Angela Mahr: Herr Zinke, woran arbeiten Sie aktuell?

Nikolai Zinke: Ich habe vor Kurzem meine Doktorarbeit in Psychologie abgeschlossen und arbeite nun als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Erwachsenenbildung. Meine Schwerpunkte sind Persönlichkeit und virtuelles Arbeiten. Privat beschäftige ich mich darüber hinaus mit der Frage, welche psychologischen Auswirkungen die Coronakrise jenseits offiziell verhandelter Themen auf die Menschen hat: Wie werden politisch brisante Komplexe wie die Coronakrise in der Psychologie verhandelt? Wird das ganze Spektrum möglichen Erlebens und Verhaltens abgebildet? Gibt es Tabus beziehungsweise wie werden diese „umschifft“?

Nach zwei Jahre Corona leben wir nicht mehr in der gleichen Gesellschaft wie zuvor. Sagen wir noch, was wir denken, oder nur noch, was wir denken sollen? Wie konnte es so weit kommen?

Dass Menschen sich nicht trauen, ihre Meinung in einem beliebigen Kontext frei zu äußern, ist nicht neu. Es ist vielfach belegt, dass die Suggestion einer Mehrheitsmeinung durch Massenmedien die Bereitschaft, eine davon abweichende Meinung öffentlich zu bekennen, negativ beeinflusst.

Das Phänomen ist als Schweigespirale bekannt. Ein weiteres, inzwischen historisches Beispiel aus der experimentellen Sozialpsychologie ist das Konformitätsexperiment von Asch, in dem bloßer Gruppendruck die Probanden zu einer objektiv falschen Überzeugung führt, die jedoch ohne diesen Einfluss objektiv korrekt ausgefallen wäre.

Zudem spielen soziale Identitätsprozesse eine Rolle. Demnach reicht bereits die Wahrnehmung, Teil einer relevanten sozialen Gruppe zu sein, um sein Verhalten nach den oft unausgesprochenen Gruppennormen auszurichten. Dafür müssen nur minimale Informationen über diese soziale Gruppe vorliegen, was man aus Experimenten zum sogenannten Minimalgruppen-Paradigma weiß. Es braucht keine persönliche Vorgeschichte mit dieser Gruppe.

Aus dieser Forschung weiß man, dass sich eine soziale Gruppe oft in negativer Abgrenzung zu anderen sozialen Gruppen definiert. Gruppenidentifikation hat somit auch eine hässliche Seite, die faktisch in Diskriminierung, Stigmatisierung und sozialer Ausgrenzung mündet. Viele weitere Belege aus der Sozialpsychologie zeigen uns, dass wir nie in einem luftleeren Raum agieren und dass es eine Illusion ist, eine vollkommen freie persönliche Identität zu haben.

Dennoch haben schwere Krisen diese ohnehin vorhandenen Tendenzen erheblich verschärft, so auch die durch die Coronapolitik verursachte Krise. In meiner persönlichen Wahrnehmung habe ich noch nie zuvor eine derartig einseitige und gleichzeitig emotional in jeder Hinsicht aufgeladene Berichterstattung insbesondere von den Leitmedien vernommen. Nicht jeder wollte diesem einseitigen Narrativ folgen, sodass sich eine sehr heterogene Demokratie-Bewegung herausgebildet hat, welche aber größtenteils ungerechtfertigt polit-medialer Dämonisierung ausgesetzt ist. Dies hat zu einer gravierenden gesellschaftlichen Spaltung geführt, deren Ende noch nicht absehbar ist. Ich habe zudem seit der Ukrainekrise mehr denn je den Eindruck, dass wir medial ein simples „Gut“ gegen „Böse“ präsentiert bekommen. Dabei ist die Situation in Wahrheit viel komplexer.

Welche Folgen hat das für uns, auch global?

Die pauschale Ausgrenzung anderer Positionen seitens der Leitmedien und der etablierten politischen Institutionen in einem komplexen Themenfeld wie der Coronakrise müsste ja in besonderem Maße begründet sein. Das ist ganz klar Zensur und ist mit demokratischen Werten nicht vereinbar. Unbeantwortet bleibt zudem die Frage: Weshalb ist man sich so sicher, was am Ende zur besten Lösung führt? Wissenschaftliche Prozesse leben von einer Vielfalt an Perspektiven, die immer wieder diskutiert werden müssen, wobei sich in einem späteren Stadium manche als tauglicher, manche als untauglicher erweisen. Dies kann man in aller Regel aber nicht von vornherein wissen, erst recht nicht, wenn der zu untersuchende Gegenstand neu ist. Daher ist die Breite an Perspektiven gerade zu Beginn des Erkenntnisprozesses aus meiner Sicht unverzichtbar.

Abgesehen von den gesellschaftlichen Folgen, dass friedlich agierende Kritiker der Coronapolitik in übler Weise beschimpft und schikaniert werden, so zum Beispiel auf Demonstrationen, wird deutlich, dass der enge Meinungskorridor auch global sichtbar ist. Die Coronapolitik erfolgt weltweit im Gleichschritt, wenngleich dieser glücklicherweise immer humpelnder wird. Hier passiert gewissermaßen auf einer Ebene darüber das, was ich mit den sozialpsychologischen Erkenntnissen angedeutet habe: Wenn so viele Länder Maßnahmen wie Lockdowns, Masken, Massentests und riskante neuartige Impfstoffe durchsetzen, müssen diese ja doch sein? Kritiker, also die angeblichen „Verschwörungstheoretiker“, aber sagen: Nein, müssen sie nicht!

