Es hat nur drei Wochen gedauert, bis es nach der Eröffnung der Tesla-Gigafactory durch Elon Musk zum ersten Vorfall in der Produktion kam. Das Werk im brandenburgischen Grünheide vor den Toren Berlins gilt eigentlich als Vorzeigeprojekt für die Ansiedlung eines zukunftsweisenden Industriebetriebs. Umweltschützer und auch der lokale Wasserversorger haben dagegen schon lange vor den Gefahren gewarnt, die vom Bau einer Auto- und Batteriefabrik mitten in einem Wasserschutzgebiet ausgehen.

15.000 Liter Chemikalien, das entspricht in etwa einer Lkw-Ladung, sind am 11. April in den Werkshallen der Lackiererei ausgelaufen. Das meiste davon wurde offenbar problemlos wieder beseitigt, allerdings liefen zwei bis drei Liter draußen vor der Lackiererei aus – auch das noch eine Menge, die durchaus das Potenzial hat, Zehntausende Liter Trinkwasser zu verunreinigen. Fotos von dem Vorfall lassen Umweltschützer befürchten, dass die Substanz ins Erdreich gelangt sein könnte.

Bekannt geworden ist der Vorfall nur, weil ein Mitarbeiter des Wasserverbands Strausberg-Erkner (WSE) zufällig am 12. April auf dem Gelände war, die ausgelaufenen Chemikalien mitsamt Bindemittel fotografierte und die Bilder später von der ÖDP und Umweltverbänden veröffentlicht wurden. Es war der Mitarbeiter, der die WSE-Zentrale über den Vorfall informierte, nicht die Behörden oder der Konzern. Dabei ist anzunehmen, dass ein Wasserversorger interessiert daran ist, zu erfahren, wenn im direkten Einzugsgebiet eines Trinkwasserbrunnens Chemikalien ausgelaufen sind, die das Grundwasser belasten könnten.

Spärliche Informationen von Behörden und Tesla

Ohnehin waren die Informationen, die von den Behörden und Tesla nur scheibchenweise und ausschließlich auf Nachfrage oder in Reaktion auf veröffentlichtes Bildmaterial kamen, widersprüchlich. „Transparenz sieht anders aus“, findet Thomas Löb, Landesvorsitzender der ÖDP Brandenburg. „Wir wissen nicht, welche Chemikalien in der Fabrik zum Einsatz kommen, wie sehr sie unser Grundwasser gefährden könnten oder wie in einem größeren Störfall reagiert wird.“ Andere Unternehmen, auch Autohersteller, legen das offen. Bei Tesla sind die Informationen über die meisten Chemikalien dagegen ein Betriebsgeheimnis.

Dem Landesamt für Umwelt (LfU) zufolge sei es durch den Vorfall nicht zu einer Belastung von Böden oder Grundwasser gekommen. „Aber wenn es zu einem richtigen Störfall kommt, beispielsweise einem Brand, was passiert dann?“, fragt Steffen Schorcht von der Bürgerinitiative Grünheide. Schorcht lebt knapp 1.000 Meter Luftlinie entfernt vom Tesla-Werk. Er war beteiligt an der neuen Festlegung des Wasserschutzgebiets in der Region, das 2019 endgültig festgesetzt und ausgeweitet wurde. Das Gelände, über das Tesla bereits zu der Zeit mit dem Land Brandenburg verhandelte, fiel damit in das neue Wasserschutzgebiet.

„Das Wasserschutzgebiet existiert, um das Risiko zu minimieren, dass das Grundwasser beispielsweise durch Industrie oder Landwirtschaft belastet werden kann. Das Hauptanliegen ist die kontinuierliche Förderung von sauberem Trinkwasser zu garantieren“, erklärt Schorcht. Wer eins und eins zusammenzählt, kann sich denken, dass eine Fabrik, in der mit natur- und wassergefährdenden Substanzen gearbeitet wird, dort eigentlich nicht stehen dürfte.

