Madagaskar ist die viertgrößte Insel der Welt und ein Kleinod biologischer Vielfalt. Die britische Primatenforscherin Alison Richard arbeitet dort seit den frühen 1970er Jahren für Naturschutzprojekte. Und erforscht die Lemuren: Madagaskars gefährdete einheimische Primaten. Ganz besonders interessiert sie das Sozialverhalten der Unterart der Sifakas, das sind springende Baumbewohner in den Küstenwäldern. Ein Gespräch über das Geschlechterverhältnis der Sifakas und die Auswirkungen des Klimawandels auf Menschen und Tiere.

der Freitag: Frau Richard, was fasziniert Sie so an Madagaskar?

Alison Richard: Die Insel ist seit 88 Millionen Jahren isoliert, quasi wie ein schwimmendes Evolutionslabor. Die Topografie, die Vegetation und die Tierwelt sind so unglaublich vielfältig, dass man Madagaskar eher mit einem Kontinent vergleichen könnte. Die Tiere sind einzigartig und nirgendwo sonst auf der Welt zu finden. Außerdem brechen sie viele evolutionäre „Regeln“ – was sie noch interessanter macht.

Was hat Sie dorthin gelockt?

Meine Dozentin in Cambridge, die großartige Primatologin Alison Jolly, schlug es mir vor. Ich ging 1970 zum ersten Mal dorthin, um meine Doktorarbeit über die besondere Sozialstruktur der Lemuren zu schreiben: Anders als bei den meisten anderen Primaten dominieren bei denen die Weibchen. Ich war fasziniert, aber ich erkannte auch schnell die drohende Umweltzerstörung und beschloss meinen Teil dagegen zu tun. Mein (damals noch zukünftiger) Ehemann verlegte seinen Forschungsschwerpunkt nach Madagaskar und wir wechselten uns jeden Sommer bei der Feldforschung ab, während der andere sich um unsere Kinder kümmerte. In den 1980er Jahren lebten wir auch während eines Sabbatjahres dort. Ich bin auch dann noch dorthin gefahren, als ich schon Hochschulleiterin war – das war wichtig für mein seelisches Gleichgewicht. Wegen Corona war ich jetzt seit zwei Jahren nicht mehr dort, was echt schlimm war. Ich habe meine Forschung und die Arbeit vor Ort immer geliebt. Ich schätze meine madagassischen Freunde und meine Großfamilie dort, die ich in 50 Jahren aufgebaut habe.

Es gibt einen Mythos über Madagaskar als verlorenes Paradies. Sie wollen ihn widerlegen. Warum?

Dieser Mythos stammt von den frühen französischen Kolonialisten. Frankreich hat Madagaskar ja 1896 kolonialisiert und diese Legende ist immer noch weitverbreitet. Sie besagt, dass Madagaskar einst ein vollständig bewaldetes Wunderland gewesen sei, bis die heutige Bevölkerung, die Madagassen, vor ein paar tausend Jahren kamen und anfingen, alles abzuholzen und niederzubrennen – was sie bis heute täten. Es ist wichtig, diese Annahme zu widerlegen, weil sie falsch ist! Die Wahrheit ist vielschichtiger. Außerdem stellt sie eine problematische Grundlage zur Bewältigung der heutigen Umweltprobleme dar: Wir brauchen die Madagassen dafür auf unserer Seite. Falsche Vorwürfe helfen uns nicht weiter.

Alison Richard, 74, ist eine englische Anthropologin. Von 2003 bis 2010 war sie hauptamtliche Vizerektorin der University of Cambridge – und die zweite Frau auf diesem Posten. 2010 sammelte sie anlässlich des 800. Geburtstages der Universität eine Milliarde Pfund für Stipendien ein – die größte Spendenaktion in der Geschichte britischer Unis.

Die ursprünglich auf Madagaskar lebenden Tierarten verschwanden fast vollkommen, als der Asteroid, der die Dinosaurier auslöschte, vor 66 Millionen Jahren auf der Erde einschlug. Wer waren sie und was geschah danach?

Zu ihnen gehörten mehrere charakteristische Dinosaurierarten: ein vegetarisches Krokodil und – mein persönlicher Favorit – ein riesiger, möglicherweise Dinosaurier fressender Frosch: der Beelzebufo. Danach wurde die Insel von einer Handvoll Tiere aus Afrika wiederbevölkert: Vögel, die über sie hinwegflogen, aber auch Reptilien und kleine Säugetiere, die den tiefen und breiten Mosambik-Kanal überwanden. Die meisten konnten nicht schwimmen und mussten daher auf großen Vegetationsmatten kommen, die meist vor 23 Millionen Jahren entstanden, bevor die Strömungen noch tückischer wurden. Flusspferde und Krokodile hingegen tauchten erst in jüngerer Zeit auf. Aus ihnen entwickelte sich sowohl die heute ausgestorbene Megafauna Madagaskars – Riesenlemuren, darunter der Faultierlemur, Riesenschildkröten und riesige flugunfähige Elefantenvögel – als auch die einzigartige Tierwelt, die heute immer noch existiert.

Wann kamen die Menschen?

Die ersten Nachweise von Menschen stammen aus der Zeit vor etwa 10.000 Jahren. Kombiniert man Informationen über die Genetik, Sprache und Kultur Madagaskars, so kamen die Menschen zunächst in kleinen Booten aus Afrika und später, ab dem siebten Jahrhundert, aus Indonesien. Sie kamen entlang des großen Handelsnetzes um den Indischen Ozean herum oder segelten direkt herüber. Vielleicht flohen indonesische Familien zu dieser Zeit vor dem sich ausbreitenden malaysischen Imperium. Seltsamerweise ist die madagassische Sprache keine afrikanische, sondern eine indonesische Sprache.