Sie haben im Jahr 2020 eine interessante Studie durchgeführt. Was war die Fragestellung?

Schon zu Beginn wurden Coronamaßnahmenkritiker als Verschwörungstheoretiker und Aluhutträger diffamiert. Oft wurden sie in einem Satz mit Antisemiten, Rechtsradikalen oder Nazis erwähnt und zumindest mit diesen auf gleiche Stufe gestellt. Der Begriffskomplex Verschwörungstheorie ist medial extrem negativ aufgeladen. Somit hat mich interessiert, ob es Forschung allgemein zu Verschwörungstheorien als Stigma gibt. Reicht es bereits — ohne Prüfung des Sachinhalts — eine Ansicht als Verschwörungstheorie zu betiteln, damit diese abgewertet wird beziehungsweise die Person, die sie äußert?

Ich habe dazu eine Studie von 2018 zum Charlie-Hebdo-Attentat gefunden von Lantian et al, 2018 (1). Diese Studie bestand aus zwei Online-Experimenten. Gegenstand war eine sogenannte und auch so bezeichnete „Verschwörungstheorie“, nach der entgegen der offiziellen Version das Charlie-Hebdo-Attentat eine False-Flag-Aktion war und von Geheimdiensten geplant war. Diese Geschichte wurde den Probanden in beiden Experimenten vorgelegt, angeblich zufällig aus verschiedenen Themenkomplexen ausgewählt. Die Probanden sollten sich je nach experimenteller Gruppenzuordnung vorstellen, entweder für oder gegen diese „Verschwörungstheorie“ öffentlich zu argumentieren. In dem einen Experiment sollten sie drei kurze Argumente eintippen, angeblich ginge es um die Fähigkeit, andere mit Argumenten in einer Art Wettbewerb zu überzeugen. Die eigene Überzeugung sollte somit möglichst keine Rolle spielen.

Danach sollten sie sich vorstellen, dass diese Argumente öffentlich, auch jenseits des eigenen Freundeskreises, auf ihrer Facebook-Pinnwand präsentiert werden. Das andere Experiment war sehr ähnlich, nur dass die Probanden kurz ihre eigenen Überzeugungen vergessen sollten und sich danach eine Minute in die Situation hineinversetzen sollten, die „Verschwörungstheorie“ vor 300 fremden Leuten in einem Hörsaal je nach Gruppenzuordnung entweder zu vertreten beziehungsweise gegen diese zu argumentieren. Danach wurden die Probanden unter anderem gefragt, wie sehr sie sich als Person negativ bewertet und sozial ausgegrenzt fühlen.

Es zeigte sich in beiden Experimenten, dass die Probanden in der Gruppe, in der für die als „Verschwörungstheorie“ bezeichnete Erklärung argumentiert werden sollte, im Durchschnitt deutlich höhere Werte in der negativen Bewertung und sozialen Ausgrenzung vorlagen als in der Gruppe mit Argumentation gegen die „Verschwörungstheorie“. Man kann damit sagen, dass sie sich deutlich stigmatisierter fühlten.

Warum hat die Fragestellung Sie interessiert?

Eine generelle Motivation für meine eigene Studie war die Tatsache, dass der Verschwörungstheorie-Begriff auch in der psychologischen Forschung in Bezug zu Corona sehr einseitig behandelt wird. Es geht fast immer darum, wie dysfunktional angebliche Verschwörungstheorien beziehungsweise deren Vertreter seien, kaum darum, was die Zuschreibung selbst bei Menschen auslöst. Ich wollte hier eine Lücke füllen, um eben die Seite der Stigmatisierung durch diese Zuschreibung zu beleuchten.

Da das Charlie-Hebdo-Attentat ein historisch begrenztes Zeitgeschehen ist, war die Frage, ob sich diese Studie replizieren, also wiederholen lässt mit einem aktuelleren Thema, dem Coronakomplex. Auch wenn die Charlie-Hebdo-Studie in mancher Hinsicht limitiert ist, wie jede einzelne Studie dies immer ist, ist es aus wissenschaftlicher Sicht wichtig, dass in relativ neuen Themenfeldern erfolgreiche Studien in ähnlicher Form erst einmal repliziert werden. Befunde könnten auch zufällig zustande kommen, obwohl sie vielleicht gar nicht existieren. Um das abzusichern, braucht man eben mehr als eine Studie. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Originalstudie bereits theoretisch und methodisch einen geeigneten Rahmen bietet.

Wie lief die Studie ab? Was war für die Teilnehmer der Studie zu tun?

Es wurden insgesamt knapp 400 meist berufstätige Erwachsene für beide Experimente befragt, wobei der weibliche Anteil überwog. Ich habe bis auf ein paar kleine methodische Anpassungen im Wesentlichen nur die so bezeichnete Carlie-Hebdo-„Verschwörungstheorie“ durch eine Corona-„Verschwörungstheorie“ ersetzt. Somit wurde den Probanden folgender Text vorgelegt:

„Seit Ende 2019 verbreitet sich das Corona- beziehungsweise SARS-CoV-2-Virus in Form einer weltweiten Pandemie. Es gilt als Auslöser der Lungenkrankheit Covid-19, welche auch einen tödlichen Verlauf nehmen kann.

