Theaterkünstler:innen sind Afficionadas, deren Arbeit nie endet. Spätabends, nach einem Workshoptag und dem Besuch einer beinahe dreistündigen Aufführung lassen sich Rodrigo Batista und Urvi Vora noch auf ein langes Gespräch ein. Der brasilianische Theatermacher und die indische Performerin sind als Fellows zum Internationalen Forum des Theatertreffens eingeladen. Seit 2004 gibt es diese Plattform für globalen Austausch und nach zwei Pandemiejahren sind endlich wieder internationale Gäste in Berlin vor Ort. In der teilrenovierten Gastronomie des HAU Hebbel am Ufer diskutieren Batista und Vora an einem Tisch in der Ecke engagiert über deutschsprachiges Theater und das beim Theatertreffen Gesehene, während ihre Kolleg:innen draußen den lauen Sommerabend genießen.

der Freitag: Frau Vora und Herr Batista, das Theatertreffen ist nicht Ihre erste Begegnung mit dem deutschen Theater. Wie haben Sie es kennengelernt?

Rodrigo Batista: Im Regiestudium in São Paulo war das deutsche Theater sehr präsent. Ich habe Stücke von Bertolt Brecht oder Heiner Müller studiert. Prägend waren für mich auch die Gastspiele von Frank Castorf und Christoph Schlingensief. In ihren Inszenierungen ist mir klar geworden, was Theater sein kann: Ich hatte noch nie eine so große Bühne gesehen oder solch spektakuläre Effekte. Die Bühne ist förmlich explodiert. Auch das Schauspiel war sehr anders – kompromisslos, roh und ungezähmt.

Urvi Vora: Brecht habe ich auch gelesen, an der Universität – das war Teil meines politischen Erwachens. Als Tänzerin wusste ich um Pina Bausch und Sasha Waltz, denn der zeitgenössische indische Tanz hat sich parallel zum deutschen Tanztheater entwickelt. Choreografinnen wie Chandralekha und Padmini Chettur haben eine enge Beziehung zum deutschen Expressionismus. Daher ist für mich der europäische Diskurs über kulturelle Appropriation seltsam: Ich denke, wir kolonisieren uns weiter, wenn wir uns nicht mehr von anderen Kulturen inspirieren lassen.

Rodrigo Batista ist Theatermacher und Pädagoge und lebt in Amsterdam, wo er 2019 ein Master-Studium bei DAS Theatre abschloss. Im São Paulo studierte er zuvor Theaterregie und war als Pädagoge in Kulturprogrammen in den Außenbezirken tätig. Seine Themen sind unter anderem neo- liberale Kultur, Dekolonialisierung und Propaganda. Batista hat eine „Ästhetik aus Explizitheit“ entwickelt, die mit Elementen von Gore und Pornografie explizite Botschaften an die globale Politik richtet

Welche Bedeutung haben europäische Einflüsse und dekoloniale Ansätze in Ihrer Arbeit?

Vora: Meine Ausbildung ist infolge des Kolonialismus natürlich von westlichen Wissenssystemen beeinflusst. Aufgewachsen bin ich mit Ballett, weil ich in der Nähe der russischen Botschaft wohnte und meine Eltern mich nicht durch die Stadt fahren wollten. Später habe ich mich in modernem Tanz ausbilden lassen – und habe nach meinem westlich geprägten Philosophiestudium in New York, London und Budapest studiert und gearbeitet. In Europa habe ich häufig die Erwartung gespürt, als Tänzerin aus Indien in Bharatanatyam oder Kathak geschult sein zu müssen. Oft war ich die einzige Person of Color im Raum. Irgendwann beschloss ich, zurück nach Delhi zu gehen, weil es mir eine Möglichkeit eröffnete, mehr zu sein als meine vermeintliche Identität.

Batista: Ich habe erst beim Studium in Amsterdam realisiert, welche Prozesse des Kolonialismus und des epistemologischen Genozids wir in Brasilien durchlaufen haben. Als ich nach Europa kam, nach einer Serie von Streiks gegen die Regierungsbehörde, die unsere theaterpädagogische Arbeit in São Paulo finanzierte, habe ich an der Theaterakademie in Amsterdam ein zweiteiliges Solo entwickelt. The Furious Rodrigo Batista setzt sich mit der rechtsgerichteten brasilianischen Politik und dem derzeitigen Genozid in der Peripherie großer Städte auseinander – und mit der Kolonialisierung. Dieser Prozess war sehr aufgeladen, mit Wut, Revolte und dem Bedürfnis, die Zustände anzuprangern.

