Eine Frau im langen Kleid steht auf einer Klippe, um sie herum ein leuchtendes Tosen. Die schwarze Nacht ist durchzogen von Kreisen, Spiralen und Zeichen wie von einem Feuerwerk: Schon das Cover der Graphic Novel Die 5 Leben der Hilma af Klint verrät, mit welcher Wucht der Künstler und Zeichner Philipp Deines die Biografie der 1862 geborenen Schwedin erzählt. Die Pionierin der abstrakten Kunst wurde von der Kunstgeschichte lange übersehen. „‚Hilma Who?‘ No More“ lesen wir ganz am Ende auf einer nachskizzierten Zeitungsseite der New York Times, erschienen 2018 anlässlich der großen Hilma-af-Klint-Ausstellung im Guggenheim Museum in New York, die ihr endgültig zum posthumen Durchbruch verhalf.

Die Beschäftigung mit Hilma af Klint ist bei Philipp Deines quasi Familiensache. Seine Frau Julia Voss, Kunsthistorikerin und ehemalige FAZ-Redakteurin, hat 2020 ein Standardwerk über die Künstlerin veröffentlicht. Deines zielt auf eine jüngere Zielgruppe: Im Stil an klassische Comics angelehnt, zeichnet er Hilma af Klint mit hochgestecktem Haar, großer Pony-Tolle und türkis leuchtenden Augen. Er bedient sich an der Farbpalette der Künstlerin und zieht uns hinein in ihre Kunst, der sie sich kompromisslos verschrieben hatte.

Rudolf Steiner blieb wortkarg

Mit ihren Porträts und Landschaften hatte Hilma af Klint schon an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm Aufmerksamkeit erzielt und sie sicherten eine Zeit lang ihr Auskommen. Für ihre späteren Arbeiten galt das nicht: teils riesige Werke voller Farben und Symbolik, organischer und geometrisch-abstrakter Formen, mit wenigen figürlichen Elementen, die entfernt an naturwissenschaftliche Darstellungen erinnern – so bedeutungsträchtig wie rätselhaft. Als sie 1906 ihre erste teils ungegenständliche Serie mit dem Titel Urchaos begann, gab es nichts Vergleichbares in der Kunst. Af Klint suchte Wege, sie bekannt zu machen – ohne Erfolg. „Die Zeit war noch nicht reif für ihre Bilder“, lesen wir bei Deines und schauen zu, wie sie ihren Nachlass für die Zukunft aufbereitete: Mit „+x“ markierte sie all jene Werke und Notizbücher, die ihr Neffe und Erbe Erik af Klint nach ihrem Tod – sie starb 1944 – 20 Jahre unter Verschluss halten sollte.

Dass Hilma af Klint so lange so wenig Widerhall fand, hatte auch mit ihrem Glauben an Übersinnliches und Hellsicht zu tun – auch wenn das in intellektuellen und künstlerischen Kreisen durchaus dem Zeitgeist entsprach. Schon mit 17 Jahren besuchte sie Séancen. Mit dem plötzlichen Tod ihrer jüngeren Schwester Hermina vertiefte sie sich in Religion und Spiritismus. Philipp Deines steigt ein mit dieser Geschwisterbeziehung, lässt af Klint das Unglück in einer der Sitzungen erahnen. Das Zeichen „H“ wie Hermina begleitet uns durch das Buch – wie die Symbole, die af Klint für jene Geister benutzte, deren Stimmen laut ihren Notizen immer wieder zu ihr sprachen: Ananda, Amaliel, Gregor und Georg.

Neben dem Spiritismus war Hilma af Klint von der Theosophie und später der Anthroposophie beeinflusst. Aber auch in diesen Kreisen verfingen ihre Arbeiten kaum. Bei Rudolf Steiner versuchte sie es vehement: Deines zeigt uns den Anthroposophie-Begründer wortkarg bei einem ersten Atelierbesuch in Stockholm. Und wiederum abwehrend bei der Durchsicht ihres sogenannten Koffermuseums im Goetheanum in Dornach. Hilma af Klint hatte Notizbücher mit Miniaturen und Fotos ihrer Werkreihen erstellt, um sie ihm zu zeigen.

Hilma af Klint: Spirituelle Erfahrungen und Botschaften von Geistern

Deines spielt in seinen erst in Schwarz-Weiß von Hand gezeichneten und später digital kolorierten Panels selbstbewusst mit den Versatzstücken von Leben und Werk. Entwirft doppelseitengroße Hilma-af-Klint-Panoramen, die den Entstehungsprozess ihrer Kunst versinnbildlichen. Zeichnet Elemente oder ganze Bilder nach, zeigt sie mal versunken in die Natur, mal im Schaffensrausch. „Die Bilder wurden direkt durch mich gemalt, ohne vorläufige Zeichnungen und mit großer Kraft. Ich hatte keine Ahnung, was die Bilder darstellen würden, und trotzdem arbeitete ich schnell und sicher, ohne einen einzigen Pinselstrich zu ändern“, wird af Klint zitiert. Über 26.000 Seiten Notizen hinterließ sie.

So spannend ist diese Künstlerinnenpersönlichkeit und so komplex die Gedankenwelt hinter ihrem Werk, dass sie in einem Band kaum zu fassen sind. Zumal manche Passagen wie jene über den Großvater Gustaf, der die Meere kartografierte wie Hilma die unsichtbare Welt, fast zu lang geraten sind. Es ist faszinierend, wie detailreich Deines die damaligen Städte, wie treffsicher er das berühmteste Foto der Malerin nachahmt: im Atelier sitzend, den Kopf auf die Hand gestützt. Oder auch die Werke berühmter Meister, die sie 1903 auf ihrer Italienreise mit ihrer Freundin und zeitweisen Geliebten Anna Cassel sah, darunter Leonardo da Vincis Das letzte Abendmahl und Bellinis Madonna mit Kind. Der Fokus aber auf ein Thema wie den Spiritismus, die Kunstgeschichte oder ihre Frauenbeziehungen hätte dem Buch gutgetan.

Anna Cassel hatte sie an der Kunstakademie kennengelernt. Auch sie glaubte an höhere Welten und an die Überwindung der dualen Geschlechterordnung – eine Überzeugung, die sich häufig widerspiegelt bei af Klint. Gemeinsam gründeten sie 1896 die Gruppe „Die Fünf“, in der sie spirituelle Erfahrungen machten und protokollierten: Botschaften von Geistern und rätselhafte Formen, die beim automatischen Schreiben und Zeichnen entstanden und einflossen ins spätere Werk. Und zwar Jahrzehnte vor den Surrealisten, mit denen die Kunstgeschichte ähnliche Methoden verknüpft. Wassily Kandinsky war es, der das erste abstrakte Gemälde überhaupt von 1910 für sich reklamierte. Af Klint war auch hier früher dran. So erscheint es nur gerecht, dass Philipp Deines unter ihren Zeitgenossen weder Kandinsky noch die Surrealisten mit nur einem Wort erwähnt.

Die 5 Leben der Hilma af Klint Philipp Deines Hatje Cantz 2022, 120 S., 28 €



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