Einige Leute bestreiten die offizielle Version der Behörden/Regierung beziehungsweise der Massenmedien und behaupten, dass das Virus in Wirklichkeit deutlich weniger gefährlich sei — vielmehr werde diese angeblich vergleichsweise harmlose Pandemie von Regierungen bewusst ausgenutzt, um Bürger/innen durch einschränkende Maßnahmen (zum Beispiel „Lockdown”) gefügig zu machen und gefährliche Massenimpfungen per Zwang durchzusetzen – im Schulterschluss mit der Pharmalobby.“

Wichtig zu erwähnen ist, dass die Studie im Herbst 2020 (!) durchgeführt wurde. Alles Weitere ist Geschichte, so auch die unsäglichen 2G-Regeln und der Impfzwang, der im Frühsommer 2020 noch als Verschwörungstheorie gebrandmarkt wurde. Ich selbst hielt diese medizinische Zwangsbehandlung tatsächlich zu dem Zeitpunkt zwar für nicht unmöglich, aber doch für recht unwahrscheinlich. Der Text sollte in einem Bereich liegen, der nicht vollkommen abwegig ist, aber doch der offiziellen Version deutlich widerspricht.

Was war das Fazit der Studie?

Es zeigten sich sogar noch größere Effektstärken als bei der Charlie-Hebdo-Originalstudie. Das heißt, dass sich die Probanden in der Verschwörungstheoriegruppe noch stärker von der anderen Gruppe unterschieden haben. Damit ist die Replikation der Originalstudie gelungen und das mit einem aus meiner Sicht noch relevanteren Thema.

Man kann nun einwenden, dass die Ergebnisse nicht überraschend sind. Allerdings geht es mir auch darum, den Umgang mit dem Begriffskomplex Verschwörungstheorie zu erweitern oder vielleicht gar zu widersprechen. Man darf nicht vergessen, dass wissenschaftlichen Ergebnissen immer noch eine hohe Glaubwürdigkeit zugesprochen wird und diese auch einen gesellschaftlichen Einfluss ausüben, egal ob gewollt oder nicht, und auch in positiver wie negativer Hinsicht. Wissenschaft wird nach politisch-gesellschaftlichen Interessen instrumentalisiert. Es geht um nichts weniger, als den Diskurs mitzuprägen.

Wo wurde die Studie bisher veröffentlicht? Haben Sie weitere Pläne damit? Erfuhren Sie Unterstützung oder gab es Schwierigkeiten?

Meine Forschungsaktivität war kein offizieller Bestandteil meiner Arbeit. Ich arbeitete zudem ja an meiner Promotion. Ich hatte freie Hand von meinem Lehrgebiet, in dieser Richtung initiativ zu forschen, was ich wertschätze, jedoch merkte ich schnell, dass dieses Thema oder — besser gesagt: dieser Fokus auf das Thema — auf kein größeres Interesse stieß. Dies nehme ich aber niemanden übel — ich verstehe auch, dass das manchen zu „brisant“ ist. Ich finde es aber auch etwas schade. Die Studie ist meines Erachtens methodisch sehr sauber gemacht und wäre ohne Weiteres publikationsfähig. In wissenschaftlicher Hinsicht muss sich die Studie nicht verstecken.

Ob ich die Studie jemals in einem offiziellen Journal veröffentlichen kann, weiß ich nicht, ich werde aber die anonymisierten Rohdaten und das Studienmaterial wohl auf einer Open-Science-Datenbank hochladen. Tendenziell ergäben sich aber vielleicht noch weitere Möglichkeiten, die Ergebnisse bei Kongressen als Vortrag/Poster unterzubringen. Ich bin für Tipps dankbar, gerade da es sich hierbei um einen alternativen Blick auf das Thema handelt. Auch könnte man hier mehrere Studien aufbauen. Man könnte noch „härter“ experimentell testen, zum Beispiel ob allein das Label „Verschwörungstheorie“ zur Stigmatisierung ausreicht, gerade wenn es nicht einmal etwas mit der brauchbaren Kerndefinition zu tun hat (das heißt sinngemäß: geheime Absprache unter wenigen, um ein Ziel zu erreichen). Es gäbe also viel zu erforschen, um hier einen Paradigmenwechsel anzuregen und mit einer breiteren Perspektive zu arbeiten.

Am Ende ist mir aber vor allem wichtig, dass die Ergebnisse überhaupt kommuniziert werden und dass dieser Fokus auf das Verschwörungstheoriethema mehr Beachtung findet.

Der Begriff Verschwörungstheorie wird flächendeckend als Kampfbegriff gegen kritisch denkende Menschen eingesetzt. Wie wurde und wie wird mit diesem Begriff bisher in der Psychologie umgegangen?

Wie bereits angedeutet, bewegt sich die psychologische Forschung zu dem Thema in keinem wertneutralen Feld. Es fängt schon damit an, welche Definition man dem Begriff Verschwörungstheorie zugrunde legt. Manche Beiträge lassen sich darüber aus, was zum Beispiel Verschwörungstheorie von Verschwörungsideologie oder -mentalität phänomenologisch unterscheiden soll. Das mag intellektuell alles ganz interessant sein. Es bleibt im Gesamten aber etwas sehr Negatives, sozial Unerwünschtes haften. Diese „Definitionen“ berühren auch nicht den Kernpunkt: Worüber sprechen wir „eigentlich“? Geht es um — salopp gesagt — „Verrückte“, die man auf den richtigen Pfad bringen muss? Oder handelt es sich um skeptische Menschen, die bereit sind, auch mächtige Narrative zu hinterfragen?

Ein sich durchziehender Tenor ist, dass „Verschwörungstheorien“ irrational, spekulativ und unwissenschaftlich seien. Als Beleg wird beispielsweise angeführt, dass es angeblich die Neigung gibt, zu demselben Themenkomplex sich widersprechende Verschwörungstheorien zu vertreten.

Hier fällt der eindeutig normative Blick auf das Phänomen auf: Intuition und freischwebende Gedankenspielereien werden grundsätzlich, und sei es im Unterton, als etwas Dysfunktionales, also Negatives, betrachtet. Aber warum? Es gibt dafür keinen nachvollziehbaren Grund. Vielmehr können Intuition und die Loslösung von einem rein rationalistischen Denken eine gute Ergänzung zum rational rein auf sicheren Fakten basierenden Denken sein.

Ich setze mich daher für einen ganzheitlichen Zugang ein. Beides kann sich fruchtbar ergänzen. Im Übrigen sind wegweisende Erfindungen oft auf Zufällen oder „irrationalen“ beziehungsweise „unvernünftigen“ Gedanken entstanden. Alles in allem herrscht ein Objektivitätsmythos vor. Psychologische Forschung sollte sich aber gerade möglichst wertfrei mit der subjektiven Wahrnehmungsqualität von Phänomen beschäftigen, auch unabhängig davon, was im jeweiligen Zeitgeist als „wahr“ gilt.

Menschen mit der Neigung, „Verschwörungstheorien“ zu glauben, werden vielfach mit unvorteilhaften Merkmalen empirisch in Zusammenhang gebracht: zum Beispiel erhöhter Narzissmus, Bedürfnis nach Einzigartigkeit, geringere Verträglichkeit, geringere Intelligenz, Hang zu Autoritarismus bis hin zu pathologischen Ausprägungen wie Paranoia und Schizotypie. Dies muss aber unbedingt hinterfragt werden. Es gibt keine brauchbare Definition für den Begriff. Das Hauptproblem ist hier, dass das Konzept des Verschwörungstheoretikers letztlich beliebig ist und daher diesen negativen Frame eröffnet.

Im Coronakontext wird vor allem der Umgang mit Impfskeptikern betont, welche natürlich „Verschwörungstheorien verfallen sind“. Hier wird schlicht davon ausgegangen, dass Impfskeptiker „falschen“ Informationen aufgesessen seien und diese mit psychologischen Methoden überzeugt werden müssten. Skeptisch gegenüber den mRNA-Injektionen zu sein, heißt demnach, irrational zu sein. Die Sichtweise, dass Menschen gute belegte Gründe anführen, diese Injektionen zu verweigern, kommt meines Wissens nicht vor. Dies würde auch nicht in das Narrativ passen. Tenor ist: jede Art von Impfung ist immer gut, rational und wissenschaftlich. Punkt.

Was hingegen selten thematisiert wird, sind die Potenziale dieses Personenkreises, was angesichts des inflationär verwendeten Begriffs doch erstaunlich ist. Dies wäre zum Beispiel der Bereich der produktiven Skepsis, Sensibilität gegenüber Machtverhältnissen und intuitiver Gabe. Die Kehrseite der Medaille, extrem Verschwörungstheorieskeptische, wird meines Wissens bisher gar nicht untersucht. Menschen, die geheime Absichten insbesondere von Mächtigen notorisch leugnen, könnten ihrerseits interessante Merkmale aufweisen. Vertrauen solche Menschen vielleicht einer angeblichen Mehrheitsmeinung zu sehr? Sind diese Menschen konformistisch oder/und pflegen ein extrem rationalistisch-mechanistisches Weltbild und haben keinen Zugang zu ihrer Intuition? Das wären für mich spannende Fragen des „anderen“ Pols.

Schließlich fällt noch auf, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. „Verschwörungstheoretikern“ wird unterstellt, sie würden ihre irrationalen, „wissenschaftsfeindlichen“ Ansichten in Echokammern der Social Media Kanäle verbreiten und durch ihre „ingroup“ verstärken und würden schnell „Verantwortliche“ benennen. Hingegen bleibt meist unerwähnt, dass genau dies auch bei Leuten passieren kann, welche hauptsächlich Leitmedien folgen. Hier wird aber nahezu axiomatisch davon ausgegangen, dass die Mainstream-Seite gesicherte, wissenschaftliche und vertrauenswürdige Informationen liefert. Nicht thematisiert werden entsprechende „Mainstream“-Echokammern und „Verantwortliche“, zum Beispiel dass „Ungeimpfte“ Schuld an der angeblichen Überlastung des Gesundheitssystems haben. Letzteres gilt dann aber nicht als Verschwörungstheorie. Das ist dann etwas ganz anderes, ist legitim und zählt als wichtiger „Kampf gegen Fehlinformationen“.

Trägt die Psychologie oder Sozialpsychologie zum aktuellen Framing bei?

Man darf das sicher nicht verallgemeinern. Tatsache ist aber, dass in den Medien, zumindest in Deutschland immer wieder eine kleine, aber laute Forschergruppe um Michael Butter und die Langzeitpromovierende Pia Lamberty bemüht wird, wenn es darum geht, möglichst stark abwertende Eigenschaften zu belegen, die angeblich prototypisch für Corona-Maßnahmenkritiker sind beziehungsweise die sehr heterogene Demokratiebewegung angeblich im Ganzen auszeichnen. Sie will nachgewiesen haben, dass der Hang zu „Verschwörungstheorien“ automatisch mit antisemitischen Haltungen zu tun hat (und dass das alles natürlich ganz gefährlich ist …). Natürlich ist Antisemitismus gefährlich, da es ein menschenverachtendes Narrativ ist und feindseliges Verhalten befördert.

Allerdings ist es nicht haltbar, diese sozial extrem geächtete Eigenschaft pauschal Millionen von demokratisch gesonnenen, Grundrechte einfordernden Menschen zu unterstellen. Auch werden Argumentationsketten auf nicht ausreichend belegten Prämissen aufgebaut.

So wird Kritik an unethischer Profitmaximierung durch internationale Großkonzerne als „struktureller Antisemitismus“ bezeichnet. Durch diese begriffliche Konstruktion wird man dann leicht auch bei eher linksalternativen Populationen unvorteilhafte Zusammenhänge herleiten, die mit wirklichem Antisemitismus (zum Beispiel „jüdische Weltverschwörung“) nichts am Hut haben.

Daher erscheint mir dieser Zugang zu dem Thema eher einseitig ideologisch als wissenschaftlich-neutral motiviert. Es wäre hier eine Aufgabe der Leitmedien, auch gegenteilige seriöse Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Und da gäbe es genug, beispielsweise die Psychologen Prof. Klaus-Jürgen Bruder, Hans-Joachim Maaz und viele andere.

Zurück zur Frage: Wenn man will, kann man auch im Deckmantel der Wissenschaft framen und damit sich weniger dem Auftrag des Erkenntnisgewinns als vielmehr einem „politischen“ Auftrag verpflichten. Dass dies der Fall ist, sieht man daran, dass sich Medien und Politik sehr gezielt nur eine bestimmte Seite „der Wissenschaft“ anschauen, wie wir es im Übrigen ja auch im Corona-Komplex, sowie insgesamt auch in anderen Bereichen, zum Beispiel Medizin und Epidemiologie, erleben. Dass dies mit dem Fluss von Forschungsgeldern zusammenhängen könnte und dieser die „Marschrichtung“ der Forschung beeinflusst, ist sicher dann auch nur eine Verschwörungstheorie…

Die Forschung zu „Conspiracy theories“ ist im internationalen Raum nach meinem Eindruck wesentlich differenzierter als die Butter/Lamberty-Truppe. Das heißt jedoch nicht, dass sich die Beiträge nicht auch hier einseitig durch Stereotype leiten lassen. Bestimmte Narrative bleiben unangetastet, so zum Beispiel 9/11. Es wird auch hier eine Wertung vorgenommen über Narrative, die endgültig als wahr betrachtet werden und solche, die als generell falsch gelten. Das mag im Einzelnen, bezüglich bestimmter einzelner Erklärungsversuche, ja auch berechtigt sein. Alternative Narrative müssen sich an denselben strengen Maßstäben messen lassen wie die offiziellen.

Es findet aber eine methodische Vorselektion statt, was und in welcher Weise Probanden gefragt werden. Ich sage damit nicht, dass sich die Forscher bewusst sind über ihre eigenen Verschwörungstheorie-Stereotypen. Es muss nicht alles „gelenkt“ oder „gekauft“ sein. Die Frage ist aber, wie selbstkritisch-reflektiert die Forschung mit diesem Bereich umgeht. Mir scheint, dass die Forscher meist auch ihren privilegiert-subjektiven Blick auf die Welt in ihre Forschung einbringen, obwohl sie vielleicht denken, dass sie sehr objektiv vorgehen. Auch hier wirkt die Gruppenidentifikation unter „Wissenschaftlern“ zum Beispiel in Abgrenzung zu vermeintlich weniger intelligenten „Desinformierten“, welche bloß magischen Überzeugungen erlegen sind.

Werden die negativen Folgen des Framings durch den Begriff offen diskutiert oder erforscht? Wer fördert welche Forschung mit welchen Ergebnissen? Erkennen wir hier einen Trend? Geschieht dies absichtlich?

Dieses Gebiet ist noch ziemlich neu, dennoch gibt es einige wenige Beiträge, unter anderem eben die Studie zu Charlie Hebdo. Es scheint mir aber noch ein Randphänomen zu sein. Es wird immerhin in den aus meiner Sicht kritischeren Beiträgen zugegeben, dass der Verschwörungstheorie-Bereich in der Psychologie theoretisch wenig fundiert ist und daher auch eine beliebige Breite an Konzepten existiert.

Auch wird zumindest teilweise erwähnt, dass sich Verschwörungstheorien hinterher als wahr herausgestellt haben. Da diesem Themenbereich aber die notwendige Eingrenzung und Präzision fehlt, habe ich den Eindruck, dass jeder Beitrag seine „eigene“ Story dazu spinnen kann, sodass ein kohärentes Gesamtbild fehlt. Dies macht den Bereich auch so anfällig für politische Instrumentalisierungsversuche, selbst wenn diese ursprünglich nicht intendiert sein müssen. Es gibt eben keine einheitliche Theorie, auch wenn das von den ideologisierten Vertretern gern suggeriert wird.

Man erkennt die gewisse Beliebigkeit in der Forschung schon daran, wie die Neigung zu „Verschwörungstheorien“ gemessen wird. Das Framing fängt bereits bei der Methodik an: Welche Themenbereiche zählen zu Verschwörungstheorien, welche nicht? Diese Auswahl ist höchst subjektiv, bestimmt aber maßgeblich, was nachher — meist quantitativ – gemessen wird. Zudem ist die Frage, ob man konkrete, historisch begrenzte Ereignisse einbezieht oder ob genau dies vermieden wird, da Probanden bestimmte Ereignisse möglicherweise nicht kennen. Mein Eindruck ist, dass bei manchen Instrumenten, so der Conspiracy Beliefs Scale von 2013, Aspekte zusammengeworfen werden, die im Eigentlichen nicht viel miteinander zu tun haben müssen, so zum Beispiel der Glaube an die Existenz von Ufos und Skepsis gegenüber Regierungen (2). Selbst wenn diese statistisch korreliert sind, ist dies noch kein Nachweis inhaltlicher Validität. Eine neuere Skala, die Conspiracy Mentality Scale von 2019, beansprucht immerhin, Verschwörungstheorieglaube von Skeptizismus abzugrenzen (3).

Hier wird also eingestanden, dass diese beiden Aspekte etwas miteinander zu tun haben. Aber auch hier wird das Framing „rational = gut“ für Skeptizismus und „irrational = schlecht“ für Verschwörungstheoretiker bedient. Methodisch ist das Vorgehen dort nicht grundsätzlich abwegig; es wird größtenteils „sauber“ gearbeitet. Was mir fehlt, ist die tiefere Auseinandersetzung, dass es eine Vorprägung darüber gibt, was wir als „Verschwörungstheorie“ labeln und was nicht. Dies ist aber maßgeblich ein mediales Produkt. Dies wird nicht hinterfragt. Lapidar gesagt, die Instrumente messen nicht den Glaube an Verschwörungstheorien an sich, sondern lediglich den Glauben an Verschwörungstheorien als Ergebnis der sozialen Konstruktion durch Medien.

Wie wirkt sich die durch den Begriff erzeugte Angst auf unsere Debattenkultur aus?

Wenn sich Forschung lediglich dafür hergibt, einen Resonanzboden für die polit-mediale Hysterie bereitzustellen, ist das unwissenschaftlich. Gerade weil Medien einfache Wahrheiten besser verkaufen können, insbesondere wenn sie dazu noch emotional aufgeladene Feindbilder konstruieren, sollten Wissenschaftler erst recht differenziert gegensteuern. Daher sehe ich hier ganz klar auch eine große Verantwortung. Notfalls müssen sich Wissenschaftler eben in der Freizeit den fehlenden Perspektiven widmen, für die sie offiziell nicht bezahlt werden.

Es müsste daher weiter untersucht werden, was das negative Framing mit uns macht. Es ist so wirkmächtig, dass selbst gute langjährige Freundschaften zerbrechen, da diese dämonisierenden Zuschreibungen, die immer wieder in den Medien vorgenommen werden, jeden Ansatz einer sachlichen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen zunichtemachen.

Man kann sagen, dass der Begriff Verschwörungstheoretiker eine Art Breitband-Antibiotikum darstellt, um Menschen mundtot zu machen. Verschwörungstheoretiker deckt ja einen ganzen Kanon unliebsamer Eigenschaften ab: von Freak, Spinner, Minderbemittelter bis hin zu Antisemit und Nazi.

Meist muss sich derjenige nicht rechtfertigen, der mit dieser Zuschreibung um sich wirft, da die „Mehrheits“-Medien dies ja auch nicht tun. Es reicht, es einfach zu behaupten. Hingegen muss sich der angebliche Verschwörungstheoretiker für jeden Aspekt seiner Ansicht rechtfertigen und dies belegen. Dazu kommt es aber oft gar nicht, da man ihm ohnehin nicht zu Ende zuhört.

Natürlich können als Verschwörungstheoretiker diffamierte Personen ihre Blogs und Social-Media-Kanäle betreiben, jedoch wissen wir, dass diese immer mehr zensiert und gecancelt werden. Zusammen mit anderen unschönen Entwicklungen der letzten Zeit hat das aus meiner Sicht nicht viel mit offener und demokratischer Debattenkultur zu tun, mit der sich die angeblich freie westliche Wertegemeinschaft so gern schmückt. Wir waren da mal besser aufgestellt!

Wir sind als Gesellschaft eigentlich sensibilisiert, niemanden auszugrenzen. Es wird viel über Diversität gesprochen und darüber, dass niemand ausgegrenzt werden darf. Gilt das auch für ungeimpfte Menschen?

Die pauschale Ausgrenzung von Personengruppen, welche bestimmte Merkmale tragen, widerspricht den Werten der Aufklärung. Ungeachtet dessen haben fast alle Menschen ein natürliches Gespür für Ungerechtigkeit. Als ungerecht wird natürlicherweise empfunden, wenn Menschen grundlos die Befriedigung elementarer Bedürfnisse verwehrt wird. In zivilisierten Gesellschaften lässt man Menschen weder verhungern, erfrieren noch foltert man sie.

Der perfide Standardeinwand ist ja: Dann lass dich doch impfen. Man geht davon aus, dass die Einstellung, sich impfen zu lassen, kontrollier- und veränderbar ist — im Gegensatz zur ethnischen Herkunft. Allerdings hatte man in der Vergangenheit auch bei Homosexuellen behauptet, sie könnten ihre Homosexualität überwinden, Stichwort Konversionstherapie. Heutzutage würde so eine Ansicht kaum mehr — und vollkommen zu Recht — akzeptiert. Man könnte auch auf die Idee kommen, gläubigen Moslems das Essen von Schweinefleisch aufzunötigen. Und theoretisch ließe sich ja auch das Geschlecht operativ ändern. Wie dem auch sei: es geht also wohl weniger um die Tatsache, dass solche Merkmale prinzipiell veränderbar sind, sondern eher, ob diese erwünscht sind oder nicht.

