Es ist schwer zu ertragen, das tote Kind im Flur des Schulhauses zu sehen. Da liegt der kleine Körper reglos da. Die Augen des Kindes hat jemand, möglicherweise sein Mörder, geschlossen. Es ist im “Tatort” vom Sonntag auch schwer zu ertragen, wie einige Erwachsene mehr oder weniger erleichtert sind, dass dieses Kind, der achtjährige Marlon, tot ist. Es ist aber – unter anderem in Rückblicken – auch nicht leicht mitanzusehen, wie Marlon und sein Freund Pit aggressiv ihren Willen durchboxen wollen und im Zorn auf andere Menschen losgehen. Allerdings kann es einen auf dem heimischen Sofa vorm Fernseher auch fuchsig machen, wie manche Eltern so drauf sind. Da trägt Pit aus eigenem Willen zwar eine selten dämlich große und schiefe Sonnenbrille, aber weh tut die ja niemandem. Pits Mutter, die weiß, wie emotional kompliziert ihr Kind gestrickt ist, beharrt jedoch darauf, dass er sie abnehmen soll und reißt sie ihm runter. Klar, dass Pit in einem Wutanfall explodiert. Er hätte die Sonnenbrille einfach auflassen können, statt “ordentlich” oder “normal” aussehen zu müssen. Bei Kindern wie Pit oder Marlon gibt es andere Probleme, die brachliegen.

Der “Tatort” aus Ludwigshafen mit dem Titel “Marlon” ist eigentlich weniger Krimi, sondern vielmehr Sozialstudie. Und wer den Spielfilm “Systemsprenger” gesehen hat, wird sich unmittelbar an diesen erinnert fühlen. In dem erfolgreichen Film von Nora Fingscheidt aus dem Jahr 2019 ging es um das neunjährige Mädchen Benni, das bei kleinsten Anlässen und Konflikten außer Rand und Band geriet, mit dem keiner zurechtkam – weder Mutter, Schule noch sämtliche soziale Einrichtungen, unabhängig davon, ob sie unzulänglich oder liebevoll mit dem Kind umgingen. Benni sprengte das System, fiel durch alle Raster, der Ausgang blieb offen.

Das Thema der “Systemsprenger” ist ein gutes, weil es relativ selten erzählt wird, aber so wichtig ist und oft immer noch schulterzuckende, ratlose Erwachsene hinterlässt. Das tragische ist, dass Kinder wie Benni, Marlon und Pit ja nicht per se böse sind, sondern vielmehr Halt, Familie und Unterstützung suchen. Aber sie sind unfähig, die Bedürfnisse anderer Menschen zu verstehen und zu respektieren, sodass auch die besten Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeiter scheitern. Genau das zeigt der “Tatort” eindrücklich.

Gut inszeniert ist dabei auch das Kommissarinnen-Gespann Johanna Stern (gespielt von Lisa Bitter), die zugibt, auch als noch so achtsame Mutter schon gehörig an die Grenzen gekommen zu sein, und Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Auf die Frage eines Vaters, ob sie Kinder habe, antwortet Odenthal: “Nein, aber ich war mal eins.” Gute Antwort! Schadet vielleicht nicht, sich immer mal selbst daran zu erinnern. Auch wenn im Umgang mit den vermeintlich ganz schwierigen Kindern das nicht reicht. Da stellt sich doch die Frage, wie auch Systeme und Strukturen besser werden können, um diesen Kindern zu helfen.kl



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