Ist der Mensch für das Aussterben der Megafauna auf Madagaskar verantwortlich zu machen? Es gibt Höhlenmalereien, die eine Jagd auf Riesenfaultiere zeigen.

Der Rückgang der Megafauna auf Madagaskar begann vor etwa tausend Jahren und kam im 16. Jahrhundert an sein Ende. „Schuld“ ist aber kein Wort, das ich verwende. Ja, der Mensch hatte einen großen Anteil am Aussterben der Tiere. Der Rückgang fällt mit der Ansiedlung von Küstenbewohnern auf der Insel zusammen, an Knochenfunden hat man Schnittspuren festgestellt. Aber die Sache ist kompliziert. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass die Menschen Massenschlachtungen vornahmen, um sich zu ernähren. Nirgendwo findet man große Knochenhaufen in dörflichen Siedlungen. Und Landrodung gab es nur in einigen Gebieten. Dieses Aussterben war eher ein Tod durch tausend Schnitte – ein Zusammenkommen von Effekten, einschließlich lokaler Klimaveränderungen, die über einen langen Zeitraum hinweg stattfanden. Bei der wahrscheinlich geringen Reproduktionsrate und der geringen Dichte der Tiere mussten nicht allzu viele getötet werden, damit die verbleibenden Tiere Schwierigkeiten hätten, Partner zu finden.

Ihr besonderer Forschungsschwerpunkt sind weiße Sifakas, von denen Sie viele Jahre lang eine Population im Südwesten Madagaskar untersucht haben. Was ist so besonders an ihnen?

Wie gesagt, bei denen gibt es eine soziale Dominanz der Weibchen: Wenn ein Männchen den Fehler macht, einem Weibchen beim Fressen zu nahe zu kommen, dann wird es angeknurrt, und wenn es nicht zurückweicht, verprügelt sie es einfach. Wir haben keine endgültige Erklärung dafür, aber ich denke, dass sich die soziale Dominanz der Weibchen evolutionär durchgesetzt hat, weil es für Lemuren besonders belastend ist, Nachwuchs zu bekommen. Dienatürliche Auslese hat Weibchen begünstigt, die sich den Männchen im Kampf um Nahrung stellen. Möglicherweise wählen die Weibchen auch Männchen aus, die nicht unbedingt die aggressivsten sind: Ich nenne das die „Weichei-Hypothese“. Was auch besonders ist: Sie umarmen Bäume, kühle Bäume, gegen den Hitzestress. Und morgens nehmen sie ein Sonnenbad, bevor sie aktiv werden.

Sie sagen, dass es auf Madagaskar schon immer Grasland gab, nicht nur wegen der Zerstörungswut des Menschen. Doch die moderne Abholzung schreitet voran …

Ich denke, beides trifft zu: Grasland hat sich von alleine entwickelt. Und der Mensch hat Grasland geschaffen. Natürlich ist die vom Menschen verursachte Zerstörung von Lebensräumen ein großes Problem. Von den Wäldern, die es vor 50 Jahren noch gab, sind heute mehr als die Hälfte verschwunden. Die Menschen roden Wälder, um Felder anzulegen und ihre Familien zu ernähren.

Die Zukunft sieht düster aus, was den Schutz der Wälder angeht?

Die Lage ist düster, aber nicht hoffnungslos. Wir brauchen eine starke und weniger korrupte Regierung, die die Gesetze durchsetzt. Und vor Ort tut sich viel, in kleinem Maßstab.

Haben Sie besonders eindrückliche Erfahrungen gemacht, als Sie Ihre Feldforschung betrieben?

Gelegentlich wurde ich von Lemurenweibchen gejagt. Sie kamen durch den Wald direkt auf mich zugeschossen, und ich musste weglaufen. Ich war dabei, sie an meine Anwesenheit zu gewöhnen, was normalerweise schnell und einfach geht. Vielleicht war ich ihnen zu nahe gekommen und sie fühlten sich in die Enge getrieben. Eines Tages folgte ich einem bestimmten Sifaka-Weibchen, das auf einen Alarmruf von Raubtieren aus der Luft reagierte und versuchte, zu seiner Gruppe zurückzukehren. Wir fanden die Gruppe sitzend vor, wie sie auf eine riesige Boa starrte, die langsam einen kleinen Mauslemuren mit Kulleraugen in ihren Rachen stopfte. Mit den Füßen voran …

Wie wirkt sich der Klimawandel auf Madagaskar aus?

In den letzten drei Jahren herrschte im Süden eine enorme Dürre, was bei den Menschen zu Nahrungsmittelknappheit führt. Die Prognosemodelle zeigen eindeutig, dass es im Süden immer heißer und trockener werden wird. Eines unserer Ziele ist es, dass die Sifaka-Populationen im Südwesten umziehen können, wenn es für sie aufgrund des Klimawandels unhaltbar wird. Es gibt Waldkorridore, durch die sie reisen können, aber wir müssen helfen, sie zu schützen.

Wann werden Sie das nächste Mal nach Madagaskar reisen?

Hoffentlich diesen Sommer. Ich werde in Bezà Mahafaly sein, wieder in meinem Zelt wohnen, im Morgengrauen aufwachen, viel Reis essen und den ganzen Tag im Wald mit meinen madagassischen Kollegen damit verbringen, dass wir Tiere beobachten, die wir markiert haben und jetzt überwachen. Wir wollen vor allem herausfinden, wie die Population mit der derzeitigen Dürre zurechtkommt. Das wird uns Aufschluss darüber geben, was die Zukunft und der Klimawandel bringen werden.



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