Für die Mitglieder des deutschen PEN-Zentrums waren der 13. Mai und die Jahrestagung des Schriftstellerverbands ein schwarzer Freitag. Für etwaige noch unbedarfte Leser:innen hier kurz die Rekapitulation der Ereignisse: Ein Abwahlantrag gegen den PEN-Präsidenten Deniz Yücel scheiterte knapp, der schmiss trotzdem hin. Er wolle „keine Galionsfigur für diese Bratwurstbude“ sein! Die Vorwürfe gegen ihn, der erst im letzten Herbst als Galionsfigur des Widerstands gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in der Türkei in das Amt gewählt wurde: öffentliche Befürwortung einer NATO-Flugverbotszone über der Ukraine, zudem Mobbing und ein unangebrachter Umgangston gegenüber den Mitarbeitern in der PEN-Zentrale in Darmstadt. Da hatte man Solidarität mit der Ukraine organisieren wollen und befand sich plötzlich im „Krieg“ gegen sich selbst. In diesem Moment hielt der in Gotha versammelte PEN inne und wählte einen früheren Präsidenten als Interimslösung an die Spitze, Josef Haslinger, der seitdem viele Interviews führt.

der Freitag: Herr Haslinger, da fährt man von Wien aus mit gemischten Gefühlen zur PEN-Tagung nach Gotha in Thüringen, ins grüne Herz Deutschlands, und kehrt als Präsident zurück: Denkt man auf der Rückfahrt nach Wien, man hätte geträumt?

Josef Haslinger: Dass es harte Auseinandersetzungen geben würde, war klar. Aber dass gleich zu Beginn der Versammlung Rechtsanwälte in Stellung gebracht werden und der Umgangston völlig aus dem Ruder laufen würde, hatte ich nicht erwartet.

Sie – zusammen mit vier anderen ehemaligen PEN-Präsidenten – hatten im Vorfeld Deniz Yücel aufgefordert, zurückzutreten. Warum? Weil er gegen die PEN-Charta, das Gebot zum Frieden, verstieß, indem er sich für eine Flugverbotszone aussprach?

Eine Flugverbotszone könnte nur durch den direkten Kriegseintritt der NATO als Kombattant durchgesetzt werden. Das würde unserer Auffassung nach nicht zu einer Eindämmung, sondern zu einer Eskalation des Krieges führen.

Wir leben in Zeiten, die klare Jas und klare Neins schwer machen. Und immer zu verlangen, dass sich der PEN dazu vorher intern abstimmt, ist in unserer Mediengesellschaft, wo auf schnelle Antworten gedrungen wird, auch kaum machbar. Da war ein meinungsfreudiger Präsident wie Yücel doch genau der richtige, oder?

Ich habe bei unserer Versammlung in der Frankfurter Paulskirche im Herbst vergangenen Jahres für Deniz Yücel gestimmt. Weil er mit seiner eigenen Biografie unser Anliegen authentisch verkörpert und weil er tatsächlich ein wortgewandter Mensch ist, der sich Aufmerksamkeit zu sichern versteht.

Sie haben doch selbst feststellen müssen, dass ein Misstrauensantrag per Brief im Vorfeld die Medien erreicht und erregt. Das ist doch aus einer anderen Zeit?

Das sind zwei verschiedene Dinge. Die Rücktrittsaufforderung wegen der Flugverbotszone habe ich sehr bald als Fehler erkannt. Das ist ein guter Grund für harte, sachliche Konfrontationen, aber kein Rücktrittsgrund. Ich habe Deniz Yücel am Vorabend der Mitgliederversammlung in einem freundlichen Gespräch gesagt, dass sich diesbezüglich meine Meinung geändert hat. Der Misstrauensantrag wurde von einer anderen Gruppe aus ganz anderen Gründen eingebracht. Anträge müssen vereinsrechtlich nun einmal schriftlich und innerhalb einer gewissen Frist vorgelegt werden, damit die Mitglieder sich eine Meinung dazu bilden können. Darin wurde Yücels Forderung nach einer Flugverbotszone nicht einmal erwähnt. Es ging um ganz andere Dinge, um das zerrüttete Verhältnis zur Geschäftsstelle in Darmstadt, um Sprache, Umgangsstil und Ausgrenzung einzelner Präsidiumsmitglieder, um die plötzliche Entlassung des Justiziars, der über zwei Jahrzehnte ehrenamtlich für uns gearbeitet hat, und so weiter.

Josef Haslinger (1955 in Zwettl, Niederösterreich, geboren) war von 1996 bis 2021 in Rotation Direktor am Literaturinstitut Leipzig und von 2013 bis 2017 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland. Bis voraussichtlich Oktober übernimmt er das Amt übergangsweise erneut

Der Streit um Yücel inmitten des brutalen Krieges Russlands gegen die Ukraine ist genau genommen ein Totalschaden für den deutschen PEN. Haben Sie dabei bedacht, dass Sie sich beschädigen könnten, wenn Sie jetzt in die Bresche springen?

