Es ist nicht ausdrücklich verboten, aber riskant, ein solch persönliches Kriegsprotokoll zu führen. Wer dabei militärische Fakten notiert – Truppenstärke, Frontverläufe, Angriffspläne –, muss mit Strafe rechnen, mit Militärarrest oder gar Kriegsgericht. Der 17-jährige Konrad Wolf, ein deutscher Emigrant in der Roten Armee, wird das gewusst haben. Doch kann er dem Wunsch nicht widerstehen, mal Tag für Tag, dann erst wieder nach Monaten, in kleinen schwarzen Heften festzuhalten, was ihm widerfährt auf seinem Weg durch den Krieg, der ihn so erschöpfen und erdrücken kann, dass er am 20. Oktober 1943 seinen 18. Geburtstag vergisst.

Wurde lange nichts notiert, gelobt er Besserung und schreibt: „Genosse Tagebuch, ich bin ein Schwein, wie konnte das passieren?“ Ein erster Eintrag datiert vom 20. März 1943, entstanden in einer Truppenunterkunft am Schwarzen Meer. „Gegen elf Uhr, eine Detonation, dann eine zweite, das widerwärtige Pfeifen der Bomben war zu hören. Die Fenster flogen auf, alles bebte, über den Häusern Wolken von Staub und Rauch. Links der Straße lag ein Soldat mit zerfetztem Leib. Der Chef sagte, an mich gewandt: ‚Ja, Konrad, das ist der Krieg.‘ Ich sah es selbst, dass dies der Krieg war … Meine Stimmung sank nach diesem Augenblick jäh.“

Konrad Wolf geht an die Front wie alle in seinem Alter aus dem Moskauer Arbat-Viertel, die er aus der Schule oder Nachbarschaft kennt. Er spricht besser Russisch als Deutsch, ist der Sohn des Arztes und Dramatikers Friedrich Wolf und am 5. September 1936 als Elfjähriger zusammen mit den Eltern und seinem Bruder Markus aus dem Deutschen Reich ausgebürgert worden. Da liegen erste Stationen des Exils bereits hinter ihm, in der Schweiz und auf der französischen Kanalinsel Île de Bréhat. Im April 1934 folgt Moskau, wo der Vater, dessen Stücke in der Sowjetunion viel gespielt werden, eine Zweizimmerwohnung in der Nishni-Kislowski-Gasse am Arbat beziehen kann, seinerzeit fast ein Luxus. „Koni“, wie sie ihn zu Hause rufen, oder „Kolja“, wie er für die Moskauer Freunde heißt, lernt an der Karl-Liebknecht-Schule und gewöhnt sich an das eintönige Schulessen, an Buchweizen-Kascha oder Milch-Kissel. Im Frühjahr 1935 begleitet er seine Mutter „Meni“ Wolf eher zufällig ins Filmatelier und kommt gleich zu einem kleinen Auftritt in Gustav von Wangenheims antifaschistischem Spielfilm Kämpfer, der vom Schicksal des bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff erzählt. Zu Unrecht beschuldigt, in den Reichstagsbrand verwickelt zu sein, fährt Dimitroff im Prozess Ende 1933 Hermann Göring, dem „Kronzeugen“ des NS-Regimes, derart in die Parade, dass der vor Wut die Fassung verliert.

Sowjetunion wird zum Vaterland, das Konrad Wolf verteidigen will

„Koni“ steht auf dem Roten Platz, als die in der Arktis geborgene Besatzung des gesunkenen Polarschiffs Tscheljuskin gefeiert wird, die wochenlang auf einer Eisscholle überlebt hat. Und er wartet mit Tausenden auf die aus dem Spanischen Bürgerkrieg geretteten Kinder, die „No pasarán“ rufen, als sie aus dem Zug steigen. Anfänglich eine Zuflucht in der Fremde, wird die Sowjetunion zum Vaterland, das er verteidigen will, als nach dem deutschen Überfall vom 22. Juni 1941 Barbarei und Untergang drohen. Anfang 1943 lenkt ihn der erste Marschbefehl zur Transkaukasischen Front in die Politische Abteilung der 47. Armee. Er hat Flugblätter zu verfassen und Texte zu schreiben für Lautsprecher-Durchsagen über die Front hinweg, Kriegsgefangene zu verhören und Briefe aus Deutschland zu sichten, die man bei Gefallenen gefunden hat. Nachts hört er Feindsender ab und liest Gogol. Ihm sei „eine ernsthafte Arbeit“ anvertraut, vermerkt er im Tagebuch, da heiße es, „nicht zu versagen, sonst riskiert man seinen Kopf“.

Unterleutnant Wolf ist schweigsam, zurückhaltend, oft verschlossen, kein Draufgänger, unglücklich verliebt in Nina, von der er sich am Jaroslawler Bahnhof in Moskau verabschieden wollte, als es zur Front ging, die ihn aber versetzt hat. „In den letzten Tagen überkam mich eine solche Schwermut, ich weiß selbst nicht, woher. Ich sehne mich nach Zärtlichkeit, nicht einfach menschlicher Zärtlichkeit, sondern der eines Mädchens, kurz: danach, Ninotschka wieder zu umarmen … Na, Kopf hoch, Freund, nicht verzagen, wir werden siegen und sie umarmen, unbedingt umarmen und küssen, damit sie fühlt, dass ich alles nur für sie durchgemacht habe.“

Am 11. April 1943 passiert sein Verband die Bahnstation Beloretschenskaja bei Rostow am Don. „Jeder Telegrafenmast ist umgestoßen, jede kleine Brücke gesprengt, die Häuser sind ausgebrannt, überall Trümmer von Fahrzeugen, Waggons, Lokomotiven“, heißt es im Tagebuch. „Die Einwohner erzählen schreckliche Dinge von den Deutschen. Es ist einfach unglaublich, dass Menschen zu solchen Bestialitäten fähig sind. Das Wort ‚Deutscher‘ wird im Volk als Schimpfwort gebraucht. Damit wird den Kindern gedroht.“ Am 29. August 1943 vernimmt Wolf einen abgeschossenen deutschen Fliegerleutnant und resümiert: „Frech bis zum Gehtnichtmehr. Ich sah ihm nur ins Gesicht, und schon zuckten die Hände, mit solcher Verachtung sah er einen an. Ein Faschist bis ins Mark. Auf ihn hat die Goebbels-Propaganda so tief gewirkt, dass das Einzige, was man meines Erachtens mit ihm machen kann, Erschießen ist.“

Heimkehr in sowjetischer Uniform

In den Streitkräften der USA, der UdSSR und Großbritanniens wie der französischen Résistance kämpfen im Zweiten Weltkrieg nicht viele Deutsche, nur knapp 3.000, die wie Konrad Wolf ihr Leben einsetzen und nach dem Krieg von einst willfährigen Mitläufern des NS-Regimes als „Verräter“ geschmäht werden. „Achtung, deutsche Soldaten, bevor wir einen Bericht über die Lage an der Front geben, fordern wir euch auf, nicht zu schießen. Hört mich an, habt Vertrauen. Ich bin Deutscher“, ruft er aus dem Schützengraben auf die andere Seite – am Dnepr, in Wolhynien, vor Warschau, an der Oder. „Deutsche Soldaten, eure Lage ist hoffnungslos, wartet nicht, handelt. Widerstand heißt Tod, Gefangenschaft heißt Leben und Rückkehr zur Familie!“ Schüsse sind die Antwort, Überläufer selten.

Es gibt Meetings in der Roten Armee, die Wolf verlassen muss. Weil er in diesem Augenblick doch nicht dazugehört? „Alles in mir hat gekocht“, schreibt er sich den Zorn von der Seele. „Womit habe ich solches Misstrauen verdient, ich weiß es nicht, und das nach über einem Jahr in der Einheit.“ Er will das Tagebuch für immer zuschlagen, dann aber „nicht ganz aufgeben“. So ist überliefert, wie sehr er Gogol dafür bewundert hat, die Atmosphäre einer Sommernacht zu beschreiben. Im Juli 1943 wird er nahe Charkiw daran erinnert. „Ein dunkelblauer Himmel mit Millionen heller Sterne, ein angenehm kühler leichter Wind weht den Wohlgeruch der Steppe herbei, irgendwo singen ukrainische Mädchen ein schwermütiges Lied.“ Plötzlich erhellen keine Sterne, sondern grelle Lichter die Gegend und stürzen herab, als sollten sie die Erde verbrenne. „Leuchtkugeln … da habt ihr eine Nacht wie bei Gogol, aber eine, die den Krieg atmet.“

Der ist noch längst nicht vorbei, als sich die Rote Armee Anfang 1945 der Oder nähert. Für den 19-jährigen Konrad Wolf der Rückweg in ein Land, das er mit acht verlassen hat – eine Heimkehr in sowjetischer Uniform. Er sieht Straßen mit deutschen Schildern und Parolen vom Endsieg an sich vorüberziehen. Das ist deine Heimat, sagt man ihm. Heimat schon, aber nicht das Vaterland, entgegnet das Tagebuch. „Das Sowjetland, der Sowjetstaat, die sowjetischen Menschen sind für mich unverzichtbar, ohne sie kann ich ebenso wenig sein wie ohne Luft“, so eine der letzten Notizen, aufgeschrieben am 18. März 1945, bevor die Eintragungen knapp einen Monat später mitten im Satz abreißen, geschuldet dem Sprung aufs Fahrzeug vor dem Sprung über die Oder.

Zwar kehrt Wolf nach dem Krieg nochmals für Jahre nach Moskau zurück, um am Filminstitut WGIK Regie zu studieren, doch geht er 1954 endgültig in die DDR und wird für die DEFA 15 Spielfilme drehen, darunter Ich war neunzehn. Sein persönlichstes Werk, auch weil es auf Episoden aus dem Tagebuch zurückgreift, das noch nie ganz veröffentlicht wurde.



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