Die Haltung der christlichen Kirchen zum Ukrainekrieg und zu Waffenlieferungen ist widersprüchlich. Der Papst hat nun ein bemerkenswertes Interview gegeben. Dort versagt er Waffenlieferungen seine direkte Unterstützung und erinnert an die Vorgeschichte des Ukrainekriegs. Damit handelt der Papst verantwortlicher als die Grünen und viele deutsche Medien: Für die hat er nun wohl als Ketzer zu gelten, obwohl er die russische Regierung nicht von Vorwürfen ausnimmt. Ein Kommentar von Tobias Riegel.

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In einem aktuellen Interview geht der Papst auf der einen Seite ins Gericht mit der russischen Regierung und dem Krieg gegen die Ukraine. Auf der anderen Seite sagte er einige unerwartete Dinge. So bringt er die Vorgeschichte des Kriegs und die aggressive Haltung der NATO wieder ins Gedächtnis – eine Handlung, die von vielen deutschen Redakteuren bereits als “Fahnenflucht” diffamiert wird. Außerdem vermied er bei der Frage von Waffenlieferungen an die Ukraine seine direkte Zustimmung, er erklärte seine Bereitschaft für einen Moskau-Besuch und schloss eine Reise nach Kiew zum jetzigen Zeitpunkt aus.

Damit ist Papst Franziskus in meinen Augen ernsthafter um ein Schweigen der Waffen bemüht als etwa manche offizielle Stimme der Kirchen in Deutschland – weitere Infos zur Haltung deutscher Kirchenvertreter folgen weiter unten. Der Papst ist in dieser Frage also auch fortschrittlicher als die Grünen und manche deutsche Intellektuelle und Medienschaffende. Von dieser Seite müsste der Papst nun wegen seiner Aussage vom „Gebell“ der NATO an den Toren Russlands eigentlich als Putin-Propagandist gebrandmarkt werden: Der Hinweis auf die Vorgeschichte des Ukrainekrieges gilt in Deutschland momentan als „Relativierung“ und somit als schwere Ketzerei gegen die NATO-Kampagne.

Die wichtige und berechtigte Kritik an den Institutionen der christlichen Kirchen und einiger ihrer Repräsentanten soll in diesem Text zurückstehen, da es um den konkreten und wichtigen Vorgang geht.

Papst will Putin in Moskau treffen

Papst Franziskus ist laut aktueller Berichte bereit, den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau zu treffen. Einen Besuch in Kiew schloss er vorerst aus, zuvor müsse er nach Moskau reisen. Das erklärte das katholische Kirchenoberhaupt im Interview mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della sera“ am Dienstag, über das unter anderem „Vatican-News“ berichtet .

Franziskus sei demnach bereit, Putin persönlich zu drängen, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, auch wenn er fürchte, dass Putin dieses Treffen zum jetzigen Zeitpunkt nicht wahrnehmen könne und wolle. Aber wie könne „man eine solche Brutalität sonst stoppen“? Vor fünfundzwanzig Jahren hätten „wir in Ruanda das Gleiche erlebt“, so der Papst mit einer etwas fragwürdigen Parallele.

Ein Besuch in Kiew stehe momentan nicht an: „Ich spüre, dass ich nicht gehen sollte. Zuerst muss ich nach Moskau gehen, zuerst muss ich Putin treffen.“

„Das ‚Gebell‘ der NATO an den Toren Russlands“

Ohne ein Recht auf Selbstverteidigung grundsätzlich infrage zu stellen, habe der Papst den Waffenlieferungen an die Ukraine eine direkte Unterstützung versagt:

„Ich weiß nicht, wie ich antworten soll, ich bin zu weit entfernt von der Frage, ob es gerechtfertigt ist, die Ukrainer zu beliefern.“

Als Gründe für den Krieg macht Franziskus laut dem Artikel einerseits den „Handel“ mit Waffen aus. In dem Zusammenhang verwies der Papst auf eine Initiative der Hafenarbeiter Genuas, die „vor zwei oder drei Jahren“ beschlossen hätten, Konvois mit Waffenlieferungen für den Jemen zu stoppen.

Der Papst sprach außerdem von einer „Wut, die vielleicht durch das ‚Gebell‘ der NATO an den Toren Russlands ausgelöst wurde“, was den Kreml dazu gebracht habe, „falsch zu reagieren und den Konflikt zu entfesseln“. „Ein Zorn, von dem ich nicht sagen kann, ob er provoziert wurde”, so der Papst, „aber vielleicht wurde er begünstigt“.

Zu den russischen Zielen und seinen eigenen Hoffnungen sagte der Papst, nun ginge es nicht nur um den Donbass, sondern auch um die Krim, um Odessa, darum, der Ukraine den Schwarzmeerhafen wegzunehmen, „um alles”. Er sei ein Pessimist, aber wir müssten alles tun, um den Krieg zu beenden.

