Jaguar E-Type, Baujahr 1965 (Foto:Imago)

Gesellschaftliche Fehlentwicklungen sind ein großes Übel. Daß die Grünen ernstgenommen werden, obwohl sie vor vierzig Jahren noch belächelt wurden, ist eines. Die Folgen sind gräßlich. Drei davon sind die grassierende Infantilität, das ubiquitäre Expertentum und die Tatsache, daß sich der „Spiegel“ aus Gründen seines wirtschaftlichen Selbsterhalts an das unterirdische Niveau des „Neuen Menschen“ anpassen musste. Eine tiefschürfende Betrachtung.

Ich gebe gerne zu, daß ich den Artikel nicht gelesen habe, weil mir bereits dieser Screenshot der Schlagzeile und des Teasers ausgereicht hat, um zu wissen, wo ich das einsortiere. Das wandert in die große Schublade mit der Aufschrift „Ignorante Volkspädagogen„. Es ist die größte meiner Schubladen. Bis zum Rand ist sie gefüllt mit Meldungen über Zeichensetzer. Alle fangen sie an mit einem „Problem” – gefolgt von „Wir müssen”, „wir brauchen“ oder „wir dürfen nicht„.

Deutsche werden heute noch auf grün geeicht (Screenshot:Facebook/Spiegel)

Es könnte so einfach sein: Wer kein Auto haben will, der schafft sich keines an. Wer eines hat, dem die Lust dazu fehlt, stundenlang in der Stadt nach einem Parkplatz zu suchen, der parkt es eben am Stadtrand und benutzt von dort aus die öffentlichen Verkehrsmittel bis ins Stadtzentrum. Oder, um das in den Worten eines der volkspädagogischen Gesellschaftsingenieure anders auszudrücken: Wir müssen lernen, mit der gesellschaftlichen Realität zu leben. Es gibt in der Stadt zu viele Wohn- und Geschäftshäuser, obwohl wir stattdessen mehr Parkhäuser bräuchten, die über eine Fußgänger- & Fahrradsteuer für den Autofahrer kostenlos bleiben, da Fußgänger und Radfahrer von der Wiege bis zum Parkplatz unangemessen von den Steuereinnahmen profitieren, die direkt und indirekt mit dem Automobil zusammenhängen, ohne selbst etwas zum diesbezüglichen Steueraufkommen beizutragen.

Ein lastradelnder Hartz-IV-Bezieher ist schließlich die personifizierte Ungerechtigkeit dem Porschefahrer gegenüber. Weder zahlt er 20.000 Euro Mehrwertsteuer für den Erwerb seines Lastenrades, noch trägt er über Mineralöl-, Versicherungs-, Kfz.- und Ökosteuer zur fiskalischen Fettlebe bei. Außerdem drückt er sich feige vor Steuerzahlungen für Reparaturarbeiten und Porsche-Ersatzteile und nassauert auf diese Weise am wirtschaftlichen Wohlstand des Steuerstaates, welcher jedoch eine Unerläßlichkeit für den adipösen Sozialstaat darstellt. Fußgänger und Lastenradfahrer sind asozial. Außerdem fehlt ihnen jeder kultivierte Sinn für die Schönheit der Erfindung.

Sie halten eine solche Argumentation für so ungewöhnlich, daß sie Ihnen direkt lächerlich vorkommt? – Das dachte ich mir. Da können Sie mal sehen, welche Deformationen Sie durch das grünliche Volkspädagogentum bereits davongetragen haben. Lesen Sie weiter und erfahren Sie seelische Heilung.

Vom Autoquartett zum Lastenradquartett

Ich kann mich an eine Nacht erinnern, in der ich kichernd in meinem Kinderbettchen gelegen habe, weil mich abwechselnd zwei Mysterien schier um die Fassung gebracht haben. Das erste war, daß ich ich selbst bin und kein anderer – und das zweite war die Unglaublichkeit, daß die Autos, die ich in der Entfernung gelegentlich fahren hören konnte, sich selbst bewegen konnten und dabei tierische Geräusche machten, obwohl sie keine Lebewesen sind. Regelrecht ausgeflippt bin ich meinem Bettchen bei dem Gedanken, daß ich auch ein Auto hätte werden können. Von da an hat mich interessiert, welches Auto ich wohl geworden sein würde, wenn ich kein Mensch geworden wäre. Ich liebe Autos. Sie sind die genialste Erfindung aller Zeiten, und seit Jahrzehnten sind sie die natürliche Verlängerung meiner Gehwerkzeuge. Ich benutze sie mit der Selbstverständlichkeit, mit der ich meine Beine bewege. Ich hege und ich pflege sie.  In ihnen versammelt sich der menschliche Geist und formt hundert verschiedene Charaktere. Autos haben sozusagen eine Persönlichkeit. Es ist wie bei den Menschen auch. Es gibt langweilige Persönlichkeiten und interessante, aufregende.

