Beim Blick auf die grüne Landschaft von Rajanganaya, einem Distrikt im Norden Sri Lankas, in der die Hibiskusblüten aus dem sattgrünen Laub hervortreten und die Mangobäume bereits frühe Früchte tragen, ist es schwer vorstellbar, dass ein solches Paradies ein Armenhaus sein kann. Doch für viele, die dieses Land seit Jahrzehnten mit Reis und Bananen bewirtschaften, war das vergangene Jahr das härteste ihres Lebens. „Wenn sich das fortsetzt, wird es in Zukunft schwer sein, noch einen einzigen Bauern in Sri Lanka zu finden“, sagt die 34-jährige Niluka Dilrukshi, der mehrere Reisschläge gehören.

Sri Lanka hat in diesen Monaten mit der schlimmsten Wirtschaftskrise seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1948 zu kämpfen. Die Devisenreserven befinden sich auf dem niedrigsten Stand aller Zeiten, was von vielen als die Folge eines groben wirtschaftlichen Missmanagements durch die Regierung in Colombo gesehen wird. Es gibt kaum jemanden auf dieser südasiatischen Insel, der in den vergangenen Wochen nicht unter dem Zugriff einer katastrophalen Inflation gelitten hat. Und der sein Leben ändern musste, um mit Treibstoffknappheit, dem Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten zurechtzukommen.

Für die Bauern Sri Lankas begann die Misere vor einem Jahr im April, als Präsident Gotabaya Rajapaksa, dem mittlerweile vorgeworfen wird, das Land in den finanziellen Ruin getrieben zu haben, ein plötzliches Verbot von chemischen Düngemitteln erließ. Welche Folgen das hatte, wird erst jetzt deutlich. Reisbauern sagen unumwunden, dass ihre Lebensgrundlage bedroht sei. Dies geschieht zum ersten Mal in der modernen Geschichte Sri Lankas, das normalerweise Reis und Gemüse im Überfluss erntet. Doch mittlerweile sinken die Ernteerträge derart, dass die Regierung auf Lebensmittelimporte umschalten müsste, wenn sie denn könnte. Doch dafür fehlen die Devisen. Der Reisertrag sank von 3,4 Millionen Tonnen im Jahr 2020 auf 2,9 Millionen Tonnen im Vorjahr. Im Regierungsviertel von Colombo sind Warnungen vor einer unmittelbar bevorstehenden Hungersnot für die 22-Millionen-Bevölkerung zu hören.

Bauern in Sri Lanka fürchten Landraub

„Wir sind ein tropisches Land voller Reisfelder und Bananenplantagen. Aber wegen dieses dummen Düngerverbots haben wir jetzt nicht einmal mehr genug für uns selbst zu essen“, klagt der 52-jährige Rajith Keerthi Tennakoon, früher Gouverneur der südlichen Provinz. „In der Vergangenheit hatten wir Wirtschafts- und Sicherheitskrisen, aber in der gesamten Geschichte Sri Lankas gab es noch nie eine Ernährungskrise.“ Gemeint ist der bisher übliche Gebrauch chemischen Düngers, der durch eine Politik zur Förderung einer biologischen Landwirtschaft abgelöst werden soll – auf den ersten Blick ein lobenswerter Ansatz. Doch die jähe, wenig durchdachte Art und Weise, wie das faktische Verbot verkündet wurde – praktisch über Nacht, ohne jede Vorwarnung –, hat selbst Befürworter der ökologischen Landwirtschaft verärgert. Vor dieser Umkehr hatten mehrere Regierungen die große Abhängigkeit der Bauern von chemischen Düngemitteln regelrecht gefördert.

Ein Bauer erhielt pro Jahr Hunderte von Kilogramm, subventioniert. Nachdem das jahrzehntelang Praxis war, haben – von wenigen Landwirten abgesehen – die meisten keine Ahnung, wie man einen erfolgreichen ökologischen Landbau betreibt. Aus Protest weigerten sich seit den Beschlüssen der Regierung viele, weiter Reis anzubauen. Es herrscht die Überzeugung vor, diese Politik werde verfolgt, um Auslandswährung einzusparen. Andere glauben, sie sei Teil einer böswilligen Agenda, ein unzumutbarer Eingriff der Regierung in das Leben der Bauern. „Es gab keinen wirklichen Plan, keine Schulung oder Ausbildung. Daher glauben viele Bauern, dass es ein verstecktes Motiv gibt“, meint Vimukthi de Silva, der in Rajanganaya bereits eine ökologische Landwirtschaft betreibt. „Vor dem Düngemittelverbot hatte die Regierung ohne Erfolg versucht, Anbauflächen zu kommerzialisieren. Diese gelten als das größte ökonomische Potenzial des Landes. Daher sind viele von uns davon überzeugt, dass die Farmer dazu gebracht werden sollen, ihr Land zu verlassen und so einen nie da gewesenen Landraub zu ermöglichen.“

