Seitdem die Linke darüber debattiert, ob die Partei ein Sexismusproblem hat, erschienen mehrere Artikel, in denen Bundestagsabgeordnete über strukturell diskriminierendes Verhalten gegen Frauen in der Linke-Fraktion berichteten. Sie taten das anonym, einzig die Abgeordnete Martina Renner sagte mit Gesicht und Namen gegenüber dem RND, in der Linke-Bundestagsfraktion herrsche „ein Grundklima, das auch übergriffiges Verhalten beflügelt“.

Simone Barrientos ist 2021 nach vier Jahren aus dem Bundestag ausgeschieden. Heute sagt sie, sie wolle „das Schweigen brechen“, darüber, wie Genossen und Genossinnen in der Fraktion miteinander umgehen und wer die Verantwortung dafür trägt. Es gehe ihr aber nicht um sich selbst: Sie wolle ihre Erfahrungen in die Debatte einbringen, damit sich die Verhältnisse ändern.

Frau Barrientos, Sie waren vier Jahre für die Linke im Bundestag. Heute sagen Sie, Sie hätten an dem, was Sie in der Linke-Bundestagsfraktion erlebt haben, Schaden genommen.

Das stimmt.

Was meinen Sie damit?

Ich stelle fest, dass durch meine Erfahrungen in der Bundestagsfraktion mein Selbstwertgefühl beschädigt wurde. Ich werde die Erschöpfung nicht los, ich habe Phasen von Menschenscheu, dabei war ich immer gern unter Menschen. Das Problem ist: Es ist sehr schwer, das alles zu beschreiben, ohne dass der Eindruck entsteht, ich wäre zartbesaitet oder es ginge nur um Befindlichkeiten.

Hat die Linke als Partei ein Sexismus-Problem? Was für Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Ja. Sie hat ein Problem mit Sexismus. Man kann sich das erstmal gar nicht vorstellen. Denn ich bin ja in die Partei gegangen, weil ich schon mein Leben lang für eine bessere Welt kämpfe, in allen möglichen Kontexten. Ich habe immer gegen Sexismus gekämpft, gegen Ungerechtigkeit. Und ich dachte, die parteipolitische Arbeit ist der Weg, über ich am meisten erreichen kann: Weil ich in der Partei Menschen fand, die für dasselbe kämpfen wie ich. Ich erlebte zwar auch seltsame Dinge, aber die steckte ich erstmal weg.

Zum Beispiel?

Ich stehe ich auf einem Parteitag draußen und plaudere mit einem Genossen über das, was drinnen passiert, über einen Antrag oder was auch immer. Es ist Hochsommer, ich trage ein Sommerkleid, figurbetont, aber Herrgott, ich habe einfach ein Kleid an und bin eine Frau. Mitten im Gespräch bemerke ich, wie der Blick des Genossen auf einmal gedankenverloren über meinen Körper wandert, in meinem Ausschnitt hängenbleibt, und er dann fragt: Sag mal, wie stehst du eigentlich zur Debatte über Pornografie in der Linken? Ich denke: Wie bitte? Ich lasse ihn stehen und sage nichts. So etwas begegnet Frauen in der Linken ständig.

Vielleicht ist die Partei einfach mehr oder weniger so sexistisch wie die Gesellschaft auch?

Moment mal, genau das ist doch das Problem: Wenn man akzeptiert, dass die Partei so sexistisch ist wie die Gesellschaft. Aber es ist die Linke! Die Linke muss sich doch an ihren eigenen Ansprüchen messen lassen, als feministische Partei. Und da kommt es darauf an, was sie als Partei dagegen tut, wenn es zu sexistischen Sprüchen und Kommentaren kommt. Wenn man das aber thematisiert, dann wird bagatellisiert.

Was tut sie in Ihren Augen?

Fakt ist, dass es keine Strukturen gibt, dem zu begegnen. Und keine Kultur des Hinschauens. Ein Beispiel: Wenn die Fraktion Videos von Plenarreden der Abgeordneten auf Youtube veröffentlicht und die Kommentare nicht moderiert, dann heißt das, dass Frauen mit sexistischen Kommentaren leben müssen, weil die Fraktion nicht interveniert. Da stehen dann Sachen wie: „Mehr Oberweite als Verstand. Ein eventueller Berufswechsel wäre angebracht“, „Könnte von ir­gendwo entlaufen sein“ oder „Alte dumme Frau“. Und das sind noch die freundlicheren Kommentare. Man lässt also zu, dass es in den Kommentaren zu Redebeiträgen von Frauen fast nie um die Inhalte geht, sondern meistens darum, dass sie zu alt, zu jung, zu dünn, zu fett, zu laut, zu leise, zu doof sind. Und dass das nahezu immer eine sexistische Komponente hat.

