Kiew.

Bei einem Raketenangriff auf einen Bahnhof in der Ostukraine sind Dutzende Menschen getötet worden, die vor Kämpfen fliehen wollten.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen reiste nach Kiew für ein Treffen mit Präsident Wolodymyr Selenskyj. In Deutschland bekommen Millionen Menschen wegen der hohen Energiepreise einen einmaligen Heizkostenzuschuss. Für Unternehmen, die unter den wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs leiden, soll es staatliche Hilfen geben.

Viele Tote nach Angriff auf Kramatorsk

Auf dem Bahnhof der ostukrainischen Stadt Kramatorsk warteten nach Angaben von Gouverneur Pawlo Kyrylenko Tausende Menschen auf ihre Evakuierung. Laut dem ukrainischen Eisenbahnchef Olexander Kamischyn schlugen zwei Raketen ein. Dem ukrainischen Geheimdienst SBU zufolge wurden mindestens 39 Menschen getötet – 35 Erwachsene und 4 Kinder. Zuvor war von mindestens 30 Toten und 100 Verletzten die Rede. Auf Videos und Fotos waren leblose Menschen neben zurückgelassenen Koffern und Taschen sowie einem Kinderwagen zu sehen.

Selenskyj machte Russland für die Attacke verantwortlich. Seinen Angaben zufolge handelte es sich bei den Geschossen um Raketen des Typs “Totschka-U”. Auch prorussischen Separatisten sprachen von einer “Totschka-U”, behaupteten aber, ukrainische Truppen hätten sie abgefeuert. Kramatorsk liegt im ukrainisch kontrollierten Teil der Region Donezk, auf die die Separatisten Anspruch erheben.

Das russische Militär habe einen ganz gewöhnlichen Bahnhof angegriffen, sagte Selenskyj zu Beginn einer Videoansprache vor dem finnischen Parlament. Menschen hätten an dem Bahnhof auf Züge gewartet, um von diesem in sichere Gebiete evakuiert zu werden.

Die ukrainische Führung hatte die Menschen in der Ostukraine zuvor aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen und das Gebiet möglichst Richtung Westen zu verlassen. Russland hatte angekündigt, seine Angriffe auf die Region zu konzentrieren.

“Das ist nur ein gewöhnlicher Bahnhof, nur eine normale Stadt im Osten der Ukraine”, sagte Selenskyj. Der Angriff zeige, was Russland unter Schutz der Donbass-Region und der russischsprachigen Bevölkerung verstehe. “Das ist der 44. Tag unserer Realität”, sagte Selenskyj.

Moskau weist Verantwortung für Bahnhofsangriff zurück

Der Kreml hat eine Verantwortung russischer Truppen für den Angriff auf den Bahnhof zurückgewiesen. “Unsere Streitkräfte nutzen diesen Raketentyp nicht”, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow russischen Agenturen zufolge. Er bezog sich dabei auf den mutmaßlich verwendeten Typ “Totschka-U”. Militärexperten bezweifeln diese Darstellung. Die “Totschka-U” gelten als weniger zielgenau als Raketen vom Typ “Iskander”, die Russland häufig eingesetzt hat.

“Außerdem gab es keine Kampfeinsätze in Kramatorsk, und es waren heute auch keine geplant”, sagte Peskow weiter. Die moskautreuen Separatisten gaben ukrainischen Einheiten die Schuld.

EU-Kommissionspräsidentin reist nach Kiew

Von der Leyen brach in der Nacht zum Freitag mit dem Zug von Südostpolen in die ukrainische Hauptstadt auf. Die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin ist die erste westliche Spitzenpolitikerin, die seit Bekanntwerden der Kriegsgräuel im Kiewer Vorort Butscha die Ukraine besucht.

Sie wird vom EU-Außenbeauftragten Josep Borrell begleitet, der die Wiedereröffnung der Vertretung der Europäischen Union in Kiew ankündigte. Die Reise und die Rückkehr des Botschafters sollten zeigen, “dass die Ukraine existiert, dass es da eine Hauptstadt gibt, eine Regierung gibt und Vertretungen anderer Länder”, sagte Borrell.

Als Reaktion auf das Massaker an Zivilisten in Butscha beschlossen die EU-Mitgliedsstaaten am Donnerstag weitere Sanktionen gegen Russland. Darunter sind ein Importverbot für Kohle aus Russland sowie neue Beschränkungen für den Handel und ein weitgehendes Einlaufverbot für russische Schiffe in EU-Häfen.

Borodjanka “noch schrecklicher” als Butscha

Selenskyj begrüßte die Sanktionen, sagte aber zugleich, sie reichten noch nicht aus, um Russland aufzuhalten und den Krieg zu beenden. “Es braucht mehr Sanktionen. Es braucht härtere Sanktionen.” Zugleich forderte Selenskyj Waffen für sein Land, “mit denen wir auf dem Schlachtfeld gewinnen können”. Das werde die stärkste Sanktion gegen Russland sein, sagte er in seiner täglichen Videobotschaft.

Selenskyj sprach von weiteren Gräueltaten russischer Truppen in der Ukraine. In der Kleinstadt Borodjanka bei Kiew, wo Aufräumarbeiten liefen, sei es “viel schrecklicher” als in Butscha. Dort seien “noch mehr Opfer” russischer Einheiten. Selenskyj stellte zudem die Frage, was passieren werde, wenn die Welt erfahre, was russische Einheiten in der schwer umkämpften Hafenstadt Mariupol angerichtet hätten. Dort sei auf “fast jeder Straße” das, was die Welt nach dem Abzug der russischen Truppen in Butscha und anderen Orten um Kiew gesehen habe.

Ukraine: Russische Hauptanstrengung auf Mariupol

Ukrainischen Angaben zufolge konzentrieren sich die russischen Truppen weiter auf die Eroberung der südlichen Hafenstadt Mariupol. Das teilte der ukrainische Generalstab am Freitag mit. Die Militärexperten des US-Kriegsforschungsinstituts Institute for the Study of War stellten fest, dass die russischen Streitkräfte “wahrscheinlich” in den kommenden Tagen die Eroberung von Mariupol abschließen könnten. Das russische Staatsfernsehen hatte berichtet, das Zentrum der Großstadt am Asowschen Meer sei bereits eingenommen. In der Stadt seien aber noch 3000 ukrainische Kämpfer, hieß es.

Pink Floyd kommt nach fast 30 Jahren für Ukraine-Song zusammen

Die britische Rockband Pink Floyd hat zu ihren ersten gemeinsamen Aufnahmen seit fast 30 Jahren zusammengekommen, um einen Solidaritätssong für die Ukraine aufzunehmen. In den am Freitag erschienenen Titel “Hey Hey Rise Up” ist Gesang des ukrainischen Sängers Andrij Chlywnjuk der Band Boombox eingeflossen, der sich derzeit in Kiew von einer Granatsplitterverletzung erholt.

Protest-Parolen auf Sowjet-Ehrenmal in Berlin

Auf das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow wurden Parolen gegen den Krieg in der Ukraine und gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin gesprüht. Ein Polizeisprecher bestätigte die Schmierereien ohne nähere Angaben. Wie “Der Tagesspiegel” und die Zeitung “Neues Deutschland” berichteten, wurden einige Teile der Gedenkstätte mit Parolen wie “Death to all Russians” (Tod allen Russen), “Ukrainian Blood on Russian Hands” (Ukrainisches Blut an russischen Händen) oder “Putin = Stalin” besprüht. (dpa)



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