Am 19. März trat die ukrainische Gemeinde im südbrasilianischen Curitiba ein zweites Mal seit Ende Februar zu einer Protest-Kundgebung gegen den militärischen Überfall Russlands auf die Ukraine zusammen. Der Versammlungsort konnte nicht symbolischer sein, es war der klassizistische Vorbau der staatlichen Universität Paranás mit seiner renommierten Fakultät der Rechtswissenschaften, von wo aus die Demonstranten in die vielbevölkerte Innenstadt zogen und „Frieden in der Ukraine!“ forderten. Was ist relevant an einer Kundgebung in einem 11.500 Kilometer von der Ukraine entfernten Ort? Die Kundgebung an sich kaum, der Ort jedoch allenfalls, denn die 2,5-Millionen-Einwohner-Metropole ist Landeshauptstadt des Bundesstaates Paraná, der die drittgrößte ukrainische Migranten-Gemeinde im Ausland beherbergt. Von Frederico Füllgraf.

In Curitiba werden die Proteste von den ukrainischen Kirchen, Kulturvereinen (Subras und Poltava Club) und der ukrainisch-brasilianischen Zentralvertretung organisiert. Der Vorsitzende des letztgenannten Verbandes, Anwalt Vitório Sorotiuk, hatte zuvor in Brasiliens einflussreichstem privaten TV-Sender Globo die Invasion als „grausame und brutale Aggression Russlands“ bezeichnet, „die die gesamte Menschheit betrifft“.

Die drittgrößte Gemeinde der weltweiten ukrainischen Diaspora

Die politisch-ideologische Wandlung Sorotiuks, der dem Autor seit Jahrzehnten persönlich bekannt ist, spricht Bände über die mehr als ein Jahrhundert alte Entfremdung der Ukrainer und ihrer Nachkommen in der Emigration gegenüber Russland. Als ehemaliger Linker, der die brasilianische Militärdiktatur (1964-1985) im Untergrund bekämpfte, von ihr verfolgt wurde, im Chile Salvador Allendes Zuflucht fand und nach seiner Rückkehr sich in den 1980er Jahren in Curitiba am Aufbau von Luiz Inácio Lula da Silvas Partei der Arbeiter (PT) beteiligte, erlebte Sorotiuk während seines ersten Besuchs in der post-sowjetischen Ukraine der späten 1990er Jahre das plötzliche Aufflammen seiner bis dahin verdrängten ukrainischen Wurzeln. Seitdem distanzierte er sich zunehmend von „linker Denkweise“, die ohnehin in sämtlichen konservativ geprägten Emigranten-Gemeinden europäischen und außereuropäischen Ursprungs in Brasilien eine klare Ausnahme bildet.

Das Umfeld der Einwanderer und ihrer Nachkommen ist gewaltig in Brasilien, mit mehr als 50 Millionen Mitgliedern nimmt es nahezu ein Viertel der Gesamtbevölkerung ein. Gemessen an ihrer Anzahl wird die Szene von 30 Millionen Nachkommen italienischer Einwanderer angeführt, gefolgt von 12 Millionen arabischer, vor allem syrisch-libanesischer Herkunft, und an dritter Stelle von 5 Millionen Brasilianern deutscher Abstammung. An vierter Stelle rangieren etwa 1,8 Millionen Nachkommen polnischer und ebenso so viel japanischer Einwanderer. Mit ihren 600.000 Abstammenden gehören die Ukrainer zu einer der kleineren Emigranten-Gruppen, gelten jedoch nach den USA und Kanada als die drittgrößte Gemeinde der weltweiten ukrainischen Diaspora. Ihr kultureller Einfluss im Lande reicht bei weitem nicht an den der italienisch- oder deutschstämmigen Gemeinden heran, sie brachte jedoch einzelne renommierte Künstler hervor, wie die aus jüdischem Elternhaus in der Ukraine stammende und mehrsprachig übersetzte Schriftstellerin Clarice Lispector, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Brasilien ausgewanderte Dichterin Vira Vovk sowie den mehrfach preisgekrönten und wie Lispector inzwischen verstorbenen Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzenten Héctor Babenco.

Doch so vehement auch Sorotiuk den Überfall auf die Ukraine als „brutale Aggression Russlands“ verurteilte, so zurückhaltend verhielten sich die von ihm koordinierten Brasilien-Ukrainer gegenüber dem Aufruf des ukrainischen Außenministers Dmytro Kuleba. Der hatte bereits Ende Februar für die Beteiligung von Freiwilligen an den kriegerischen Auseinandersetzungen geworben. Dem in sämtlichen sozialen Netzwerken mit Nachdruck veröffentlichten Aufruf des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte folgten bis Mitte des laufenden Monat März weltweit angeblich 20.000 Freiwillige. In Brasilien mobilisierte er vielmehr die rechtsradikale Szene rund um das regierende Bolsonaro-Regime, dessen Putin-freundliche Erklärung allerdings große Verwirrung nicht nur unter seinen Anhängern stiftete. Verwirrung herrscht auch innerhalb Brasiliens Linken, von denen ein Teil in Sachen Ukraine-Konflikt zum ersten Mal seit der Amtsübernahme des faschistoiden Staatschefs mit ihm ins selbe Horn bläst.