Simone Barrientos wurde 1963 in Lutherstadt Eisleben geboren, wuchs in Neustrelitz auf und eckte in der DDR als rebellische Jugendliche an. Barrientos arbeitete dann als Bauzeichnerin, Verlegerin, Sängerin und Moderatorin. 2017 wurde sie in den Bundestag gewählt, dem sie bis 2021 angehörte. Im März gab sie ihren Austritt aus der Partei Die Linke bekannt.

Wer Sexismus nicht entgegentritt, ermöglicht ihn, klar.

Das ist das eine. Dazu kommt aber, auf der nächsten Stufe, dass es weder in der Partei noch in der Fraktion Strukturen gibt, an die sich von Sexismus Betroffene wenden können, ohne dass sie selbst verhöhnt oder der Verachtung preisgegeben werden oder dass das Problem bagatellisiert wird.

Die Linke ist also eine sexistische Partei?

Nein. Aber sie hat ein Sexismusproblem und das hat auch und besonders die Fraktion. Der Kern des Problems ist: In der Linken wird so getan, als ob es, weil wir eine feministische Partei sind, das Problem in unserer Partei nicht gäbe. Wenn wir Strukturen hätten, an die man sich wenden könnte, als Betroffene, gäbe es das Problem vermutlich immer noch, aber nicht in diesem Ausmaß. Und wir hätten immerhin eine Möglichkeit, uns dagegen zu wehren. Ein anderes Beispiel: Du hältst eine Rede, und ein Mann sagt dir hinterher – das ist mir mehrmals passiert –: Ja, war ja ganz gut, aber mach mal ein bisschen leiser beim nächsten Mal. Das habe ich von Jan Korte (dem parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktion im Bundestag, Anm.d.Red.) so erlebt. Der würde nie auf die Idee kommen, einem Mann so etwas zu sagen.

Gibt es einen Unterschied in der Bewertung, was sexistisch ist und was nicht? Zwischen Männern und Frauen, aber auch zwischen den Jüngeren und den Älteren?

Auf jeden Fall. Wir haben, gerade im Westen, sehr viele junge Mitglieder, für die ist völlig klar, dass Feminismus kein Frauengedönsthema ist, sondern ein gesellschaftspolitisches, das auch Männer betrifft.

Zu Ihren Erfahrungen in der Bundestagsfraktion: Was genau haben Sie dort erlebt?

Die Fraktion ist in meiner Wahrnehmung eine Leerstelle, über die man sprechen muss: Nicht nur, weil sie ein machtstrukturelles und ein Sexismusproblem hat, sondern auch, weil ich glaube, dass diese Fraktion der Partei über Jahre hinweg Schaden zugefügt hat. Als ich in den Bundestag kam, waren unsere Fraktion größer als die der Grünen. Man kann sich anschauen, was die grüne Fraktion während der vier Jahre erreicht hat, und was die linke Fraktion in derselben Zeit erreicht.

Was genau kreiden sie der Fraktionsführung an?

Die Frage ist doch, was darf, ja muss man von einer Fraktionsführung erwarten? Teambuilding, Motivation, Respekt und Wertschätzung wären da Stichworte. All das fand ich nicht. Ein signifikanter Teil, etwa ein Drittel, der Abgeordneten wurde benachteiligt, um es freundlich zu sagen. In dieser Gruppe waren überdurchschnittlich viele neue, junge und weibliche Abgeordnete. Ihnen wurde mit Ignoranz und Arroganz begegnet. Der Abstand, den ich nun habe, schärft den Blick und ich muss feststellen, dass ich vier Jahre Mobbing, Gaslighting, Sexismus und Boshaftigkeit erlebt habe. Und ich bin nicht die Einzige. Es gab kein Interesse daran, was wir Neuen mitbringen an Erfahrung und Wissen, an Ideen und Möglichkeiten. Es ging einzig und allein darum, wer für die statische Mehrheit des „Hufeisens“ gebraucht wurde, also des Bündnisses aus Reformern und dem Wagenknecht-Lager. Wer eine statische Mehrheit hat, muss keine inhaltliche suchen. Man wurde also zu Beginn der Legislaturperiode ein- oder aussortiert: Die einen ins Töpfchen, der Rest ins Kröpfchen, ich landete im Kröpfchen.

Nun könnte man annehmen, dass, wenn neue Abgeordnete ins Parlament kommen, man sich auch für Ihre möglichen Kompetenzen interessiert. Das ist nicht passiert?

Nein, es ging nicht um Stärken oder Inhalte oder Sachpolitik, sondern rein um Machtpolitik: Wen brauchen wir, um unsere statische Mehrheit zu halten. So, man muss es so deutlich sagen, funktioniert das System Bartsch. Wer Auseinandersetzungen – und zwar politische – scheut, agiert nach dem Motto „Inhalte überwinden“.

