Zustände in der Ukraine äußerst sensibel und emotional auf Entwicklungen in Bezug auf Russland reagiere. Beiden Seiten ist es bisher gelungen, ein moderates diplomatisches Verhältnis zu pflegen. Özgür Emre Koç

Ungarn: Die Tränen der ukrainischen Botschafterin in Budapest

Russland überfällt die Ukraine, Entsetzten und Aufregung weltweit. Nur in den Reihen der ungarischen Regierung herrscht Gelassenheit: „Strategische Ruhe” sei das Gebot der Stunde, sagte Ministerpräsident Viktor Orbán in den ersten Wochen des Krieges.

„Strategische Ruhe werdet Ihr erst im Grab haben!”, erregte sich daraufhin Ljubow Vaszilivna Nepop, Kiews Botschafterin in Budapest. Die Gefühle übermannten sie derart, auf einer Veranstaltung des linksliberalen Think Tanks Political Capital am 4. März, dass sie mit Tränen in den Augen sprach: „Ist euch billiges Gas wichtiger als Menschenleben? Schämt ihr euch nicht?” (die verlinkte Seite ist auf Ungarisch)

Als Papst Franzikus, nachdem er Orbán zur Audienz empfangen hatte, einem Journalisten mitteilte, Orbán habe ihm gesagt „dass der Krieg am 9. Mai endet”, forderte die Botschafterin sogleich eine Unterredung mit Orbán: Kannte er Putins Pläne?

Wie in anderen Ländern auch übt sich die ukrainische Botschaft in vorwurfsvollen Tiraden an die Adresse der Regierung, vor allem aber ist es ein Versuch, auf die öffentliche Meinung einzuwirken, damit diese wiederum auf die Regierung einwirkt.

Es funktioniert nicht sonderlich. Außenminister Szijjártó antwortet auf ihre heftigen öffentlichen Statements mit verbaler Zurückhaltung, aber inhaltlicher Bestimmtheit: Er verstehe, dass die Ukrainer das anders sehen, aber es sei im nationalen Interesse Ungarns, keine Waffen an die Ukraine zu liefern, und auch keine Waffentransporte über ungarisches Staatsgebiet zuzulassen.

Am 6. April wurde die Botschafterin ins Budapester Aussenministerium einbestellt, nicht wegen ihrer Worte, sondern weil die ukrainische Regierung harsche Worte an die Adresse Ungarns gebraucht hatte: Es stimme nicht, dass Ungarn „Russland unterstütze”.

Letztlich weiss die ungarische Regierung, dass die oft verletzenden Verlautbarungen ukrainischer Botschafter in Budapest und anderswo ihren Ursprung haben in zentralen Anweisungen aus Kiew: Es ist Strategie, die Staatengemeinschaft ständig moralisch zu attackieren. Darauf reagieren dann die Medien, oft mit Verständnis, das wiederum wirkt auf die öffentliche Meinung, und das wirkt auf die Politiker. Boris Kálnoky





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