A

Anziehen Um Mode ging es gerade bei den Fashion Weeks eher weniger, dafür um Botschaften: Models mit weiten schwarzen T-Shirts, auf denen „Ukraine“ stand, „Gewissen“ oder „Liebe“, liefen auf und ab. Bei der Balenciaga-Show in Paris lagen blaue und gelbe T-Shirts auf den Zuschauersitzen, der georgische Chefdesigner hatte die Vorführung mit einem ukrainischen Gedicht begonnen. Hingegen wird in „normalen“ Zeiten darüber debattiert, welche Teile sich im kommenden Frühling für den Sandwich-Trick eignen. Gemeint ist die von Influencerinnen wild beschworene Kombinationsregel, die besagt, dass das Kleidungsstück, das dem Kopf am nächsten ist, in derselben Farbe wie die Schuhe gewählt werden soll. Was dazwischen getragen wird, ist fast egal. Schwarze Stiefel – schwarze Mütze. Ein Prinzip, auf das man zunehmend auch in Feedbackgesprächen setzt (➝ Lob). Der modebewusste Ex-Fußballer und -Nationalspieler Lothar Matthäus hielt sich in Stilfragen vor allen Dingen an ein Gesetz, das er aus seiner Zeit bei Inter Mailand mitbrachte: „Die Schuhe müssen immer zum Gürtel passen.“ Maxi Leinkauf

B

Brotkunst Kunst zum Reinbeißen macht die US-amerikanische „Sandwich Artist“ Brittany Powell, die Brote derart belegt, dass sie uns an Klassiker der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts erinnern. Christo, Hirst, Pollock, Mondrian, Duchamp, Johns, Klimt, Rothko, O’Keeffe: Sie alle hat Powell zu Sandwiches verarbeitet, indem sie deren Werke mit Brot und Belägen nachstellt. „Low-Commitment Projects – Making stuff happen with little time and energy“ nennt sie solche spontanen Projekte, die im Netz für Aufmerksamkeit sorgen. Zwar merken Kenner an, dass Mondrian niemals solches Grün ( Gurkensandwich) benutzt hätte, dennoch macht das Mondrian-Toast nicht nur ästhetisch Appetit. Die belegten Brote sind allerdings nicht zum Kauf bestimmt: Sie werden von der Künstlerin abends gegessen. Sicher, es gibt üppiger belegte Sandwiches, zumal jenes von Christo auch noch verpackt ist. Dennoch: Mit einem Toastbrot und zwei Scheiben Käse einen Rothko zu produzieren – gar keine schlechte Idee. Marc Peschke

E

Erdnussbutter 190 Gramm Fett. 56 Gramm Kohlehydrate. Der Plastikbehälter (➝ Fernweh) mit dem roten Schraubverschluss hat es in sich. Gesund ist das nicht. Trotz Protein und Vitamin E. Aber lecker. Millionen Amerikaner wissen das und bestreichen lappiges Weißbrot mit dem hellbraunen Zeug, das gerne an den Zähnen kleben bleibt. Auch bei uns wird Erdnussbutter, wie die Creme aus den Früchten der Arachis hypogaea fälschlich heißt, immer populärer. Ob crunchy oder creamy, in Kombination mit Putenbrust, Frischkäse und Chutney verleiht sie selbst ödem Industrietoast kulinarisches Potenzial. Legendär ist ein Elvis Presley zugeschriebenes Rezept mit Bananenscheiben, Honig und gebratenem Speck. Dass es sich um seine letzte Mahlzeit handelte, ist ein Gerücht. Vor seinem Tod verzehrte Elvis Eiscreme und Schokokekse. Joachim Feldmann

F

Fernweh Ich erinnere mich gerade öfter an die Zeit, in der ich regelmäßig auf Reisen war. Als Kind und als Jugendliche saß ich zum Beispiel wöchentlich im Zug zwischen Hamburg und Berlin. Manchmal wurde ich von einem Elternteil auch im Auto gefahren. Unabhängig vom Fortbewegungsmittel stellte sich immer die Frage nach dem Reiseproviant. Zu meinem großen Unglück war meine Mutter eine der ersten Bio-Muttis. Und deshalb gab es bei uns das sehr wertvolle und sehr widerliche Roggenbrot. Wenn wir verreisten, allerdings nicht. Oft kauften wir dann nämlich Tankstellen-Sandwiches (googeln Sie mal, den Begriff gibt es tatsächlich). Viele werden Sie kennen. Bei diesen in Zellophan verpackten Sandwiches mit Plastikbelag ist der Geschmack sowieso zweitrangig, es geht mehr um ein Gefühl.