In jeder Gesellschaft gab und gibt es Narrative, welche die Ungleichbehandlung von Menschen legitimieren. Diese braucht es, um die natürliche Abwehr gegenüber elementarer Ungerechtigkeit zu entschärfen. Ob es Frauen sind, die angeblich zu dumm für Politik waren (Männerwahlrecht), Farbige, die nur zur Sklaverei taugen (Apardheitsregime), „minderwertige Rassen“ (Drittes Reich) etc.

Die Geschichte hat trotz Rückschritten gezeigt, dass all diese Rechtfertigungsideologien falsch, gefährlich und dumm waren und infolge mit unglaublich viel Leid, Unterdrückung, Gewalt und Krieg einhergingen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass auch das heutige Rechtfertigungsnarrativ fallen wird, zum Beispiel dass Ungeimpfte angebliche Todesengel seien. Sich impfen zu lassen ist eben nicht vergleichbar mit dem Anlegen eines Anschnallgurtes. My body — my choice. War da was?

Was bedeutet im Kontext von Diversität und Ausgrenzung eine Impfpflicht?
Was im Kontext von Menschenwürde? Körperlicher Unversehrtheit? Ausgrenzung durch Kriminalisieren?

Ungeimpfte und solche, die es bleiben wollen, sind nicht allein deshalb kriminell! Die Impfpflicht ist eine medizinische Zwangsbehandlung und ist weder mit der Menschenwürde noch mit demokratischen Grundwerten vereinbar. Sie gehört in den Abfalleimer der Geschichte. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Ist die Ausgrenzung eine Folge unserer geschürten Ängste? Ich sehe hier die Gefahr eines Teufelskreises.

Die Gefahr, dass sich die Spaltung fortsetzt, ist groß. Auf der anderen Seite muss die kritische Gegenöffentlichkeit auch erkennen, dass nicht viel gewonnen ist, ein Angst-Gegennarrativ zu etablieren. Also das übermäßige Schüren von genau den Ängsten, die die „Mainstream“-Seite nicht hat oder schlicht verdrängt. Es ist daher nicht zielführend, den Weltuntergang zu predigen, sei es aufgrund der Impfschäden, der autokratischen Entwicklung oder wirtschaftlichen Totalruins. Hier gilt auch, kritisch, aber realistisch zu bleiben und kein umgekehrtes Paniknarrativ zu schieben.

Worin besteht die ‚Belohnung‘, wenn wir trotzdem mitmachen?

Eine existenziell bedeutsame Belohnung ist die Erfüllung des Bedürfnisses nach sozialer Zugehörigkeit. Das Gefühl, sozial ausgegrenzt zu sein, geht einher mit der Erregung von Gehirnarealen, die auch bei körperlichem Schmerz aktiviert werden. Diese Entsprechung wurde in neuropsychologischen Experimenten mit einem Hirnscanner herausgefunden. Das bedeutet, dass Regeln, die faktisch sozialen Ausschluss bedeuten, mit körperlicher Gewalt vergleichbar sind. Dies zu vermeiden, motiviert manche verständlicherweise ungemein zum Wohlverhalten.

Einen anderen Aspekt stellen Menschen dar, die sich als woke verstehen. Sie werden durch vermeintlich progressive Wertehaltungen getriggert. Es reicht, ihnen zu sagen, Maskentragen sei per se solidarisch. Nicht selten verbirgt sich dahinter schlicht der Wille, zu der „guten“ Mehrheit gehören zu wollen. Dies kann jedoch auch sehr narzisstische Züge tragen, ich nenne es salopp moralischen Narzissmus. Dies kann nicht nur in eine Art Kult münden, wo sich die entsprechenden Akteure gegenseitig in ihrem Moralismus übertreffen, nicht nur bei Coronaregeln. Es kann auch bedeuten, dass diese in besonders aggressiver Weise Menschen ausgrenzen, gar „canceln“ wollen, die auch nur eine geringfügig abweichende Meinung haben. Wie so oft, wenn der Anspruch zu moralischem Handeln hoch ist, ist die Doppelmoral nicht weit. Die woken CoronajüngerInnen feiern auch gern mal ohne Maske und Mindestabstand — dann ist die vorerkrankte Oma plötzlich kein Thema mehr …

Laut Robert Koch-Institut sind derzeit ungefähr ein Viertel der Menschen ungeimpft. Was bedeutet ein Viertel der Bevölkerung aus sozialpsychologischer Sicht?

Rein mathematisch betrachtet ist ein Viertel ja eindeutig die Minderheit. Das spiegelt aber nicht die komplexe Situation wider. Viele Menschen haben sich nicht aus rein medizinischer Überzeugung impfen lassen, insbesondere die nicht relevant vorerkrankten Jüngeren, denen trotz massiver Angstkampagnen vielfach nicht entgangen ist, dass sie eine nur geringe Wahrscheinlichkeit haben, an Covid-19 schwer zu erkranken. Diese Ansicht muss nicht einmal rational, zum Beispiel durch Sichtung von Statistiken und Studien, geprägt sein, sondern es ist im Alltag offensichtlich, dass Covid-19 für sie keine außerordentliche Gefahr darstellt. Die Entscheidung für die gentherapeutischen Injektionen sind vielmehr sachfremd: uneingeschränkt reisen, ins Café oder in die Disco gehen. Dass sie durch Fremdschutz motiviert sind, kann mitunter eine sozial erwünschte, aber verlogene Schutzbehauptung sein. Diese angebliche Mehrheit ist also möglicherweise gar keine …

Aber selbst wenn:

Im Grundgesetz ist verankert, dass es trotz demokratischen Mehrheitsentscheids keine Tyrannei einer Mehrheit über eine Minderheit geben darf. Letztlich ist die Wahrung der Menschenwürde der Garant, dass niemand — von wem auch immer — tyrannisiert werden darf.