In der Region Rajanganaya bestellen die meisten Landwirte häufig nicht mehr als einen Hektar. Was es unter diesen Umständen bedeutet, dass der Ernteertrag um 50 bis 60 Prozent schrumpft, liegt auf der Hand. Im April gingen daher Hunderte Bauern der Gegend auf die Straße und forderten Präsident Rajapaksa zum Rücktritt auf. „Vor dem Düngerverbot war das hier einer der größten Märkte des Landes, auf dem tonnenweise Reis, Gemüse und Bananen zu haben waren“, erzählt Vimukthi de Silva. „Danach ging das Angebot auf fast null zurück. Fragt man die Reismühlen, dann haben sie nichts auf Lager, weil sie von den Bauern kaum etwas beziehen, was sie verarbeiten können. Das Einkommen einer ganzen ländlichen Gemeinschaft hier ist daher auf ein extrem niedriges Niveau gesunken.“

Nicht genug Dollar

Sein Leben lang hat der 55-jährige Bauer Sarah Dharmasiri Linsenbohnen und Reis auf etwas mehr als einem Hektar Land angebaut. Das reichte, um seine Familie zu ernähren und den Rest auf dem Markt zu verkaufen. Dadurch ließ sich das für ihn nötige Einkommen erzielen. Ohne den gewohnten chemischen Dünger jedoch schrumpft sein Ertrag dermaßen, dass er nur noch für die Eigenversorgung anbaut und so gut wie nichts übrig bleibt, was sich auf den Markt bringen ließe. Zuvor schon war der Preis für die Pestizide, die er für die Linsenbohnen brauchte, so stark gestiegen, dass er sich gezwungen sah, zu einem hohen Zinssatz Geld zu leihen, um sich den Dünger überhaupt noch leisten zu können. Bei der letzten Ernte fehlte der Gewinn, um die Schulden zurückzuzahlen. Seither verdingt er sich als Tagelöhner. „Ich glaube nicht, dass ich eine eigene Landwirtschaft wieder aufnehmen kann. Wir haben etwas Obst und Gemüse im Garten. Damit können wir für den Augenblick noch überleben. Aber ich sehe eine Zeit voraus, in der wir an Hunger leiden.“ Fast alle Bauern berichten Gleiches. Sie hätten in der vergangenen Erntesaison kaum etwas von ihrem Reis oder Gemüse abgeben können, sondern alles für den Eigenverbrauch behalten. Diese Entscheidung führte zu einem Unterangebot. Es fehlte, was normalerweise den Rest des Landes ernähren soll. Das trieb die Verbraucherpreise nach oben und heizte eine bereits hohe Inflation weiter an.

Verschärft wird die Versorgungskrise des Landes durch eine Geldentwertung im gesamten südasiatischen Wirtschaftsraum. Auch hier sind Folgen des Krieges in der Ukraine spürbar, wenn die Preise für Treibstoff, Pestizide und Dünger unablässig steigen. Es hat sich verdreifacht, was gegenwärtig für Saatgut in Sri Lanka zu zahlen ist. Viele Bauern, die früher Land für den Anbau pachteten, haben auch deshalb für die kommende Saison davon Abstand genommen. Überdies brauchen die Landwirte Diesel für ihre Traktoren, doch ist der nur noch in Maßen vorhanden. 24 Stunden und mehr mit dem Fahrzeug in der Schlange stehen, um aufzutanken, das ist seit März die Regel. So sehen sich viele von denen, die noch Reis anbauen wollen, gezwungen, sehr spät damit zu beginnen, was weniger Ertrag bedeuten kann. Dazu kommen Stromausfälle am Tag, die oft mehr als acht Stunden dauern. Dadurch stehen Pumpen still, die Wasser in höher liegende Anbaugebiete bringen. Je länger Gemüsefelder nicht bewässert werden, desto gefährlicher ist die Austrocknung der Böden, umso unwiderruflicher gehen Pflanzenkulturen verloren. Wenn dann noch ein Teil der Reisernte verdirbt, weil er wegen Stromausfällen nicht rechtzeitig verarbeitet wird, kann das getrost als Katastrophe bezeichnet werden.

Mitte April verkündete Premierminister Mahinda Rajapaksa, ein Bruder des Präsidenten, er wolle die Düngersubventionen für die Bauern wieder einführen. Aber das trifft bei vielen auf Skepsis: Wir wissen, dass sie nicht genug Dollar haben, um Dünger zu kaufen, heißt es allenthalben. Sie denken, die Bauern ließen sich mit falschen Versprechen austricksen. Der 49-jährige Piyasiri Atalugama hat den Großteil seiner Bananenernte verloren, weil auch bei ihm der Ertrag sehr stark von chemischem Dünger abhängt. 150.000 Rupien (etwa 400 Euro) hat er eingebüßt und entschieden, vorerst nicht mehr anzubauen. „Ich habe Wahlkampf für Gota gemacht, der von uns Bauern einst unterstützt wurde“, sagt er zum Thema Präsident Gotabaya Rajapaksa. „Ich fühle mich betrogen, wenn ich sehe, was er uns angetan hat.“

Hannah Ellis-Petersen ist Korrespondentin des Guardian in Südasien



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