Konflikt mit russischem Patriarchen

Über ein Treffen mit dem russisch-orthodoxen Patriarch Kyrill I. berichtet der Papst, dieser habe zunächst 20 Minuten lang mit einer Karte in der Hand die Gründe des Krieges erklärt, so Franziskus. Der Patriarch könne sich aber nicht zum „Ministranten Putins“ machen. Wegen dieser Äußerungen wirft die russisch-orthodoxe Kirche dem Papst nun “unkorrekten Ton” vor und hat in einer Erklärung den Inhalt des Gesprächs erläutert, wie das Portal “katholisch.de” berichtet. Die EU-Kommission schlägt in ihrem sechsten Sanktionspaket laut Medienberichten neben vielen anderen Maßnahmen ein Einreiseverbot für Kyrill I. und das Einfrieren seines Vermögens vor.

Weitere Inhalte aus dem Interview finden sich in dem erwähnten Artikel auf „Vatican-News“ oder in diesem Artikel auf „katholisch.de”, wo berichtet wird, dass laut Russlands Botschafter beim Vatikan der Papst in Moskau „immer ein willkommener und gewünschter Gesprächspartner“ sei. Kiews Botschafter am Vatikan habe dagegen „verhaltener“ auf das Papst-Interview reagiert.

Deutsche Kirchen: Waffenlieferungen „gerechtfertigt“

Die deutschen katholischen Bischöfe halten Waffenlieferungen an die Ukraine laut Medienberichten für gerechtfertigt. Auch wenn die Kirchen den Export von Rüstungsgütern stets kritisch begleitet hätten, dürfe man nicht von der konkreten Situation absehen, schrieben sie in einer gemeinsamen Erklärung. „Rüstungslieferungen an die Ukraine, die dazu dienen, dass das angegriffene Land sein völkerrechtlich verbrieftes und auch von der kirchlichen Friedensethik bejahtes Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen kann, halten wir deshalb für grundsätzlich legitim“, heißt es in der Erklärung.

Auch der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat sich laut Medien für Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen. Er sieht angesichts des russischen Angriffskrieges gegen das Land einen Reformbedarf der evangelischen Friedensethik: „Ihre Reflexion des Umgangs mit faktischer militärischer Aggression bedarf der Weiterentwicklung“.

Dem will die aktuelle Ratsvorsitzende der EKD, Annette Kurschus, nicht nachstehen. Sie habe zwar „höchsten Respekt vor allen, die für sich selbst auf die Option der Gewaltlosigkeit setzen“, sagte Kurschus laut Medien und fuhr fort: „Aber ich erkenne die jetzt beschlossenen Waffenlieferungen als Mittel an, die Ukraine bei ihrem Überlebenskampf zu unterstützen.“

Weitere Informationen über die kircheninterne Debatte über Waffenlieferungen finden sich etwa in diesem Artikel.

Verdrehter Moralismus

Als Fazit kann festgestellt werden, dass sich der Papst in der Ukrainefrage teils fortschrittlicher positioniert als viele Glaubensbrüder und -schwestern in Deutschland. Er stellt mit seinem (in diesem konkreten Fall!) gezeigten Verantwortungsbewusstsein auch viele Medienschaffende und Anhänger der Grünen in Deutschland in den Schatten – das zeigt unter anderem ein aktueller Offener Brief von deutschen Kultur- und Medienakteuren (unter anderem Herta Müller, Deniz Yücel, Maxim Biller, Michel Friedman, Daniel Kehlmann), der sich mit verdrehtem Moralismus für deutsche Waffenlieferungen in ein Kriegsgebiet einsetzt (die „Junge Welt“ findet dafür die richtigen Worte).

Einige Stimmen werden einwenden, dass der Papst keine direkte Politik zu verantworten hat und sich den „Luxus“ seiner Haltung nur leisten könne, weil er keinen Sachzwängen unterliegen würde. In diesem Zusammenhang muss immer wieder betont werden: Die westlichen Wirtschaftssanktionen und Waffenlieferungen kommen nicht wie eine höhere Gewalt über uns, der wir hilflos ausgeliefert wären: Der proklamierte „Zwang“ zu einer alternativlosen Form des Handelns ist ein Mythos, um die Verantwortung für die eigenen Handlungen zu kaschieren. Diese Handlungen sind Folge von bewussten Entscheidungen durch verantwortungslose Politiker, die (zusätzlich) von einer entfesselten Presselandschaft vor sich her getrieben werden. Es gibt also konkrete Verantwortliche für die nun kommenden Entwicklungen – etwa für die ernste Beschädigung der deutschen Volkswirtschaft durch Sanktionen, die keinen Einfluss auf das Leid der ukrainischen Zivilisten haben.

Ttielbild: softdelusion66 / Shutterstock



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