Während Leid, Verwüstung und Flucht andauern beim russischen Krieg in der Ukraine, wird immer weniger vorstellbar, wie eine Rückkehr zum Frieden gelingen soll. UN-Generalsekretär António Guterres stellte fest, der Krieg werde „zu Ende kommen, wenn die Russische Föderation entscheidet, ihn zu beenden“. Anzeichen dafür waren nicht ersichtlich nach Wladimir Putins Treffen mit Guterres am meterlangen Tisch im Kreml. Maßnahmen der US-Regierung und der NATO erwecken den Eindruck, rascher Waffenstillstand und Kriegsende stehen nicht im Zentrum ihrer Politik. Es geht zusehends um Sieg.

Große Mächte führen Kriege in der vermeintlichen Gewissheit, sie könnten den Ausgang bestimmen. Im Irak würde die Bevölkerung den US-Amerikanern zujubeln, hieß es vor zwei Jahrzehnten. In der Ukraine offenbaren die russischen Streitkräfte Fehleinschätzungen, die Analysten im Elitemagazin Foreign Affairs zu der Annahme bewegen, der Angriff sei eine „Fallstudie für schlechte Strategie“. Mutmaßliche ukrainische Erfolge beim Verteidigen haben manche Politiker und Kommentatoren in der Vorstellung bestärkt, die Ukraine könne mit einer anti-russischen Koalition an ihrer Seite gewinnen. Auch wenn ein angeschlagener Putin, der aus seiner Sicht nicht verlieren darf, wohl zu verheerenden weiterreichenden Maßnahmen greifen könnte.

In den ersten Wochen des Artilleriebeschusses und der Luftangriffe hielt sich die Regierung von Joe Biden noch etwas zurück. Man müsse der Ukraine beistehen, doch wolle man den Konflikt nicht zu einem zwischen Washington und Moskau umwandeln. Biden betonte noch am 21. April, die Verbündeten schickten Putin eine „eindeutige Botschaft“, dass es ihm nie gelingen werde, „die ganze Ukraine zur beherrschen und zu besetzen“.

NATO glaubt, jedwede Eskalation kontrollieren zu können

Inzwischen will man mehr. Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses, meinte am 1. Mai nach ihrem Kiew-Besuch, Amerika werde der Ukraine beistehen bis zum Sieg. Ende April sagte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, Russland müsse „geschwächt werden bis zu einem Grad, dass es solche Dinge nicht mehr tun kann wie bei der Invasion in der Ukraine“. General Mark Milley, Chef der Vereinigten Stabschefs, erklärte bei CNN, die USA und ihre Verbündeten wollten eine „freie und unabhängige Ukraine“. Das bedeute auch „ein geschwächtes Russland und eine gestärkte NATO“. So werden mehr und bessere Waffen geliefert, Aufklärungsdaten weitergeleitet und in Deutschland ukrainische Soldaten ausgebildet. Die Washington Post wiederholte am 1. Mai: Putin wolle die „internationale Ordnung stürzen“. Es müssten Kosten und Risiken akzeptiert werden, damit Russland zum Ende des Konflikts nicht mehr in der Lage sei, derartige Aggression auszuführen. Welche Risiken das sein dürfen, wird nicht beschrieben.

Jahrzehnte nach Kriegen werden manchmal Akten und Dokumente über verfehlte Entscheidungsprozesse aufgedeckt. Die mehr als 7.000 Seiten langen „Pentagon Papers“ dokumentierten Anfang der 1970er, wie US-Regierungen die Öffentlichkeit über Vietnam in die Irre geführt hatten. In der Washington Post veröffentlichte „Afghanistan Papers“ sprachen von Korruption und fehlender Orientierung bei den US-Streitkräften am Hindukusch. Die US-Forschungseinrichtung National Security Archive hat 2012 Moskauer Regierungsdokumente zur Entscheidung im KPdSU-Politbüro beim Einmarsch in Afghanistan Ende 1979 publiziert. Er sollte eine begrenzte Operation für ein paar Monate sein, sie dauerte zehn Jahre. In den USA herrschte bei der Invasion in Afghanistan 2001 die Überzeugung, man kämpfe für das Gute. Der Krieg dauerte dann 20 Jahre.

Seit Beginn des russischen Aufmarsches in der Ukraine sieht der Westen die Übernahme von Führung und Verantwortung im Vermögen, möglichst viele schwere Waffen zu liefern. Offenkundig in der Annahme, die NATO werde jedwede Eskalation kontrollieren können.



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