War es als die ultimative Provokation gedacht? Ausgerechnet am 9. Mai, dem Tag, an dem Russland den Sieg über Nazi-Deutschland feiert, veröffentlichte die ehemals linksliberale taz einen Artikel der rechtsextremen russischen Autorin Julia Latynina, dessen Inhalt dafür geeignet wäre, die taz vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen: Nicht Hitler, sondern Stalin hätte den Zweiten Weltkrieg geplant, die Generäle der Wehrmacht werden heroisiert und der Partisanenkampf hinter der Front als Terrorismus neu bewertet. Das ist nicht nur starker Tobak, sondern Geschichtsrevisionismus in Reinkultur, den heute wohl nicht einmal die Junge Freiheit abdrucken würde. Aber um die These „Putin verkörpere sowohl Hitler als auch Stalin gleichzeitig“ zu „untermauern“ und den russischen Präsidenten als den schlimmsten Verbrecher seit Menschheitsgedenken darzustellen, scheint der taz jede braune Jauche recht zu sein. Von Jens Berger

Wie um Himmels Willen kommt die Chefredaktion der taz auf die Idee, Texte einer russischen Rechtsextremistin zu veröffentlichen? Dabei hätte man doch nur im eigenen Archiv blättern müssen, um herauszufinden, wer Julia Latynina eigentlich ist. 2018 widmete die taz dieser Autorin ein wenig schmeichelhaftes Portrait. Latynina führe einen Kreuzzug gegen Linke, Migranten, Menschenrechtler und das allgemeine Wahlrecht – letzteres führe dazu, dass die „Steuerzahler einer Tyrannei der Wohlfahrtsempfänger ausgeliefert“ seien. „Leistungsträger finanzierten mit ihren Steuern arbeitslose Junkie-Frauen mit fünf Kindern“. Latynina wird als Adeptin von Ayn Rand mit Hang zu rechten Verschwörungstheorien portraitiert – so sei für sie der Klimawandel eine „Erfindung der globalen Bürokratie“, die südafrikanische Apartheid sei gar nicht mal so schlecht gewesen und der rechtsextreme Terrorist Anders Breivik habe mit seinen wirren Thesen über seine Opfer letztendlich Recht gehabt. Mit anderen Worten: Latynina vertritt eigentlich genau die Positionen, die ansonsten jeder taz-Schreiberin die Zornesröte ins Gesicht treiben würde. Aber Latynina ist Russin und gegen Putin. Und wer gegen Putin ist, ist Freund der taz. So was nennt man dann wohl Querfront. Da dürfen wir ja gespannt sein, ob die taz in der nächsten Querfront-Studie irgendeiner befreundeten NGO auftaucht.

Streng genommen müsste die taz für das Latynina-Stück sogar im Verfassungsschutzbericht auftauchen. Was die russische Autorin in der taz schreibt, ist nämlich genau der Geschichtsrevisionismus, den man hierzulande vom alleräußersten rechten Rand kennt. Stalin als Verantwortlicher für den Zweiten Weltkrieg? Diese These wird schon seit den 1950ern von Altnazis vertreten. Und auch der Rest liest sich wie aus einer Nazi-Postille:

  • Tapfere deutsche Generäle, die mit ihren Truppen an der Front stehen, während die sowjetische Generalität als korrupter Haufen dargestellt wird, der mit voller Absicht nur darauf aus ist, die eigenen Soldaten zu opfern.
  • Aufrechte, rechtsextreme Bandera-Anhänger, die von heimtückischen Terroristen hinter den Linien gefoltert und ermordet werden.
  • Russische Soldaten, die die KZs der Deutschen nicht befreien, sondern deren Insassen vergewaltigen.
  • usw. usf.

Das alles ist – entschuldigen Sie die harten Worte – ekelhafter Dreck und noch nicht einmal satisfaktionsfähig für eine inhaltliche Analyse. Solche Texte findet man eigentlich eher in rechtsextremen Darknet-Foren als in einer sich als linksliberal verstehenden deutschen Zeitung. Diesen Text am 9. Mai zu veröffentlichen, ist bodenlos und ein moralischer wie intellektueller Offenbarungseid.

Der Text stammt – so erfährt der Leser in einem Einschub – aus der Novaya Gazetta, die in Russland Opfer der staatlichen Zensur ist – wobei dieser Text eher Verständnis für die eigentlich scharf zu kritisierende Zensur in Russland weckt. Die taz habe diesen Text „aus Solidarität“ veröffentlicht, er entspräche jedoch „nicht unbedingt“ der Meinung der taz-Redaktion. Was heißt „nicht unbedingt“? Welche geschichtsrevisionistischen Aussagen entsprechen denn der Meinung der taz und welche nicht? taz-Mann Steffen Reinecke rang sich sogar zu einer „Replik“ durch. Diese endet mit dem bemerkenswerten Satz, dass „revisionistische Legenden, die NS-Parolen ähneln, den offenen Dialog sprengen“ würden. Das ist ja richtig. Aber wieso veröffentlicht die taz dann überhaupt solche „revisionistischen Legenden“? Dass die „Präventionskriegsthese“ bei den älteren taz-Redakteuren sonderlich beliebt ist, kann man durchaus bezweifeln; bei den jüngeren taz-Mitarbeitern würde ich die Hand jedoch nicht dafür ins Feuer legen.

Wie es auch immer zur Entscheidung gekommen ist, dieses rechtsextreme Pamphlet abzudrucken – die taz hat damit eine rote Linie überschritten und dieser Tabubruch ist und bleibt unentschuldbar. Früher habe ich selbst eine Kolumne bei der taz gehabt, heute muss ich mich für diesen dunklen Fleck in meinem Lebenslauf schämen.

Aber die taz ist ja nur ein – wenn auch besonders extremes – Beispiel von vielen. Geschichtsrevisionismus hat Konjunktur. Das Tätervolk Nummer Eins hat nichts Besseres im Sinn, als seine Geschichte umzuschreiben, um Russland zu dämonisieren. Offenbar ist dies nötig, um kognitive Dissonanzen zu überbrücken. Die deutsch-ukrainischen Beziehungen sind vor allem in Hinblick auf die gemeinsame Feindschaft gegenüber Russland nun einmal vor allem durch den Zweiten Weltkrieg geprägt, in dem ukrainische Nationalisten Seit’ an Seit’ mit SS und Wehrmacht marschierten. Diese gemeinsame Geschichte eignet sich natürlich nicht, um in Deutschland große Solidarität zu entfachen.

Also wird die Geschichte umgeschrieben. Wenn nicht die Deutschen, sondern die Russen das mordende, vergewaltigende Tätervolk waren, befinden sich Deutsche und Ukrainer ja in einer Art „Opfergemeinschaft“. Diese These – so falsch und wirr sie ist – könnte bei taz ja tatsächlich anschlussfähig sein. Sollen also nun Scholz und Selenskyj wie einst Hitler und Bandera gemeinsam gegen die „russischen Horden“ ankämpfen, die heute wie damals einen Krieg entfachten und vergewaltigend und brandschatzend gen Westen ziehen? Zumindest die braunen Urgroßväter wären vielleicht stolz auf ihre Enkel*innen in der taz, die nichts, aber auch gar nichts, aus der Geschichte gelernt haben.

Titelbild: photopixel/shutterstock.com



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