Beim Dinner nach der Vernissage werden zwischen Ziegenfrischkäse, Prada-Taschen und Wein die interessanten Aspekte des Kunstbetriebes besprochen. Oder?

Das Dinner danach: Ein tückischer Moment des Kunstbetriebs

Im Kunstbetrieb ist das sogenannte Dinner ein alles andere als unwichtiges Element. Eine Zusammenkunft, die im Anschluss an eine Vernissage in einem Restaurant oder in repräsentativen, üppig mit Kunst gefüllten Privaträumen abgehalten wird und bei der das Dinner, wie in den angelsächsischen Ländern die am Abend eingenommene Hauptmahlzeit genannt wird, zwar ein Programmpunkt ist, aber die Nahrungsaufnahme etwas weniger im Mittelpunkt steht als die Aufnahme gut gekühlten Weins.

Ein Dinner findet statt, wenn etwas verkauft werden soll. Die Eröffnung der Porträt-Ausstellung der Klasse von Michael Grieve von der Ostkreuzschule für Fotografie im Studio 1 des Berliner Bethanien Anfang April zum Beispiel endete nicht mit einem Dinner, sondern bei Späti-Bieren.

Die Zusammenstellung der zum Dinner geladenen Personengruppe ist eine höchst sensible Angelegenheit, muss doch eine Mischung entstehen, die den Künstler oder die Künstlerin als eine in einer angesagten Szene etablierte Person zeigt, aber auch genügend kaufkräftige Sammler versammelt und die sich ebenfalls doch immer recht wichtig nehmenden Kritikerinnen und Freunde nicht außen vor lässt. So kann ein Dinner der sozialen Aufwertung einer Person dienen, aber auch der finanziellen, und da kann einiges schiefgehen.

Denn es soll doch bitte auch Business gemacht werden. Wozu der Geiz? Zugegen bei Wildgulasch mit Ziegenfrischkäse-Topping sind also nicht nur Herren mit etwas zu jungen Freundinnen, sondern im besten Falle auch die extravagante Kuratorin, zuletzt gut besprochene Kollegen, ein paar Prada-Taschen, Bedenkenträger und Geschichtenerzählerinnen, der demnächst angesagte Modedesigner und eine stabile, aber nicht zu große Anzahl von jungen und alten Kokainisten. Auf jeden Fall auch dabei sein muss jemand, der verkündet, er wolle auf keinen Fall trinken, um in der nächsten Minute ein Glas in der Hand zu haben, jemand, der überraschend früh geht (was ist heute noch los?), jemand, der Gäste mit dem falschen Vornamen anspricht, und – besonders wichtig – jemand, der unentwegt Instagram-Storys postet, damit alle, die nicht dabei waren, wissen, was sie verpasst haben.

Dinner des Berliner Hallodri-Künstlers Christian Hoosen

Nun, der Zweifel am Was und Wieviel des Verpassens ist so alt wie die Geschichte der sozialen Zusammenkünfte, denn auch beim Dinner unterhält man sich vor allem erst mal über all das, worüber man sich auch in der Mittagspause beim günstigen Asia-Laden unterhält: die Unsicherheit beim Erstellen des eigenen Werks, die Lustlosigkeit in Berlin, milde Verläufe, den sonnigsten März seit 70 Jahren und darüber, ob Elon Musk im Sisyphos getanzt hat. Doch ist die Hoffnung beim Dinner immer größer, eben doch die richtige Information zu bekommen, den richtigen Unterstützer zu finden, von dem Job zu erfahren, der endlich die erwünschte Anerkennung bereithält.

Dass diese Informationen von den Kokainisten eher nicht zu bekommen sind, weiß jeder, der das aufgeregte Flattern in den Stimmen kennt, die dem Gegenüber erst mal die eigene Gedanken- und Gefühlswelt aufblättern müssen. Aber egal, wichtigere Regel beim Dinner eher: Über Kunst sollte man nicht sprechen, es sei denn, man macht oder verkauft sie.

Beigewohnt wurde zuletzt dem Dinner des Berliner Hallodri-Künstlers Christian Hoosen, der bis Mitte April bei Dittrich & Schlechtriem leichtfertige Porzellanskulpturen und Wandbilder zeigt und der auch deshalb eine Freude ist, weil er, anstatt an der Welt zu verzweifeln, ihr mit künstlerischem Witz eine Korrekturschelle zu verpassen scheint. Wie Sendemasten stehen seine bunten Brennereien im Galerie-Keller und rauschen platte Slogans wie „Nie wieder Krieg“ in die Welt.

Und vermutlich weil er nicht trinkt, konnte man bei dem Dinner sogar eine schöne Geschichte von ihm abstauben, nämlich dass ihm seine medialen Aufmerksamkeits-Rituale in Form von reizend blöden Instagram-Clips diverse anwaltliche Androhungen eingebracht haben. Zu unernst einfach, die Porzellan-Pokale für Verlierer und Brüste aus B-Waren-Geschirr. Und was kann es Aufwertenderes geben als diese Erzählung der kleinen Rebellion und „I don’t give a shit“-Attitüde? Deswegen hier der klare Auftrag, Kunst von Christian Hoosen zu kaufen – dann hätte sich dieses Dinner doch wenigstens schon mal gelohnt.

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