In der Lockdown-Zeit hatte ich häufig Fernweh und habe ab und zu ein Tankstellen-Sandwich in der Sonne gegessen ( Sandwichmaker). Das war fast so, wie auf Reisen zu sein. Zumindest hat es sich angefühlt wie eine der Pausen an der Raststätte Ostetal Nord. Clara von Rauch

G

Gurkensandwich Zwei entrindete Weißbrotscheiben, gebuttert, mit dünn geschnittener grüne Gurke, zusammengeklappt – und fertig. Kein pappiges Toastbrot aus der Plastiktüte bitte, sondern frisch gebackenes Kastenbrot (notfalls vom Bäcker). Die Butter (➝ Erdnuss) muss streichfähig sein, empfohlen wird die irische. Die Gurke pfeffern und salzen und vielleicht ein kleines Pfefferminzblatt drauf. Das Brotquadrat in zwei Dreiecke teilen. Das soll das legendäre englische „cucumber sandwich“ sein, das selbst bei der Queen zum „five o’clock tea“ nicht fehlen darf? Da denke man sich einen festlich gedeckten Tisch hinzu und Gäste, die ihre Tassen niemals mit zwei Händen halten. Auf einer klassischen dreiteiligen Etagere liegen die Sandwiches – auch mit Roastbeef, Lachs oder Cheddar-Käse – unten, in der zweiten Etage duften frisch gebackene Milchbrötchen (Scones) mit Konfitüre und Clotted Cream und oben als Krönung allerlei Patisserie, Pralinen und Desserts. Es ist das Ambiente, das dem simplen Sandwich Raffinesse gibt. Statt Butter ist natürlich auch Frischkäse möglich. Das Brot kann auch getoastet sein. Ich mag Gurkenscheiben sowieso lieber auf Vollkornbrot. Doch das ist dann nicht mehr „original british“. Irmtraud Gutschke

L

Lob Toll gemacht, Sie haben es auf die letzte Seite dieser Zeitung geschafft, das finde ich wirklich großartig! Allerdings wird Ihnen sicher aufgefallen sein, dass es noch eine Menge anderer schöner Texte in dieser Ausgabe gibt, die Sie einfach überblättert haben. Wenn Sie auf die auch noch einen Blick werfen könnten, wird das Ihre ohnehin sehr gute Lese-Erfahrung noch steigern, ganz sicher! Kommt Ihnen meine Sprache bekannt vor? Dann sind Sie bestimmt schon einmal „Opfer“ der sogenannten Sandwich-Methode geworden (Anziehen). Es handelt sich dabei um eine Gesprächstechnik, die vor allem bei der Personalführung und im Verkauf angewendet wird. Eine negative Rückmeldung wird in Lob verpackt.

Die Methode eignet sich auch für konfrontative Gespräche mit den Eltern und Freunden, mit dem Partner, der Partnerin oder sogar mit Kindern. Sie funktioniert so: Zwischen zwei lobende Aspekte einer Sache (siehe oben) wird sanfte Kritik eingefügt. Die Freude über das anfängliche Lob und der weiche Abgang zum Schluss kaschieren, dass der maßgebliche Punkt ein kritischer ist. Angesprochene gehen also idealerweise glücklich aus dem Gespräch heraus, obwohl sie gerade gemaßregelt wurden. Und jetzt bitte noch mal zurückblättern zu unseren ungelesenen Perlen, ja? Konstantin Nowotny

M

Mittelklasse Bis in die 1970er, 1980er hinein funktionierte in der Bundesrepublik der Fahrstuhl nach oben noch ganz gut. Aufstiegshoffnungen, geregelte Einkünfte, wachsendes Vermögen – die Mittelklasse war ein Garant gesellschaftlicher Stabilität. Doch zunehmend tiefer wurde die Kluft zwischen Arm und Reich. Schleichend begann der Abschied vom traditionellen Wohlfahrtsstaat. Dass jeder für sein eigenes Fortkommen selbst verantwortlich sei, dieses Credo des Neoliberalismus bedeutete den Abschied von gesamtgesellschaftlicher Verantwortung (➝ Zwei Beine). Die einst starke Mittelklasse – Arbeiter, Angestellte, Handwerker, Akademiker – gerät in eine „Sandwichposition“ zwischen Oben und Unten, wie es der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem wegweisenden Buch Das Ende der Illusionen ausdrückt, und wird dezimiert. Man strampelt sich ab, um den Lebensstandard wenigstens zu halten, und viele rutschen ab in die Unterschicht. Die neue akademische Mittelklasse der Kreativen und Hochqualifizierten unterliegt umso mehr diesem Druck. Durch kulturelles Kapital entsteht ein Gefühl des Abgehobenseins, das über die prekäre ökonomische Lage hinwegtäuscht. Irmtraud Gutschke