Als Grundschüler musste ich mit dem Schulbus über die Dörfer zum Unterricht fahren. Ich tat alles, um in die erste Sitzreihe zu kommen, damit ich dem Busfahrer bei der Arbeit zusehen konnte. Damals erweiterten Omnibusse meine große Leidenschaft für das Automobil. Wenn ich von der Schule nachhause kam und das Mittagessen noch nicht fertig gewesen ist, nahm ich mir den runden, per Drehung höhenverstellbaren Hocker vor dem Konzertflügel im Wohnzimmer, stellte ihn vor einen der Sessel und fuhr im Geiste die kniffligen Stellen in den engen Ortsdurchfahrten der Dörfer nach. Mein Federmäppchen in den ersten beiden Schuljahren war ein rotes Plastikkästchen, das von seinen Proportionen nach Länge und Breite etwa denjenigen eines Omnibusses entsprach. Wenn mich der Unterricht langweilte, schob ich es in solchen Bewegungen über den Tisch, als ob es der Schulbus sei.

Wie im Traum

Mein Lateinlehrer im Gymnasium später beschwerte sich einmal darüber, daß ich ein erstklassiger Schüler sein könnte, wenn ich meine Lateinvokabeln so gut beherrschen würde wie sämtliche Daten der Autos aus meinen Auto-Quartetten. Ich hatte immer ein paar in der Schultasche dabei. Wenn im Sommer die Fenster des Eßzimmers offen waren, identifizierte ich beim Mittagessen jeden vorbeifahrenden Bauern am Klang seines Traktors. Es gab keine zwei Traktoren mit identischem Klang. Der „Nackedei“ war der Lanz des Dorfwirts. Er machte „nackedei-nackedei-nackedei”, wenn er am Haus vorbeifuhr. Ein McCormick klang ganz anders als ein Deutz – und einen Fendt-Geräteträger konnte ich aus tausend anderen Geräuschen herauserkennen. Meine Nase drückte ich mir an der Seitenscheibe von seltenen Autos platt, um erkennen zu können, was die letzte Zahl auf ihrem Tacho gewesen ist. „220“ war damals eine schier unglaubliche Nummer. Vor Ehrfurcht im Boden versunken bin ich beim ersten Porsche-Tacho, den ich gesehen habe. Allein die Skalierung schon: 0-50-100-150-200-250. Unfassbar. Es war einer der ersten 911er überhaupt, 1966 wahrscheinlich, das Auto des Schwiegersohnes von unserem Dorflehrer. Eine Sensation war der erste „Ferguson„-Schlepper im Dorf. Ich nannte ihn Ferkelsohn. Es war eine glückliche Zeit. Mit acht Jahren durfte ich den Traktor steuern auf dem Feld, mit elf hatte ich mein eigenes Moped, mit dreizehn bin ich Auto gefahren.

Alles, was Räder hatte, war wichtiger Teil meines Lebens. Zuerst die Fahrräder ohne Schaltung, dann die mit Schaltung, Fahrradtacho und Rückspiegel, selbstgebaute Seifenkisten aus alten Kinderwagen, hanebüchene Bergabfahrten, Schürfwunden, durchgeschliffene Schuhsohlen (Bremsen), dann Rennräder, dann Mopeds und Motorräder – stundenlang konnte ich mir das 1:18-Modell einer BMW R 75 (die „Gummikuh”) aus allen Winkeln und in sämtlichen Schräglagen anschauen, während ich sie im Geist bekannte Strecken abfahren ließ. Alles in allem: Motorisierte Fahrzeuge sind ein Faszinosum geblieben bis zum heutigen Tag. Und ich habe das sehr gern so. 3.000 Kilometer am Stück, nur tanken und pinkeln zwischendurch, sind auch heute noch kein Problem. Es stresst mich nicht im geringsten und ich genieße jeden Meter. Auf Langstrecken komme ich in den tiefsten aller vorstellbaren Flows. Insgesamt habe ich meinem Leben etwa 3,5 Mio. motorisierter Kilometer zurückgelegt.