Aber wollten Sie denn zur Mehrheit gehören? Haben Sie das versucht?

Meine Einordnung als nicht zur Mehrheit gehörend ist passiert, bevor ich da überhaupt angekommen bin. Ich habe sie durch mein Verhalten dann vermutlich verstärkt: Weil ich für die Sichtbarkeit meiner Arbeit gekämpft habe, um gleichwertigen Zugang zur Öffentlichkeitsarbeit zum Beispiel und schlicht um Respekt. Ich war aber nicht die Einzige. Man konnte zusehen, wie begeisterte neue Abgeordnete immer stiller wurden oder zorniger, sich zurückzogen oder verzweifelt lauter wurden. Wie sie sich verhärteten oder unsicher wurden. Auch das trägt zur Verunsicherung bei, wenn man immer wieder gegen Wände rennt, wenn man um Selbstverständlichkeiten betteln muss, wenn die Spitze für eine nicht erreichbar ist, oder Gespräche, wenn sie dann mal stattfinden, ins Leere laufen. Und wenn man überhaupt nicht in die Lage versetzt wird, seine Arbeit ordentlich zu machen.

Es ist nicht leicht, das zu beschreiben.

Nein, es ist irre schwer, das auf den Punkt zu bringen. Irgendwann fiel mir auf, wie stark mich das beeinträchtigt, wenn ich bei jeder Wortmeldung schon die Abwehr merke, die Verachtung, das Augenverdrehen, das Gezischel und die herablassenden Bemerkungen aus dem Raum. Es ist ein schleichender Prozess der Verunsicherung, man fragt sich selber: Was stimmt nicht mit mir, was mache ich falsch? Und wenn man um Unterstützung bittet, wird einem gesagt: Ja, liefer’ doch erstmal. Aber es wird nicht gesagt, was man wie liefern könnte, oder worin dieses Liefern überhaupt besteht.

Hier geht es jetzt erstmal gar nicht um Sexismus, sondern einfach um Machtpolitik, oder?

Ja! Und um Machtmissbrauch. Aber das war ein sehr langer Weg für mich, bis ich das begriffen habe.

Wie bewerten Sie die Reaktion der Fraktionsführung auf die Frage, ob es ein Sexismusproblem gebe?

Ich finde es skandalös, dass Amira Mohamed Ali sich hinstellt und sagt: Von sexuellen Übergriffen ist uns nichts bekannt. Das ist doch einfach völlig unprofessionell: Wenn jemand in einer anderen Partei nach derartigen Berichten einfach alles abstreiten würde: Da würde doch die Linke dagegen Sturm laufen! Es wäre doch das Mindeste, dass sie sagt: Wir müssen den Vorwürfen nachgehen, wir nehmen das ernst, und wir gucken, ob wir was ändern müssen.

Frau Mohamed Ali hat ja in ihrer Stellungnahme zuerst das Problem sehr eng definiert, als „sexuelle Übergriffe“, um dann sagen zu können: Dazu ist uns nichts bekannt.

Als wäre das eine Antwort, auf die Frage, die sich jetzt stellt! Es geht um Machtmissbrauch, es geht um toxische Strukturen! Ich habe mich dazu auf Facebook geäußert: „Wer Machtmissbrauch, Mobbing, toxische Männlichkeit und strukturellen Sexismus in der Fraktion negiert und die angreift, die das Problem benennen, ist Teil des Problems.“

Wie sind die Reaktionen, wenn Sie so etwas schreiben?

Es wird dann kommentiert, ich sei erbärmlich und schäbig, weil ich jetzt erst spreche, wenn ich kein Mandat mehr habe. Dann gibt es das Lächerlich machen: „Was ist jetzt toxische Männlichkeit: giftiges Sperma?!“. Das stammt übrigens von einem Genossen.

Das ist übel.

Ja, aber das ist das, was Frauen erleben, wenn sie darüber sprechen. Man wird verächtlich gemacht, man ist ein Nestbeschmutzer, man ist erbärmlich.

Die Partei geht vor.

Ja. Nicht der Mensch, sondern die Partei. Solange man in der Partei ist, soll man die Klappe halten, weil das sonst der Partei schadet. Und wenn man austritt, soll man die Klappe halten, weil man nicht mehr dazugehört. Aber ich bekomme auch sehr viel Zuspruch, und persönliche Nachrichten von Frauen, die mir ihre Erfahrungen erzählen. Viele trauen sich aber nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Was würde helfen?