S

Sandwichmaker Es zischelt aus meiner Küche, während ich das hier schreibe. Es ist mein wievieltes Gerät dieser Sorte … Dieses sprang mich beim Drogeriediscounter an. Und ich wurde wieder schwach und düste mit Klapprad und ihm in der Jutetasche durch den Regen nach Haus, um mir gleich ein Sandwich der gustatorischen Lustklasse zu basteln. Stecker rein, nicht mal einen Schalter braucht er, um anzuheizen. Und dann macht der Sandwichmaker viele schöne Dinge gleichzeitig: Er presst mein Sandwich in die richtige Form, fabriziert Vorfreude-Sound, wenn der Käse in der Hitze zischelt, und Kross-Taste. Jan C. Behmann

Schinkenbaguette-Index Auch dafür soll das Baguette noch herhalten? Jenseits von Savoir-vivre geht es diesmal um raue ökonomische Wirklichkeit. Genauer gesagt, um das Jambon-Beurre, das die Franzosen so lieben, ein belegtes Baguette mit Butter und Schinken. Weil es so populär ist, hat das Marktforschungsinstitut Gira Conseil den „Jambon-Beurre-Index“ eingeführt: Am Preis des Baguettes wird gemessen, wie es um die Kaufkraft der Franzosen steht. Der Preis variiert stark, so wie das Einkommen: In Paris sind es um die vier Euro, in der Provinz etwas über zwei. Auf dem Land gehen die Leute gleich in den Supermarkt (75 Cent). Maxi Leinkauf

U

Ursprung In einer Adelslaune hat das Sandwich seinen Ursprung – und in der Leidenschaft für das Kartenspiel, so heißt es. John Montagu, der vierte Earl of Sandwich, lebte im 18. Jahrhundert in England. Er soll ein begeisterter Kartenspieler gewesen sein und hasste es, diese zum Einnehmen seiner Mahlzeiten wegzulegen. Darum ließ er sich Essen zwischen zwei Brotscheiben reichen. So hatte er eine Hand frei zum Kartenhalten. Ein Mitspieler soll darum gebeten haben, auch so ein „Brot wie Sandwich“ zu erhalten. Das Sandwich war geboren. Eine andere Herkunftslegende widerspricht dem spielerischen Ursprung. Ihr zufolge sei der Graf eher ein Workaholic gewesen, der seine Arbeit am Schreibtisch nicht zur Nahrungsaufnahme unterbrechen wollte. Also klemmte er Fleisch zwischen Brotscheiben und konnte am Schreibtisch speisen und schreiben. Welche Geschichte stimmt, ist ungewiss. Immerhin scheint das Sandwich tatsächlich auf den Earl zurückzugehen. Im 19. Jahrhundert hat sich diese Speise als fester Bestandteil der englischen Teekultur etabliert (Gurkensandwich). Tobias Prüwer

Z

Zwei Beine Ohne sie wäre der öffentliche Raum ärmer: Menschen, die zwischen zwei Werbetafeln gepackt (oder mitunter auch Pfeile artistisch herumwirbelnd) für Geschäfte werben und auf Sonderangebote aufmerksam machen. „Sandwich Men“ nannte Charles Dickens diese Werbeträger im wörtlichen Sinn. Ihre Geschichte nimmt im London der 1820er Jahre so richtig an Fahrt auf, als die Flächen für Plakate immer knapper werden und die Steuern auf fest angebrachte Plakatwerbung steigen. Seitdem führen die „Sandwich Men“ ihr zweischneidiges Dasein. Einerseits haftet den zwischen zwei Werbetafeln Eingequetschten eine gewisse Tristesse an, andererseits illustriert genau das auch die Kälte des Neoliberalismus ( Mittelklasse). Im Zweifel ist der Mensch eben Schild. Benjamin Knödler



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