Die „Mobilitätsbildungs-Expertin”

Nun gibt es Weltgegenden, in denen Autos nicht eine derartige Selbstverständlichkeit sind wie hier bei uns in Deutschland. Man redet von Entwicklungsländern. Es gibt Reportagen von dort, in denen barfüßige Kinder zu sehen sind, die mit einem Stock ein vierrädriges Brettchen vor sich herschieben, auf selbstgebastelten Rollern mit Holzrädern Berge hinuntersaußen – kurz und gut: Es ist das Rad. Es ist die verdammt geniale Erfindung des Rades, die hinter allem steckt. Die beste Erfindung jemals. Es ist das Rad, das so vielen Menschen Lebensfreude und Lebenserleichterung gebracht hat. Das Rad ist eine unglaubliche Bereicherung des Lebens und ein Ausweis menschlichen Geistesreichtums. Da gibt es nichts „abzuerziehen”. Ganz im Gegenteil. Es gälte, zum Rad hinzuerziehen, denn der menschliche Körper ist nicht wirklich dafür gebaut, Geschwindigkeiten weit über seiner eigenen Laufgeschwindigkeit beim Zusammenprall mit stehenden Hindernissen zu überleben.

Mit Köpfchen rasen lernen ist lebenserhaltend! Was mit einer guten Raderziehung möglich wird, kann man bei jeder Finnland-Rallye bestaunen. Mit 180 Sachen auf einer unbefestigten Straße zwischen den Bäumen hindurch – das ist eine kulturelle Glanzleistung! Fast hundert Jahre ist das Zeitalter der Silberpfeile von Mercedes und der Rennboliden der Auto-Union her: 16-Zylinder-Mittelmotor, dünne Reifen, keine Helme, keine Sicherheitsgurte, keine crashsicheren Fahrerzellen, aberwitzige Geschwindigkeiten dennoch auf dem Nürburgring – Helden, Sieger, die die Grenzen ihrer eigenen biologischen Kreatürlichkeit ins Unvorstellbare verschoben hatten – europäische Kulturgeschichte. Und dann die Karosserieformen! Es gibt mehrere Michelangelos unter den Blech- und Karosseriepatschern. Unglaubliche Formen von unvergänglicher Schönheit, den Jaguar E-Type zum Beispiel oder den Bugatti Atlantic. Die Corvette C3 und so viele mehr. Kulturgüter.

Schluss mit der Pussifizierung

Gebt den Kindern einfach Spielsachen und laßt sie frei wählen, womit sie spielen wollen. Dann werdet ihr sehen, ihr Mobilitätsbildungs-Expertinnen dieser Welt, daß an „männlichen” Präferenzen kein Weg vorbeiführt. Schluß mit der Pussifizierung von allem! Widerstand! Ein nettes Accessoire für kleine Jungs im Güterkasten des mütterlichen Lastenrades: Ein Lenkrad, das sich auf den Kastenrahmen aufstecken läßt. Mama strampelt, der Bub lenkt und spornt seine Tretmutter zu mehr Geschwindigkeit an. Tritt rein, Mama, du bist lahmarschig! Die Mama von Timon ist schneller!

Noch nicht einmal dann, wenn es keine Autos mehr gäbe, kämt ihr an euren Söhnen vorbei, ihr Mobilitätsbildungs-Expertinnen. Dann gäbe es eben Mütter-Quartette mit den Daten des Wadenumfangs verschiedener Mütter und ihren dokumentierten Höchstgeschwindigkeiten. Thorben-Maltes Mutter wäre der Trumpf: 65 km/h. Amphetamingetunt. Und merkt euch endlich eines, ihr totalitären Gesellschaftsdesigner: Das Leben der anderen Leute geht euch nichts an. Seht zu, wie ihr selber zurecht kommt mit dem, was da ist.

 

 

 

 



Quelle: