Am 17. März 2022, kurz nachdem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seine Videoansprache im Deutschen Bundestag gehalten hatte, trat eine junge Frau in schwarzer Lederjacke ans Rednerpult, um über das Thema „Impfpflicht“ zu sprechen. Erst begrüßte sie die Abgeordneten in ihrem Sichtfeld mit „sehr geehrte Kolleg*innen“. Dann warf sie einen kurzen, aber gehässigen Blick auf die rechte Seite des Parlaments und ergänzte: „Und die AfD-Fraktion.“ Deutlicher hätte Emilia Johanna Fester den Rechten kaum zeigen können, dass sie nicht „Teil des demokratischen Spektrums“ sind, wie sie es im Gespräch mit dem Freitag formuliert. Im September 2021 war sie mit Listenplatz 3 der hamburgischen Grünen in den Bundestag eingezogen. Nun ist Fester mit 23 Jahren dort das jüngste Mitglied. Und vielleicht die Newcomerin ihrer Partei?

„Wenn Sie und Ihre Freund*innen der Freiheit sich einfach hätten impfen lassen, als die meisten von uns so vernünftig waren“, rief sie der AfD-Fraktion in ihrer Rede entgegen, „dann wäre ich jetzt wieder frei!“ Den zweiten Teil dieses Satzes schrie sie förmlich ins Mikrofon und ihre Augen verwandelten sich dabei in enge Schlitze. Die Botschaft war eindeutig: Ihr habt jetzt zwei Jahre lang von Coronadiktatur und Totimpfstoff gefaselt, während meine Generation ihr Leben stark einschränken musste und seit etlichen Semestern keine Uni mehr von innen gesehen hat. Mit ihrer Rede attackierte Fester nicht nur die AfD. Sie brachte auch das Lebensgefühl vieler junger Menschen auf den Punkt.

Während Fester austeilte, las Alice Weidel demonstrativ im Kürschner: Das ist das rot-weiß gestreifte Informationsbüchlein, welches bei jedem Abgeordneten in einer kleinen Schublade unter dem Plenumstisch liegt und in dem von allen Parlamentariern eine Kurzbiografie zu finden ist. Auch die Geste der AfD-Fraktionsvorsitzenden war eindeutig: Wer zur Hölle beschimpft uns da gerade so lautstark? Muss man die kennen? Die Antwort lautet: Man muss sie vielleicht (noch) nicht kennen. Aber man sollte.

Fester wurde 1998 in Hildesheim geboren und zog nach dem Abitur im Jahr 2017 nach Hamburg, um dort „theatral“ zu arbeiten, wie sie sagt, nämlich als Regieassistentin im Kinder- und Jugendtheater. Beide Eltern sind Schauspieler. Dass Fester, anders als 87 Prozent der Bundestagsabgeordneten, nicht studiert hat, unterscheidet sie auf angenehme Weise vom akademischen Mainstream dort: Sie ist nicht abgehoben. Im Interview mit dem Freitag, welches ein paar Tage nach ihrer Rede über Zoom stattfindet, fragt Fester sofort: „Wollen wir uns nicht duzen?“ Und bietet dann an, sie „Milla“ zu nennen: Das ist jener Spitzname, den sie von ihren Eltern in Kindheitstagen verpasst bekommen hat und mit dem Katrin Göring-Eckardt sie ebenfalls anspricht – auch wenn sich die grüne Vizepräsidentin des Parlaments in der Anmoderation verhaspelte und Emila „Müller“ Fester zu ihrer ersten Bundestagsrede ans Pult bat.

In der sprach sich Fester für die Einführung einer allgemeine Impfpflicht ab 18 Jahren aus, weil jetzt Zeit für „Payback“ sei nach zwei Pandemiejahren. „Ihre individuelle Freiheit endet dort, wo meine beginnt!“, rief sie in Richtung einer zurückbölkenden Beatrix von Storch und sprach in diesem Zusammenhang von „kollektiver Freiheit“. Da klang Fester ein bisschen wie der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann, als dieser im Dezember in einem taz-Interview den Begriff „republikanische Freiheit“ benutzt hatte.

Eine Parteirebellin ist sie also nicht? „Es ist ja nicht so, als seien alle bei den Grünen für eine Impfpflicht“, antwortet sie auf diese Frage. Die Bundestagsabgeordnete Tabea Rösner sei zum Beispiel dagegen. Und deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine? „Kein Kommentar“, sagt Fester zu diesem Thema – über die Waffenexporte zu schweigen, scheint bei der Grünen Jugend, welcher Fester angehört, Konsens zu sein (der Freitag 10/2022). Im Parlament stimmte sie sowohl für die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes im Irak und Südsudan als auch der NATO-Operation „Sea Guardian“. Das „klare Nein zum Militarismus“, von dem Parteigründerin Petra Kelly noch gesprochen hatte, hört man jedenfalls auch von Fester nicht.

Als „Newcomerin“ will sie sich nicht bezeichnen, wurde sie doch 2016 Mitglied des niedersächischen Landesverbands ihrer Partei und nahm im Februar 2020 an den rot-grünen Koalitionsverhandlungen in Hamburg teil. Was sie in den Vertrag der Regierung von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) reingeschrieben hat? „Darüber habe ich eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterzeichnet“, erklärt Fester. Nur so viel: An den Kapiteln zu Klima und Bildung habe sie „deutlich“ mitgewirkt. Heute ist sie Mitglied in der Kinderkommission des Bundestags.

Nach ihrem Impfpflicht-Plädoyer, welches ausschnittweise in den Tagesthemen zu sehen war, wurde Fester vom Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt als „Ich-Göre“, „Rotzlöffel“ und „lächerliches Kindchen“ beschimpft. „Wir prüfen rechtliche Schritte gegen Rainer Wendt“, erklärt Fester dazu. Bei der Bundestagsdebatte am 23. März kam dann noch Matthias Helferich – jener AfD-Politiker, der sich selbst als „das freundliche Gesicht des NS“ bezeichnet hatte – um die Ecke und äffte die Grüne mit den Worten „Ich, ich, ich, ich“ nach. „Kein Wort dominierte die Darbietung von Emilia Fester letzte Woche stärker.“ In den sozialen Netzwerken erhielt die 23-Jährige sogar Morddrohungen. „Dass solche Männer Angst haben vor jungen, progressiven Frauen, kann ich gut verstehen“, sagt Fester zum rechten Shitstorm gegen sie. Und ergänzt dann lächelnd: „Wir wollen ihnen ja auch ein bisschen an den Kragen.“



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