Eigentlich hatten Ärzte der Uniklinik Marburg eine „Long Covid“-Sprechstunde eingerichtet – doch es stellten sich im Verlauf immer mehr Patienten vor, die nach ihrer Covid-Impfung unter schweren Nebenwirkungen litten. Im Januar wurde für diese Patienten nun vom Team der Kardiologie eine eigene Sprechstunde eingerichtet. Der Andrang ist gewaltig.

Während hinsichtlich des inflationär verwendeten Begriffs „Long Covid“ vielfach vermutet wird, dass es sich bei unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit und Schwäche auch um Folgen der Lockdown-Maßnahmen und damit einhergehenden psychischen Beschwerden handeln könnte, stellten sich in der Sprechstunde auch immer wieder Patienten mit Nervenschmerzen, neurologischen Ausfällen, Schwindelgefühlen, Lähmungen oder Herzkreislauf-Problemen vor. Das Team in Marburg stellte vor gut einem Dreivierteljahr fest, dass immer mehr Patienten kamen, die nach ihrer Impfung ähnliche Symptome wie diese „Long Covid“-Patienten entwickelt hatten. Im Januar wurde daher die erste Sprechstunde für Patienten mit Impfnebenwirkungen eingerichtet.

Lange Warteliste, Hunderte E-Mails am Tag

Nun trudeln in der Spezialambulanz täglich zwischen 200 und 400 E-Mails am Tag ein. Die Warteliste ist bereits auf rund 800 Patienten angewachsen. Pro Tag können nur vier bis sechs Patienten begutachtet werden: Zunächst wird ein 20-seitiger Fragebogen ausgefüllt, dann folgen ein einstündiges Gespräch, eine umfassende Laboruntersuchung, Ultraschall und ein Belastungstest. Je nach Schwerpunkt der Beschwerden werden die Patienten zur Behandlung an weitere Fachärzte wie Neurologen oder Lungenfachärzte überwiesen.

Es wird versucht, ein Netzwerk aufzubauen, mit dem Patienten über niedergelassene Ärzte schneller eine erste Hilfe bekommen können. Außerdem bemüht man sich, ein Studienprogramm für diese „PostVac“-Patienten aufzubauen.

Tatsächlich zeigt sich laut Klinikdirektor Professor Bernhard Schieffer, dass viele Betroffene ein bis dato unbekanntes immunologisches Defizit in sich tragen – „sei es eine unerkannte Infektion, sei es ein genetischer Defekt im Sinne einer Autoimmunerkrankung“. Genannt werden beispielsweise Rheumaerkrankungen, Schuppenflechte oder Zöliakie. Auch im Körper „schlummernde“ Viren wie das Epstein-Barr-Virus oder Hepatitis E können „reaktiviert“ werden. Kausale Zusammenhänge müssen jedoch noch erforscht werden.

Der Klinikdirekter betont gegenüber der Hessenrundschau freilich trotzdem, dass die Covid-Impfung wichtig sei – „Jeder, der einmal einen coronakranken Patienten auf einer Intensivstation gesehen hat, weiß, wie wichtig es ist, dass man sich impfen lässt“, behauptet er. (Jeder, der schon einmal einen Patienten mit schwerem Schlaganfall oder plötzlich massiv beschleunigtem Tumorwachstum nach seiner Covid-Impfung auf der Intensivstation gesehen hat, könnte dem natürlich widersprechen.) Schieffer bestätigt allerdings die Ausführungen des Berliner Arztes Dr. Erich Freisleben, der mit Cortison eine wirksame Therapie gegen diverse Impfnebenwirkungen entdeckt hat (Report24 berichtete): Durch die Gabe von Cortison lasse sich die Überreaktion des Immunsystems durch die Impfung verhindern, erläutert auch Schieffer. Gerade Patienten mit Autoimmunerkrankung sollten dies vor ihrer Impfung mit ihrem Arzt besprechen.

Dass in der Marburger Spezialambulanz Patienten mit Impfnebenwirkungen ernst genommen werden, ist in jedem Fall ein wichtiger Schritt: Wenn dieses Beispiel Schule macht und auch andernorts entsprechende Hilfsangebote eingerichtet werden, könnten viel mehr Betroffene Unterstützung erfahren – bestenfalls ohne ewig lange Wartezeiten wegen massiver Überlastung.

Wer selbst betroffen ist, kann sich per Mail unter [email protected] an die Marburger Spezialambulanz wenden. Betroffene haben zudem ein Forum zum Austausch unter nebenwirkungen-covid-impfung.org eingerichtet.



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