Urvi Vora lebt als freischaffende Performerin im indischen Neu-Delhi. Seit ihrem Studium der Philosophie und Tanzanthropologie entwickelt sie Performances zwischen Tanz, Film und Theater, die sich mit dem menschlichen Körper, dem Körper in der Politik und Intimität beschäftigen. In The Naked Lunch Series (2019) etwa lädt sie eine Gruppe einander Unbekannter zu einem Essen und zum Austausch über Konzepte von Körper, Nacktheit und Intimität ein

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen: Wie blicken Sie auf das Theatertreffen?

Vora: Für mich ist es ein starker Kontrast. In Indien gibt es nicht viel staatliches Geld. Gefördert wird zunehmend, was den traditionellen Vorstellungen der Hindu-nationalistischen Regierungspartei entspricht. Die freie Szene, zu der auch ich gehöre, wird durch ausländische Förderer wie das Goethe-Institut und Pro Helvetia finanziert. Aber die Arbeiten indischer Künstler:innen haben eine große Dringlichkeit, im politischen Straßentheater, in den kleinen unabhängigen Kunsträumen. Damit möchte ich nicht Prekarität romantisieren, Förderung ist wichtig. Aber ich frage mich, inwiefern die Künstler:innen in Deutschland ein Risiko eingehen, das es für die Kunst braucht. Die Leiterin des Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer, hat uns erzählt, dass im deutschsprachigen Raum pro Jahr 2.000 Theaterproduktionen entstehen. Diese Größenordnung kann ich mir nur schwer vorstellen.

Batista: Das Verhältnis von Aufwand und Ergebnis im deutschsprachigen Theater empfinde ich als Affront. Für mich ist enttäuschend, was ich beim Theatertreffen bislang gesehen habe. Ich fühle mich wie in einem Museum, als ob es einen Rückschritt zum bürgerlichen Drama gäbe und die Stücke nicht geeignet sind, eine Diskussion anzustoßen.

An welche Inszenierungen denken Sie dabei? Das Theatertreffen versammelt unterschiedliche Regiehandschriften.

Vora: Wir haben konventionelle Bühnenstücke gesehen, die sich auf den Text und die Figurendarstellung fokussieren, in denen die Schauspieler:innen aber nicht wissen, was sie mit ihrem Körper anfangen sollen. Ein Mann seiner Klasse vom Schauspiel Hannover, nach dem autobiografischen Roman von Christian Baron über seine Kindheit in Armut, stellt althergebrachte Fragen: Wie können wir auf der Bühne Gewalt verhandeln, ohne Gewalt zu zeigen? Und der Text geht tendenziell von einer eindeutigen Beziehung zwischen Ursache und Wirkung aus: dass man seine Frau schlägt, wenn man arm ist.

Batista: Das war auch für mich das Stück, bei dem ich den Eindruck hatte, dass wir rückwärts gehen. Ich fühlte mich wie in einer kollektiven Halluzination, eingefroren in der Zeit.

Vora: Ich glaube, das kommt von den Schuldgefühlen, die im heutigen Theater herrschen. Man denkt, „ich sollte etwas Sinnvolles machen“, politisch sein, divers und solidarisch – und am Ende macht man etwas sehr Oberflächliches. Das ist überall in unseren Gesellschaften so, nicht nur im Theater. Vermutlich rührt die Krise vom Willen, gut zu sein …

Batista: … und auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, genau.

Vora: Wir haben uns im zeitgenössischen Theater von der Kunst als Ausdrucksform entfernt und fragen uns jetzt, wie wir uns ausdrücken können. Wir drehen uns im Kreis, als befänden wir uns im Inferno, so wie in der Dante-Inszenierung Das neue Leben vom Schauspielhaus Bochum, die hier gezeigt wird. Und wir kommen immer wieder auf dieselben Fragen zurück.

Gibt es auch einen Lichtblick, nach knapp der Hälfte des Theatertreffens?

Batista: In humanistää! vom Volkstheater Wien sehe ich eine Art Weiterentwicklung, von Christoph Marthalers Musiktheater. Claudia Bauers Inszenierung ist humorvoll und absurd, sie ist eine Kritik an der deutschen Sprache und eine Hommage an sie. Es geht um Machtverhältnisse, die sich in der Sprache ausdrücken, und um deren Widersprüche. Obwohl es eine präzise Inszenierung ist, wirkt sie sehr frei.



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