Zynisch könnte man sagen, Corona ist dann vorbei, wenn niemand mehr darüber berichtet. Und hier gibt es Grund zur Hoffnung – nach 113 Folgen wurde nun der berühmt-berüchtigte „Drosten-Podcast“ vom NDR eingestellt. Und auch auf politischer Ebene sieht es nicht mal schlecht aus. Am Samstag laufen endlich die meisten Corona-Maßnahmen aus, der FDP sei Dank. Doch es gibt Widerstand. Während in vielen unserer Nachbarländer Corona in der Tat in Vergessenheit geraten ist, können unsere Mahner und Maßnahmen-Ultras offenbar nicht so leicht eingestehen, dass alles – außer der Wurst – auch mal ein Ende hat. Eine Glosse von Jens Berger.

Gibt es eine höhere Gerechtigkeit? Offenbar schon. Ich gebe zu, dass es mir eine Höllenfreude bereitet, wenn ich mir vor Augen halte, dass ausgerechnet der Dauer-Alarmist Karl Lauterbach nun die Aufgabe hat, den „faulen“ Corona-Kompromiss zu exekutieren, den er mit seinen Kabinettskollegen der FDP ausgeschangelt hat. Der Mann, der dem Volk am liebsten persönlich nach der fünften Booster-Spritze auch noch die FFP2-Maske am Gesicht festgetackert hätte, musste nun seinen Kollegen in den Landesregierungen, die an der Maskenpflicht und den 1-2-3-4-G-Regelungen festhalten wollten, eine Abfuhr erteilen. Das ist so, als müsste Christian Linder auf dem Ärzte- und Apothekerkongress eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 75% verteidigen oder Robert Habeck nach Katar reisen, um vor den dortigen Potentaten einen Bückling machen, um ein wenig Erdgas zu bekommen. Halt, da war doch was? Egal, wer wie ich in den letzten zwei Jahren eine tiefe Abneigung gegen Professor Seltsam entwickelt hat, muss alleine bei der Vorstellung, dass ausgerechnet er nun sowas wie einen Freedom Day umsetzen muss, mit tiefster Genugtuung schmunzeln. Dafür: Danke FDP! Das ausgerechnet die FDP es geschafft hat, einen der schlimmsten Opportunisten der Politik als solchen zu enttarnen, ist freilich ebenfalls eine seltsame Fußnote der Geschichte.

Nun muss der Deutsche – außer er lebt in Mecklenburg-Vorpommern oder Hamburg – also ab Samstag keine Maske mehr beim Einkaufen tragen und in Gaststätten und Kneipen womöglich neben Ungeimpften sitzen. Wird er das überhaupt hinbekommen? Auch freigelassene Kanarienvögel sollen ja von der neugewonnenen Freiheit eher verunsichert sein und flugs in ihren Käfig zurückkehren. Deutschlands Star-Virologen sind sich sicher, dass es auch uns so ergehen wird.

So hat Melanie Brinkmann doch tatsächlich Sorgen, dass „es passieren [kann], dass man sich [nach Abschaffung der Maskenpflicht] komisch fühlt, wenn man eine Maske trägt“. Ja, das kann sein. Zumindest ich fühle mich auch ganz ohne Abschaffung der Maskenpflicht ziemlich komisch, wenn ich mit Freunden in der Kneipe sitze und mir auf dem Weg zur Toilette aus welchem Grund auch immer eine Maske aufsetzen muss. Soll man die Maskenpflicht beibehalten, um die Opfer der Panikmache vor komischen Gefühlen zu schützen? Vielleicht können Masken-Gegner dann ja aus Solidarität eine rote Clownsnase tragen? Dann fühlen sich die Maskierten nicht mehr ganz so komisch.

Brinkmanns Kollege Dirk Brockmann findet gar, dass „Maske tragen längst zur sozialen Norm geworden ist“ und es „zu großen Unsicherheiten führen [würde], daran zu rütteln“. Herrn Brockmann sei versichert, dass dies nicht der Fall ist. Zumindest in Dänemark wirkten die Menschen auf mich alles andere als verunsichert, als man dort die Maskenpflicht abschaffte. Im Gegenteil – im Vergleich zu ihren zwangsmaskierten Nachbarn wirkten die maskenlosen Dänen auf geradezu beängstigende Weise „normal“. Aber Vergleiche mit Dänemark hinken ja, wie es Top-Virologen gerne mantrenhaft predigen. Der Däne sei schließlich geimpft. Na dann.

Wenn der Krieg in der Ukraine einen Kollateralnutzen hat, dann ist es der, dass er Corona aus den Schlagzeilen verdrängt hat. Sogar Markus Lanz soll Karl Lauterbachs Gästebett im Studio schon an Andrij Melnyk vermietet haben. In den Interviews warnen die Brink-, Brock- und Priesmänner zwar immer noch wie stets vor Rekordinzidenzen und dem jetzt aber sicher unmittelbar bevorstehenden Kollaps der Intensivstationen … nur dass das nun zum Glück keinen mehr interessiert. Die Zero-Covid-Fraktion kramt derweil einmal mehr die Kinder aus dem Hut, die ja „keine Chance auf eine Impfung hätten“ und nun dem sicheren Tod geweiht seien. Früher hätte man sich über derlei unanständige Meinungsmache noch aufgeregt. Heute zuckt man mit den Schultern. Lass’ sie doch schreiben, interessiert doch eh niemanden.

Und so marschiert Deutschland, ohne es wirklich zu merken, auf seinen Freedom Day zu – und dies auf typisch deutsche Art. Während in Großbritannien und Dänemark der Wegfall der Maßnahmen schon fast ekstatisch gefeiert wurde, grübelt der Deutsche noch, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Immerhin wurden wir doch zwei Jahre lang von schlauen Politikern und noch schlaueren Wissenschaftlern tagein tagaus vor genau diesem Tag gewarnt. Sind wir überhaupt reif für die Freiheit? Oder wäre es nicht doch besser, wir machten die Pandemie zur neuen Normalität und täten einfach so, als sei immer Corona?

Titelbild: Vadym Pastukh/shutterstock.com



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