Natürlich habe ich auch daran gedacht. Aber es hat sich ja sonst niemand gefunden. Und es hat sich von denen, die jetzt gegen mich polemisieren, auch niemand zu Wort gemeldet. Bei 133 Pro- und nur neun Gegenstimmen konnte ich mich der Aufgabe schwer entziehen, auch wenn mir klar war, dass es keine leichte sein würde.

Hinter dem Tumult, der da jetzt auf der Jahrestagung stattgefunden und sich an Yücel entzündet hat, steckt ein schon lange schwelender Streit im deutschen PEN: zu alt, zu weiß, zu männlich. Gab es den zu Ihren Zeiten als Präsident nicht auch bereits?

Ja, den gab es. Ich bin es ja gewesen, der für eine Verjüngung des deutschen PEN eintrat und 80 junge Autorinnen und Autoren zur Aufnahme vorschlug, was dann auch geschehen ist. Leider sind sie in den letzten Jahren im PEN kaum sichtbar geworden.

Was kann ein Interimspräsident tun: eine Altersquote für Neuaufnahmen oder ein Durchschnittsalter für alle 770 Mitglieder vorschlagen? Im Durchschnitt nicht über 50? Geht das?

Solche Einschränkungen sind von vornherein abwegig. Das Interimspräsidium kann aber für eine ernsthafte Diskussion über diese Probleme sorgen und Vorkehrungen treffen, die eine stärkere Einbindung der Mitglieder in die Vereinsgeschehnisse ermöglichen. Selbstverständlich sollten bei den Wahlen zum Präsidium, aber auch bei der Zuwahl neuer Mitglieder Fragen der Diversität ein größeres Gewicht haben als bisher.

Es wird häufig gegen den PEN vorgebracht, seine Mitglieder – zumindest die, die zu den Jahrestagungen reisen – missverstünden sich als intellektuelle Elite, wollten aber eigentlich nur ihr literarisches Bedeutungsdefizit auffüllen. Das klingt extrem unfreundlich. Aber ist diese Beschreibung wirklich falsch?

Ja, sie ist falsch, weil sie die individuellen Qualitäten und Leistungen dieser Mitglieder ausblendet. Der PEN besteht eben nicht nur aus Schriftstellern im engeren Sinn, sondern auch aus Journalisten, Literaturkritikern, Germanisten, Verlegern und anderen, die in unterschiedlichsten Bereichen des Literaturbetriebs tätig sind. Nicht das unübersehbare Selbstdarstellungsbedürfnis einiger Mitglieder ist das Hauptproblem, sondern das Schweigen derjenigen, die sich ausgeschlossen fühlen und den PEN als Erbpacht einer Altherrenriege wahrnehmen.

Es gab in der Vergangenheit des PEN Zeiten – da waren Heinrich Böll, Günter Grass und Walter Jens aktiv dabei –, da hörte die deutsche Öffentlichkeit zu, weil es um wichtige Inhalte ging – und heute geht es um Personen und ihr streitbares Verhalten.

Das deutsche PEN-Zentrum ist eines der aktivsten der Welt. Die Arbeit, die es zur Rettung und Unterstützung von bedrohten und verfolgten Autorinnen und Autoren vollbringt, findet in den internationalen Gremien des PEN höchste Wertschätzung.

Fatal ist, dass der Streit all das überdeckt. Die „Bratwurstbude“ wird hängen bleiben …

Eine Krise kann auch etwas Heilsames haben, wenn dadurch die Weichen neu gestellt werden.

Was wollen Sie in Ihrer Interimszeit zum Positiven verändern?

Zunächst muss eine Abrüstung der Worte gelingen. Das ist die Voraussetzung, um den Blick dafür zu schärfen, dass wir eine gemeinsame Aufgabe haben, bei der grundverschiedene Persönlichkeiten trotz aller Meinungsverschiedenheiten und unterschiedlichen Lebenserfahrungen an einem Strang ziehen können.

Wenn Sie ein Positionspapier für die Reform der Arbeit des deutschen PEN verfassen würden, um es ihren Nachfolger:innen zu übergeben: Was stünde auf Platz eins und zwei?

Die PEN-Charta ist unser Positionspapier. Sie verpflichtet die Mitglieder, „jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in ihrem Lande, in der Gemeinschaft, in der sie leben, und wo immer möglich auch weltweit entgegenzutreten“. Besonders zu Herzen nehmen sollten wir uns jetzt aber den Schlusssatz der Charta, in dem von den Mitgliedern erwartet wird, „wahrheitswidrigen Veröffentlichungen, vorsätzlichen Fälschungen und Entstellungen von Tatsachen für politische und persönliche Ziele entgegenzuarbeiten“.

Bis wann wird Josef Haslinger das Amt ausüben?

Ich betrachte das Interimspräsidium als Team, das etwa vier Monate lang arbeiten wird, bis die Mitgliederversammlung, voraussichtlich im Oktober, ein neues Präsidium wählt. Zur Vorbereitung eines Neustarts werde ich mit dem neuen Präsidiumsmitglied Maxi Obexer eng zusammenarbeiten.



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