Berlin.

Die Politprominenz fehlte weitgehend. Die Kleider waren dunkler, die Bars und Tanzflächen weniger voll und die Reden wichtiger. So politisch wie 2022 war der Bundespresseball, die Jahresparty der Hauptstadtjournalisten, wohl kaum zuvor.

In den vergangenen Jahren sorgte die Corona-Pandemie für mehrere Verschiebungen. Nun gab Russlands Angriff auf die Ukraine dem Ball am Freitagabend im Berliner Hotel Adlon am Brandenburger Tor ein neues Gesicht und ließ ihn zum “Solidaritätsball” für die Ukraine werden.

Botschafter kritisiert Fernbleiben vieler Politiker

Im Mittelpunkt stand nicht wie früher der Bundespräsident, der in diesem Jahr wegen des Kriegs abgesagt hatte, hochrangige Regierungsmitglieder oder Showprominenz. Die Aufmerksamkeit vieler der rund 1800 Journalisten, Verleger, Moderatoren, Manager, Lobbyisten und Politiker beim 69. Bundespresseball galt dem ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk, der schon in den vergangenen Wochen Teile der Politik mit seinen Forderungen nach schweren Waffen und ungewöhnlich deutlichen Worten genervt hatte.

Die Bundespressekonferenz, der Verein der Hauptstadtjournalisten, hatte Melnyk um eine kurze Rede gebeten. Und der nutzte sie für klare Ansagen. Melnyk dankte der Presse für ihre notwendigen Berichte über den Krieg und würdigte den Ball mit ukrainischen Künstlern und einer Spendensammlung für ukrainische Journalisten als Zeichen der Solidarität. Die Absage von Frank-Walter Steinmeier und des gesamten Bundeskabinetts kritisierte er deutlich: “Umso mehr finde ich es schade, dass viele Politiker hauptsächlich durch ihre Abwesenheit glänzen. Doch wenn sie hoffen, dass sie dadurch kritischen Fragen entgehen, dann irren sie sich.”

“Zeitenwende” beim Thema Waffenlieferungen

Nur die Medien hätte durch ihr Nachfragen zu der “zögerlichen” Haltung der Bundesregierung beim Thema Waffenlieferungen Druck aufgebaut, ohne den die “Zeitenwende” nicht möglich gewesen wäre, so Melnyk. Die Ukraine brauche die Waffen dringen, um ihre Existenz nicht zu verlieren. Und dann wendete er sich direkt an die Journalisten im großen Dinnersaal, die ihm ausdauernd applaudierten: “Wenn ein Krieg lange dauert, droht die Aufmerksamkeit der Medien nachzulassen. Ich bitte Sie daher, verlieren Sie nicht das Interesse an dem, was der Ukraine angetan wird, sonst sterben die Menschen unbemerkt. Und wenn Menschen unbemerkt sterben, dann stirbt auch die Wahrheit.”

Wegen der Corona-Pandemie hatten die Veranstalter die Zahl der Gäste in Smokings und Abendkleidern um 500 reduziert, entsprechend weniger Gedränge gab es auf dem roten Teppich, wo auch die Sängerin Natalia Klitschko, Ehefrau von Vitali Klitschko, dem früheren Profi-Boxer und aktuellen Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kiew, sich bedankte. “Es geht um Zusammenhalt, um Unterstützung, die Hilfe der deutschen Bevölkerung ist unglaublich.”

Kubicki: “Müssen auch nicht alles absagen”

Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) kam mit blau-gelber Fliege, auch viele andere Besucher trugen Anstecker oder Schleifen in blau-gelb, den Nationalfarben der Ukraine. “Wir feiern, um Journalisten zu helfen. Ich glaube, wir müssen auch nicht alles absagen”, sagte Kubicki. Ähnlich sahen es der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz und seine Frau. Sie seien gekommen, “weil wir wissen, dass dieser Presseball für die Ukraine etwas tut”. Der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil versuchte sich in der Verteidigung seiner Parteifreunde und meinte, er verstehe die Minister, wenn sie sagen würden: “Uns ist nicht nach Feiern zumute.”

Am emotionalsten war wie häufig Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne), Stammgast des Balls. “Das ist ein starkes Signal für ein Grundnahrungsmittel unserer Demokratie und das ist die freie und unabhängige Presse. Das ist unglaublich wichtig, weil dieser Krieg ist auch Krieg gegen die Kultur und ein Propagandakrieg.” Aber auch: “Das ist sicher nicht ein Presseball, auf den wir uns gefreut haben nach so langer Coronazeit.”

Gute Stimmung, ukrainische Künstler und Spenden

An den beiden Champagnerbars im ersten Stock des Adlons, an den Buffets und Bierständen war die Stimmung mit fortgeschrittener Uhrzeit aber keineswegs bedrückt. Ukrainische Künstler traten auf, die Tanzflächen wurden voller, eine Bigband und Quartette spielten, später legten DJs auf. In der Raucherbar, versteckt am Ende eines Ganges hinter einem Restaurant, war das Gedränge am größten und die Lautstärke am höchsten. Hostessen gingen mit großen Sammelboxen herum, in denen Geldscheine lagen. Es würde viel gespendet, sagte eine von ihnen. Die meisten Gäste würden das Geld mit ihrem Handy überweisen.

Das Thema des Abends konnten auch die am Brandenburger Tor flanierenden Touristen an den Absperrgittern vor dem Adlon sehen. Blau-gelbe Strahler leuchteten auf das Hotel und in den Himmel. (dpa)



Quelle: