Seit Langem schon begleiten die Wittener DokumentarfilmerInnen Ulrike Franke und Michael Loeken mit wachem Blick den sogenannten Strukturwandel im sich deindustrialisierenden Ruhrgebiet. 2014 dokumentierten sie in Göttliche Lage Planung und Bau einer Luxussiedlung an einem künstlichen See auf dem Gelände des ehemaligen Stahlwerks Phoenix in Dortmund. 2006 haben sie in ihrem Film Losers und Winners über ein Jahr lang die Demontage einer Dortmunder Kokerei durch eine chinesische Firma begleitet. Nun nahmen sie die Schließung des Opel-Werks in Bochum-Laer zum Anlass, um von dort den Blick auf eine andere Stadt zu richten, deren starke historische Beziehung zur Automobilindustrie ein dramatisches Ende fand. In den 80er Jahren wurde Detroit, berühmt für „Motown“ und neben General Motors auch Sitz von Ford, Pontiac und anderen Autobauern, durch die Krise der Industriearbeitsplätze zum globalen Symbol für Deindustrialisierung, Entvölkerung, Kriminalität und urbanen Verfall.

Schmelztiegel Bochum

Loeken und Franke reisen nach Detroit und schauen, wie sich die Stadt seit diesem Niedergang entwickelt hat. Und sie gehen an den Ort in Bochum, wo bis 2014 noch Zehntausende von Beschäftigten Autos fertigten und in den Pausen die umliegenden Gaststätten mit Leben füllten, wie eine Wirtin erzählt. Nun wird das Gelände unter dem Namen Mark 51°7 mit 65 Millionen Euro öffentlicher Förderung als „Schmelztiegel der Wissensakkumulation in der Ermöglicherstadt Bochum“ vermarktet, wie es einer der beteiligten Herren nennt. Doch das erste konkrete Bauvorhaben ist ein banales gigantisches DHL-Paketverteilzentrum. 50.000 Päckchen pro Stunde werden hier verteilt, 600 Menschen sollen eine „zukunftssichere Beschäftigung“ bekommen, wie der damalige Ministerpräsident Armin Laschet zur Eröffnung 2019 sagt.

Auch im Noch-Trump-Detroit gibt es vielerorts Neubeginn. So entstehen neben den Industrieruinen aus Backstein Wohnhäuser in modularer Leichtbauweise. Ein Investor möchte in einem abgewrackten Stadtteil ein hippes Vorzeige-viertel mit gemischter Nutzung errichten. Eine kleine Manufaktur produziert faire Jeans. Und eine junge Familie zieht auf den Grünflächen eines entvölkerten Wohngebiets Blumen und Gemüse für den auch durch den wachsenden Tourismus florierenden Bauernmarkt. Geschlossen wird dagegen ein seit vier Generationen bestehender Hardware Store – wegen jahrelanger Verluste, aber auch, weil der Inhaber durch die beginnende Gentrifizierung die Möglichkeit eines lohnenden Verkaufs für den nahenden Ruhestand sieht. Doch ein Jahr nach dem Verkauf steht der Laden immer noch leer.

We are all Detroit montiert in 119 Minuten Orte und Personen beider Orte so in- und gegeneinander, dass Gemeinsamkeiten und Unterschiede (vor allem im Verhältnis zwischen staatlichem und privatem Handeln) im Umgang mit den Umbrüchen sichtbar werden. Scheint beim straff durchgezogenen Management von Mark 51°7 kein Quadratzentimeter Fläche ungestaltet und unverwertet zu bleiben, tun sich in Michigan Jahrzehnte nach dem Niedergang vielerorts Nischen auf, die bürgerschaftliche Initiative fordern und erlauben.

Doch es zerbrechen auch Lebensträume an Armut und Drogen. Ein belastbarer Vergleich beider Orte ist der Film von Loeken und Franke dabei sicherlich nicht (und will es auch nicht sein), schon allein, weil ihr Film in beiden Städten ganz unterschiedlich gelagerte Situationen aufsucht – und einen engstens definierten Standort gegen eine weitläufig ausufernde Stadtlandschaft stellt. Schließlich ließen sich auch im Ruhrgebiet jenseits von Mark 51°7 reichlich Beispiele kreativer Umnutzung finden. Und die Männer vom Hardware Store, die über die sich im Quartier breitmachenden Hipster lästern, könnten auch gut in Bochum an einer Trinkhalle stehen. Inspirierende Aussichten auf zukünftig mögliche Urbanitäten gibt dieser Ausflug aus der zentral gesteuerten nordrhein-westfälischen Machbarkeits-Maschine auf jeden Fall.

We are all Detroit – Vom Bleiben und Verschwinden Ulrike Franke, Michael Loeken Deutschland 2021, 119 Minuten



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