Die Stimmung in der ukrainischen Szene in Brasilien wird indes von anderen, historisch gewachsenen Umständen beeinflusst, die ihre Subjektivität und Kultur prägen. Dazu gehören die Orthodoxe Kirche und Elemente des ukrainischen Nationalismus, der dem Widerstand gegen die seit Jahrhunderten von europäischen Monarchien und unzähligen Kriegen vorangetriebene ethnische und geographische Spaltung des Landes entsprang.

Ende des 19. Jahrhunderts: Flucht vor der Armut in Galizien

Die Mehrheit der ukrainischen Nachfahren in Brasilien stammt zum Beispiel von Einwanderern ab, die 1895 in beachtlicher Anzahl im Hafen von Paranaguá an Land gingen, nachdem sie aus dem westukrainischen Galizien flüchteten, das damals vom Österreich-Ungarischen Königreich beherrscht wurde. Im 19. Jahrhundert war Galizien eine verarmte, wirtschaftlich unterentwickelte Agrarregion. Gegen 1890 hatte dort ein Bauernhof im Durchschnitt die Ausmaße von maximal 2,4 ha. Mit dem Bevölkerungs-Wachstum schien die Bodenverfügung zu verknappen und bildete einen enormen Anreiz zur Auswanderung.

Angelockt durch dubiose Versprechungen der brasilianischen Regierung von billigem Land, das jedoch mehrheitlich von Jahrtausende altem, zu rodendem Urwald bewachsen war, strömten 20.000 Landlose und Kleinbauern nach Südbrasilien. Der Exodus wurde auch von falschen Hinweisen angeheizt. Zum Beispiel durch das Gerücht, Rudolf, Kronprinz von Österreich, sei nicht gestorben, sondern nach Brasilien ausgewandert, wo er treu ergebene ukrainische Einwanderer willkommen heißen würde.

Die brasilianische Regierung war an einer Ausweitung der europäischen Besiedlung interessiert. Nach der Aufhebung der Sklaverei (1888) prägte zwischen 1889 und 1914 die eugenistische Ideologie der sogenannten „Branqueamento“ („Rassenaufhellung“) die Staatsdoktrin. Mit rassistischer Ausgrenzung der Afrobrasilianer als nun „freie“ Arbeitskräfte wurden sie durch weiße EinwandererInnen ersetzt. Doch der Umgang mit den Emigranten war ebenso von kolonialer Arroganz und Indifferenz gekennzeichnet. Bis 1914 waren zwischen 15.000 bis 20.000 Ukrainer eingetroffen, die unter schwierigsten Arbeitsbedingungen für den Bau des ersten, über 1.000 Kilometer langen Eisenbahn-Schienenweges von São Paulo über Paraná nach Rio Grande do Sul rekrutiert wurden.

Noch schlechter erging es ihren Landsleuten, die brachliegendes Land fernab der Zivilisation beackern sollten. Die Siedler waren mit dem fremden Klima und seiner Bewirtschaftung nicht vertraut, erlagen ohne medizinische Grundversorgung tropischen Krankheiten und erlitten zahlreiche Todesfälle. Ihre Pein sprach sich landesweit herum und wurde vom ukrainischen Dichter Ivan Franko zum Thema einer Gedicht-Reihe mit dem Titel „Nach Brasilien“ verarbeitet. Nachdem sich die Unglücks-Botschaft in der gesamten Westukraine verbreitet hatte, ging der Zustrom ukrainischer Auswanderer nach Brasilien erheblich zurück. Zunächst wurde Brasilien durch Kanada als Auswanderungs-Hauptziel ersetzt und nahm erst nach dem Ersten Weltkrieg, insbesondere als Folge der Russischen Revolution von 1917, wieder zu.

Diese südbrasilianischen Siedlungen wären von modernen Gebieten der Wirtschaft und von Nicht-Ukrainern isoliert und ähnelten in vielerlei Hinsicht stark galizischen (westukrainischen) Dörfern des 19. Jahrhunderts, urteilte der ukrainisch-kanadische Historiker Orest Subtelny in seinem Buch „Ukraine: A History“ (University of Toronto Press, 2000). Seine Einschätzung war übertrieben. Wahrscheinlich deshalb, weil er sie niemals vor Ort besucht und ihre Entwicklung und Integration recherchiert hatte.

