Je mehr über den Krieg gegen die Ukraine gesprochen wird, desto häufiger fallen Worte wie „Atomkrieg“, „Atombombe“, „Atomwaffen“, „Dritter Weltkrieg“. Der „Einsatz von Atomwaffen“ – schon das ist ein Euphemismus – erobert sich schleichend den Anschein des Normalen. Und fast alle machen mit. So entsteht nach und nach der Eindruck, dass ein Atomkrieg „führbar“ sei. Damit treiben Politiker den Dritten Weltkrieg in die Köpfe – und bereiten ihn als akzeptable Option vor.

FDP-Mann Michael Theurer zum Beispiel, befragt zur Kritik an Bundeskanzler Olaf Scholz in Sachen schwere Waffen, hat im Deutschlandfunk eingeräumt, dass „auch die Gefahr der atomaren Auseinandersetzung“ bestehe. „Auseinandersetzung“? Klingt ja noch niedlicher als „Spezialoperation“. Wie ein klärendes Gespräch mit dem Mitbewohner wegen der ungeputzten Küche. Oder meinte die FDP diese sich abgeklärt gebende, fortschreitende Verharmlosung mit „Mehr Fortschritt wagen“? Während sie sich den Anschein gibt, vernünftig zu sein, reißt eine solche Dialektik der Abklärung alle Vernunft in den Abgrund – vorwärts immer – rückwärts nimmer!

Mitreißend argumentiert auch Anton Hofreiter. In deutschtypischer Egozentrik röhrt der Olivgrüne: Wenn Deutschland nicht sofort schwere Waffen liefere, riskiere es einen „De-facto-dritten-Weltkrieg“. Merke: Es gibt Weltkriege, die sind einfach Weltkriege – und es gibt die Hofreitersche kriegsrealpolitische Steigerung, den „De-facto-dritten Weltkrieg“, der nicht etwa durch behutsame Abwägung und Zurückhaltung bei Waffenlieferungen verhinderbar wäre, sondern ausschließlich durch immer mehr Waffen. Mit seiner kriegerischen Vollmundigkeit vergrößert dieser De-facto-Militärexperte kollateralnützlich seine Chancen auf ein EU-Kommissariat.

Es eskaliert die Eskalationslust

Ähnlich profilneurotisch beschränkt wirkt Marie-Agnes Strack-Zimmermanns Werbung für Waffenlieferungen: „Wir dürfen uns nicht ständig von militärischen Szenarien beeinflussen lassen“, fordert die FDP-Scharfmacherin ihrerseits ganz abgeklärt, nachdem sie das militärische Horrorszenario eines siegreichen Russland an die Wand gemalt hat. Übersetzt heißt das: „Ihr Weicheier müsst endlich aufhören, das Risiko eines Atomkriegs mitzudenken!“ Angesichts solcher Sorglosigkeit, gepanzert mit größtmöglicher Selbstgewissheit, ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Verteidigungsausschuss in einen De-facto-Kriegsausschuss mutiert.

Auch im Internet eskaliert die Eskalationslust. Da wird munter Feuer gelegt an die Sprache. Der russische Oberbefehlshaber werde ohnehin „eine taktische Atombombe“ zünden, behauptet einer, „als Machtdemonstration“, egal, was vorher passiere. Das steht dann da, farbig unterlegt – als Machtdemonstration – in fetter Schrift, und macht sich breit wie jene Männer in der U-Bahn, die alle Zurückhaltenden verdrängen. Hej, „taktische Atombombe“ macht was her! Hart musst du schon sein in diesen gewendeten Zeiten, die Begriffe musst du draufhaben! Willst du mitreden, musst du Krieg reden! Wer zögert oder sich sorgt, ist Putinfreundin! Angst ist auch nur ein Gefühl.

So atomisieren lauter taktische Atomwäffchen den Diskurs und machen die sicherheitspolitische Abwägung auch in der Sprache lächerlich. Ein Waffenembargo in den Köpfen ist schwerer vermittelbar als die Lieferung „schwerer Waffen“, aber wer nur noch in militärischen Kategorien denkt, in denen es vor „Menschenmaterial“ strategisch nur so wimmelt, verhält sich in Wahrheit grob fahrlässig. Wer genüsslich taktische Bomben im Munde führt und jeden Gedanken an Kompromiss, Verhandlung und Dialog diffamiert, zündelt effizienter an der Atombombe als der wirrste Autokrat.



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