Doch die Fabrik wurde im Schnellverfahren durchgedrückt. Vorgezogene Genehmigungen, regelmäßige Änderungen der Planungen, kaum Informationen für Presse und Öffentlichkeit. Nach Einwendungen von Umweltverbänden wurde die Batteriefabrik einfach vom Plan gestrichen und durch eine Lagerhalle ersetzt, die – Überraschung – jetzt doch eine Batteriefabrik werden soll. Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne) lobt die „Tesla-Geschwindigkeit“, mit der das Projekt umgesetzt wurde. Die aufwendigen Prüfverfahren der Behörden, die extra für Tesla beschleunigt oder minimiert wurden, werden als störendes Problem dargestellt. Dabei dienen die Prüfungen solcher Bauvorhaben auch dem Schutz von Mensch und Umwelt.

Hinzu kommt, dass die Region über vergleichsweise wenig Grundwasser verfügt, um damit die Bevölkerung zu versorgen. Eine wasserintensive Industrie wie etwa die Produktion von Elektroautos könnte die Lage massiv verschärfen. Ungefähr zur gleichen Zeit der Betriebsstörung in der Gigafactory kündigte der WSE an, dass der Wasserverbrauch für Anwohner:innen spätestens 2025 rationiert wird. Völlig überraschend ist das nicht. Brandenburg stößt bereits seit Jahren in der Wasserversorgung an Kapazitätsgrenzen. Das Land hat in den vergangenen Jahren zunehmende Dürreperioden erlebt. Eine Folge der Klimakrise, die sich immer bemerkbarer macht und das Wasser in Zukunft weiter verknappen wird.

Tesla-CEO Elon Musk sieht darin kein Problem. Vor der Eröffnung der Gigafactory von einer ARD-Reporterin auf die Probleme mit dem Grundwasser angesprochen, lacht er einfach los: „Das ist komplett falsch. Hier ist überall Wasser. Sieht das hier für Sie wie eine Wüste aus?“

Naturschutzgebiet statt Wüste

In einem Punkt hat Musk recht: Eine Wüste sieht tatsächlich anders aus. Nur wenige Kilometer von der Fabrik entfernt fließt die Löcknitz. Umgeben von einem Naturschutzgebiet mit Feuchtwiesen, seltenen Insekten- und Vogelarten. Durch den Wald führen Wanderwege, das Löcknitztal ist ein beliebtes Erholungsgebiet für stadtgeplagte Berliner:innen. Nördlich der Löcknitz liegt eine ganze Seenlandschaft, im Süden grenzt die Region an die Spree. Von oben betrachtet, gibt es reichlich Wasser.

Doch das bedeutet nicht, dass auch eine endlose Menge Grundwasser verfügbar ist. Seit Jahren beobachten die Menschen vor Ort, was Wissenschaftler:innen durch Messungen bestätigen: Die Flüsse führen weniger Wasser, Tümpel trocknen aus, der Grundwasserspiegel sinkt und die Waldbrandgefahr steigt.

„Wird das Wasser knapper, sammelt es sich im tiefer liegenden Flussbett. Die Feuchtwiesen werden trockener und der Artenvielfalt im Löcknitztal wird die Lebensgrundlage entzogen“, sagt Schorcht. Eigentlich ist in der Region nicht genug Wasser da, um Tesla damit langfristig zu versorgen, wenn das Grundwasser stabil und das Naturschutzgebiet erhalten bleiben soll. Hinzu kommt, dass Tesla einen großen Rattenschwanz hinter sich herziehe, meint Löb: „Die Fabrik soll noch größer werden, Zulieferer wollen hierherkommen, die Straßen müssen ausgebaut werden, ein Bahnhof soll verlegt werden und natürlich werden mehr Menschen in die Region ziehen.“ All diese Menschen und Unternehmen werden auch auf eine Wasserversorgung angewiesen sein.

„Und das alles für Autos, die niemand braucht“, findet jedenfalls Schorcht. „Elektromobilität sind auch E-Busse, Züge und elektrische Kleinwagen. SUV, die als Drittwagen in der Garage stehen, sind keine Verkehrswende.“ Den grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck und die verantwortlichen Brandenburger Landespolitiker scheint das alles nicht zu stören. Für sie ist Tesla nach wie vor eine Erfolgsgeschichte. Bis zum nächsten Zwischenfall.

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