Von eindrucksvollen Wasserfällen umrandet und 200 Kilometer von der Landeshauptstadt Curitiba entfernt ist die Stadt Prudentópolis mit ihren 38.000 Nachfahren der Einwanderungs-Pioniere (circa 75 Prozent der Stadtbevölkerung) ein eloquentes Beispiel des mehr als ein Jahrhundert alten und zähen Integrationsversuchs der Ukrainer in der ehemaligen südbrasilianischen Urlandschaft. Wenngleich ländlicher, ärmer und mit weniger Organisationsstruktur als die ukrainischen Gemeinden Kanadas und der USA, macht der Integrationsversuch deutlich, dass die Römisch-Katholische, vor allem jedoch die Orthodoxe Kirche hier als Hauptmotor der kulturellen Identität wirkte.

Unter dem Einfluss der dissidenten Patriarchen

Die Mehrheit der galizischen Ukrainer gehörte der Ukrainisch-Griechisch-Katholischen Kirche an. Die verheirateten Priester, die über eine formale Hochschulbildung via Studium an Seminaren in Wien und Lemberg (Lwiw) verfügten, galten als die „gebildete soziale Elite“ der ukrainischen Gemeinde in Galizien und beherrschten das soziale, politische und kulturelle Leben. Die galizische Aristokratie entstammte jedoch größtenteils der polnischen Ethnie, gegen deren Assimilationspolitik sich ukrainische Priester und Bauern widersetzten. Dieser aufkeimende Patriotismus fand seine Ergänzung in den vielfachen politischen Strömungen des ukrainischen Nationalismus, von lokalen Bolschewiken bis zu den Faschisten um Stepan Bandera, der noch im Jahr 2018 in Lwiw mit einem Denkmal als „Nationalheld“ gefeiert wurde.

Die nach Brasilien ausgewanderten Ukrainer folgten dem byzantinischen – auch griechisch, orientalisch oder ruthenisch genannten – Ritus, waren aber durch Jurisdiktionen getrennt. Zum einen in die griechisch-katholischen Orthodoxen, die die überwiegende Mehrheit bildeten. Zum anderen als Minderheit der Ukrainisch-Autokephalisch-Orthodoxen Kirche unter der Autorität des Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel.

Die einflussreichste religiöse Strömung in den ukrainischen Gemeinden Brasiliens ist die Ukrainisch-Orthodoxe Eparchie Südamerikas, die dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel untersteht und von etwa 85 Prozent der Ukrainer Brasiliens befolgt wird.

Obwohl die meisten brasilianischen Ukrainer seit vier bis fünf Generationen in Brasilien leben und nur wenige jemals die Ukraine besucht und erlebt haben, bewahren sie ihre Sprache und Kultur vor allem im Hinterland Südbrasiliens, wo 90 Prozent der Gottesdienste in ukrainischer Sprache abgehalten werden. Doch aufgrund ihrer jahrzehntelangen Isolation vom Mutterland, insbesondere während der Sowjetherrschaft, sprechen die Ukrainer Brasiliens eine 100 Jahre alte Form des galizischen oder „oberdnjestrischen“ Dialekts.

Sprache, Vereinsleben und kulturelle Identität, dies sei, so der ukrainische Publizist Dmytro Yatsuk, größtenteils „den kolossalen Bemühungen der ukrainischen Kirchen zu verdanken“. Ohnehin seit 2019 in zwei Strömungen – die Russland-Orthodoxen und die Kiew-Orthodoxen – gespalten, erlebt die Orthodoxe Kirche der Ukraine, jedoch auch Russlands, ihre tiefste Erschütterung, seitdem Patriarch Kirill in Moskau den Überfall auf die Ukraine guthieß; eine Billigung, die auch die Kirche in der Diaspora empörte.

Der historische Haken und somit ungelöste Widerspruch der ukrainischen Gemeinden wie der Curitibas ist wohl, dass sie einerseits (und zu Recht) den Millionen Opfern des, aus ukrainischer Sichtweise, in den 1930er Jahren von Josef Stalin gewaltsam verordneten Holodomor-Massenhungers ein Denkmal errichteten. Doch selten, wenn überhaupt, machten sie auch die massenhafte ukrainische Kollaboration mit Hitlers Nazi-Truppen und ihre Beteiligung an Kriegsverbrechen, insbesondere an der Judenvernichtung, zum Thema. Damit wäre eine von Grund auf verständliche und redliche Aufarbeitung des ukrainischen Nationalismus erreicht, der seine Ursprünge in der spalterischen Herrschaft der zentraleuropäischen Monarchien, des russischen Zaren-Imperiums, in den stalinistischen und national-sozialistischen Verbrechen sowie in der sowjetischen Bevormundung und Bedrohung hat.

Titelbild: Donatas Dabravolskas/shutterstock.com





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