Wir bräuchten als erstes eine Kultur des Hinsehens, die die Dinge wahrnimmt und benennt, und die Betroffenen ernst nimmt. Bei uns hieß es: Jetzt hab dich doch nicht so, du weißt doch, wie der ist. Viele Betroffene sprechen nicht über Vorfälle, weil sie sprachlos sind, oder weil sie sehen, wie mit Frauen umgegangen wird, die sich äußern. Dagegen helfen flache Hierarchien und transparente Entscheidungsstrukturen. Und Strukturen, in denen Konflikte gelöst werden können. Um es noch einmal zu sagen: Es geht hier nicht um mich. Was mir passiert ist, ist auch vielen anderen passiert. Und es lässt sich auch darauf übertragen, wie die Fraktion mit der Partei und der Basis umgegangen ist. Es ist ein strukturelles Problem. Wer die Linke retten will, der muss diese Strukturen verändern.

In anderen Fraktionen gibt Beschwerdestellen, an die sich von Sexismus Betroffene wenden können.

Ja, in der FDP zum Beispiel. Da können Frauen sich hinwenden, und sagen: Der Typ hat eine sexistische Bemerkung fallen lassen, kannst du mal mit dem reden. Und dann wird das getan! Selbst bei Dingen, die bei uns als Bagatellen abgetan würde. Verrückt, oder? Das gibt es in der FDP. In der Linksfraktion gibt es: Nichts. Oder: Hab dich nicht so. Was ich auch schräg finde, ist, dass in diesen ganzen Diskussionen sehr viel mehr – auch als Verantwortliche – über Frauen gesprochen wird als über die Männer. Wo sind die Männer? Die ducken sich weg. Oder lehnen sich grinsend zurück und warten, bis der Sturm vorbei ist.

Ein Mann, der sich nicht weggeduckt hat, ist Gregor Gysi. Der hat sich das alles angeguckt, und dann geschlossen, dass da nicht viel dran, sondern das Ganze eher eine Kampagne des „Spiegel“ sei.

Ach, der Gregor… Ich mag ihn sehr und schätze ihn. Ich kann mich noch erinnern, als ich seine Autobiografie gelesen und dabei auf einmal gemerkt habe: Da gibt es Frauen nur als Randfiguren. Das hat mich total verblüfft. Er ist eben kein Feminist, sondern ein Mann, der sich für gleichwertige Bezahlung oder ähnliches einsetzt. Immerhin. Ich würde mir wünschen, dass Gregor da in einen Selbstreflexionsprozess einsteigt. Er macht ja auch den Fehler, dass er das Problem auf sexuelle Übergriffe eingrenzt und wenn es davon keine gibt, beziehungsweise wenn da nichts Justiziables auf dem Tisch liegt, dann wischt er damit auch den Sexismus vom Tisch. Gregor könnte ein Verbündeter sein. Er hat gezeigt, dass er es nicht ist.

Sie hatten 2019 einen Schwächeanfall bei einer Abstimmung im Bundestag, ungefähr zur selben Zeit wie ein anderer Abgeordneter.

Ja, da gab es total viel Zuspruch aus anderen Fraktionen, aber auch von der bayrischen Basis. Aus der eigenen Fraktion kam fast gar nichts. In der ersten Fraktionssitzung nach meinem Schwächeanfall gab es eine Diskussion in der Fraktion, es seien zwei Abgeordnete umgekippt, da erzählte Fabio De Masi, wie er dem Kollegen von der CDU Genesungswünsche geschickt habe. Jan Korte erklärte, dass die Sitzungen kürzer werden sollen, Dietmar Bartsch moderierte die Diskussion. Für mich aber war das ein surrealer Moment: Ich saß da, mein Name fiel kein einziges Mal, es gab kein „Mensch Simone, gut dass du wieder da bist“. Ich existierte nicht. Das war bar jeden Anstands. Irre. Ein anderes Beispiel, ganz banal, bei der Erstellung der RednerInnenliste. Mir ist es mehrmals passiert, dass ich reden wollte und nicht zum Zuge kam. Stattdessen wurden andere RednerInnen eingetragen, einmal zum Beispiel Petra Pau. Als ich sie darauf ansprach, war sie überrascht und sagte: Oh, mir wurde gesagt, dazu will niemand reden, du musst das übernehmen. Diese Art Machtspielchen, oder soll ich sagen: diesen Machtmissbrauch durch den parlamentarischen Geschäftsführer Jan Korte gab es nicht nur einmal. Und ja, ich kann das belegen.

Was ist der Sinn von so einem Machtspielchen?

Ich denke, es geht darum, jemanden klein zu halten, jemanden in die Schranken zu weisen. Ich kann mich erinnern, dass ich zu Jan Korte mal gesagt habe: Stell dir doch einfach vor, ich sei ein Mann, vielleicht kannst du dann normal mit mir umgehen? Das fand er nicht lustig.



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