Frank Ulrich Montgomery von der Bundesärztekammer hatte mal behauptet, die Ungeimpften würden die Mehrheit der Geimpften tyrannisieren. Abgesehen davon, dass dies schon objektiv Unsinn ist, was die Erkrankungs- und Übertragungsraten bei den Geimpften zeigen: selbst wenn die Impfstoffe nachweislich in Langzeitbetrachtung wirksam und sicher wären, dann wäre es eine Verletzung der Menschenwürde, also Menschen zu diesen Injektionen zu zwingen, sei es indirekt (über soziale Ausgrenzung mit 2G-Regeln) oder direkt (allgemeiner Impfzwang).

In einer offensichtlichen pandemischen Gesundheitskrise würden sich die meisten Menschen auch unvollkommene Impfstoffe verabreichen lassen, sofern der wahrgenommene Nutzen das Risiko übersteigt. Es wäre weder Werbung noch nennenswerter gesellschaftlicher Druck erforderlich; wir hätten dann wohl eher Impfstoff-Knappheit als Impfzwang. Wirkliche Tyrannei ist hingegen die mediale Hetze gegen Ungeimpfte und Coronakritiker!

Was wäre denn ein gesunder Umgang mit einem komplexen Thema?

Am besten sollten wir Kampfbegriffe wie „Verschwörungstheoretiker“ und erst recht „Coronaleugner“ generell meiden. Und wenn ein solcher fällt, auffordern, zu beschreiben, was genau damit gemeint ist. Wenn das Gespräch überhaupt so weit kommt, ist hier eine gute Chance, auf eine sachlichere Ebene zu kommen. Umgekehrt sollten Maßnahmenkritiker beziehungsweise Impfskeptiker ihrerseits nicht mit Diffamierungen arbeiten. Weder sind Maßnahmenkritiker Verschwörungstheoretiker und Fake News aufgesessen noch sind Maßnahmenbefürworter per se Propagandaschlafschafe. Wenn es zu einer aufgeladenen Emotion kommt, dann erst recht Abrüsten mit Kampfbegriffen, und zwar auf beiden Seiten! Notfalls auch mal so etwas sagen wie: „Das ist eine sehr andere Perspektive, ist mir spontan sehr fremd, aber ich schaue mir Deine Quelle mal an.“ Keine Seite wird so einfach ihre Position nach fünf Minuten hitziger Debatte um 180 Grad ändern.

Geben wir uns Zeit! Keiner muss sofort sagen: „Du hast vollkommen recht!“ Auch Humor könnte helfen, wenn man schon den Kampfbegriff verwendet, dann positiv re-framen, zum Beispiel in selbstironischer Weise. Nach dem Motto: „Ja, ich schwurbel jetzt wieder, wirst du sagen, aber lass mich mal kurz erklären.“ Das nimmt dem Ganzen diese Schwere und Aggressivität und macht es menschlicher. Wir sollten über uns selbst lachen können und Fehler machen dürfen!

Was bedeutet gesunder Widerstand?

Viele denken immer im Großen: zu Demos gehen, Aktionen machen, Aktivist sein et cetera. Man vergisst aber das Kleine, denn jeder kann im Alltag etwas tun. Gerade wenn man überall auf das sich ständig ändernde Coronakorsett stößt, hat dies eigentlich geradezu Aufforderungscharakter, um auch mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Hier kann man sich herantasten. Vielleicht findet man ja gar Gemeinsamkeiten. Ich habe dabei schon Freunde kennengelernt. Es sind mehr „da draußen“, als man denkt. Auf der Arbeit sollte man auch schauen, wie weit man gehen kann. Das ist individuell sehr verschieden. Aber es gibt immer kleine Freiheiten und Dinge, die man tun oder eben lassen kann. Man kann dem Kollegen, der seinem Chef gefallen will, weil er ganz beflissen den neuesten Coronakult des Betriebes „studiert“ hat, durch subtile Signale der Nicht-Beachtung zeigen, was man davon hält. Man muss keinen Beifall klatschen wie die anderen. Und vieles mehr. Nischen des Widerstands finden. Das erfordert Kreativität! Aber die hat jeder!

Herr Zinke, vielen Dank für das Gespräch.


Redaktionelle Anmerkung: Zum gleichen Thema führt Angela Mahr ein Gespräch mit Nikolai Zinke bei Neues Miteinander TV unter dem Titel „Corona und unsere Gesellschaft. Sagen wir noch, was wir denken“.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Lantian, Anthony, Muller, Dominique, Nurra, Cécile, Klein, Olivier, Berjot, Sophie & Pantazi, Myrto (2018). Stigmatized beliefs: Conspiracy theories, anticipated negative evaluation of the self, and fear of social exclusion. European Journal of Social Psychology, 48(7), 939-954.

(2) Brotherton, Robert, French, Christopher C. & Pickering, Alan D. (2013). Measuring belief in conspiracy theories: The generic conspiracist beliefs scale. Frontiers in Psychology, 4, 279.

(3) Stojanov, Ana & Halberstadt, Jamin (2019). The Conspiracy Mentality Scale. Social Psychology, 50(4), 215-232.



Quelle: