Auf einmal ist Krieg, und Deutschland stellt fest, dass es rund die Hälfte von dem Gas und der Kohle, die es verbraucht, und ein Drittel seines Erdöls aus Russland bezieht. Also fragen viele: Können wir auf diese Importe verzichten? Der Energieexperte Matthias Huber sieht das kritisch: Vor allem russisches Gas lasse sich schwer ersetzen. Ein Umsteuern, so Huber, sei dennoch möglich. Mit welchen Instrumenten könnte Deutschland dem Ziel der Energie-Unabhängigkeit von Russland näher kommen?

der Freitag: Herr Huber, 55 Prozent unseres Erdgases, 46 Prozent unserer Steinkohle und 34 Prozent unseres Mineralöls kommen aus Russland. An diesen Importen klebt nun Blut. Können wir uns schnell davon lösen?

Matthias Huber: Bei Kohle und Öl ist das machbar. Da gibt es viel Angebot auf dem Markt, und beides kann relativ einfach transportiert werden. Da könnten wir, Pi mal Daumen, bis Endes des Jahres von Russland unabhängig sein. Aber Gas? Viel schwieriger. Wir können ja nicht einfach auf die Schnelle eine Pipeline durch den Atlantik ziehen, um Erdgas von den USA bis nach Europa zu kriegen.

Was ist mit Schiffstransport?

Ja, das ginge. Erdgas wird flüssig, wenn man es auf minus 160 Grad runterkühlt. In dieser flüssigen Form könnten wir es tatsächlich aus den USA importieren. Aber es ist fraglich, ob wir so schnell die dafür notwendigen LNG-Terminals gebaut kriegen. In Deutschland gibt es bis heute kein einziges solches Terminal.

Wirtschaftsminister Robert Habeck war gerade in Katar und hat eine „langfristige Energiepartnerschaft“ vereinbart. Jetzt liefern die uns bald das Flüssiggas?

Ja, sieht so aus. Und als Notlösung ist das akzeptabel. Aber wennwir ehrlich sind, ist das jetzt auch keine lupenreine Demokratie …

Norwegen aber schon. Und der dortige Gaskonzern Equinor hat zugesagt, bis Oktober zusätzliche 1,4 Milliarden Kubikmeter über eine bereits existierende Pipeline nach Europa zu pumpen.

Genau, dafür hat sich Habeck ja ebenfalls sehr eingesetzt. Und das ist sicher hilfreich. Allerdings hat Deutschland 2020 mehr als 50 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Russland importiert. An der Zahl sieht man, dass sich diese Lücke nicht so schnell schließen lassen wird.

Habeck hatte auch kurz darüber philosophiert, Atomkraftwerke länger laufen zu lassen, um russische Kohle und Gas zu ersetzen.

Ja. Und ich glaube ihm sogar, dass er da unideologisch drüber nachgedacht hat. Aber es ist technisch sehr schwierig. Nur ein Beispiel: Es gibt keinen deutschen Hersteller für die Brennstäbe, die in Kernkraftwerken eingesetzt werden. Außerdem gibt es in der Branche lange Bestellzyklen. Selbst wenn man also deutsche Atomkraftwerke über 2022 hinaus laufen lassen wollte, würden die mindestens ein Jahr lang stillstehen. Es müssten auch neue Sicherheitsüberprüfungen durchgeführt werden, es bräuchte neues Fachpersonal, das schwer zu kriegen ist …

Könnten wir mehr Kohle verfeuern, um Energiesicherheit herzustellen – ohne Putin?

Den Kohleausstieg 2030 müssen wir heute nicht infrage stellen, das gleich vorneweg. Aber als kurzfristige Maßnahme, wenn jetzt das Gas knapp wird? Ja, kann ich mir gut vorstellen, dass wir das jetzt machen. Es wird jede Kilowattstunde Energie gebraucht werden.

Matthias Huber, 38, ist Professor für Energiewirtschaft und intelligente Infrastruktur an der Technischen Hochschule Deggendorf. Dort beschäftigt er sich mit Fragestellungen rund um die Dekarbonisierung von Energiesystemen

Na toll, dann treffen wir zwar das russische Regime, aber dafür steigen die Emissionen an.

Nicht ganz. Kennen sie das ETS-System? Das ist der europäische Emissionshandel. Da ist die Energiewirtschaft drin, Teile der Industrie und der innereuropäische Flugverkehr. Wenn Sie hier CO₂-Emissionen ausstoßen wollen, müssen Sie dafür Zertifikate erwerben. Solange Brüssel die ausgegebene Menge nicht erhöht, wird auch nicht mehr CO₂ ausgestoßen. Es ist daher wichtig, in den nächsten Jahren an diesem System festzuhalten – auch wenn die CO₂-Preise stärker steigen sollten.

Aber dann externalisieren wir das Problem doch, oder? Das reiche Deutschland wird mehr Zertifikate kaufen, um ordentlich Kohle verfeuern zu dürfen – und die Bulgaren frieren, weil sie sich das nicht leisten können.

Da haben Sie einen Punkt. Wenn sich in ganz Europa der Strom verteuert, weil CO₂-Zertifikate knapp werden, ist das soziale Problem für Menschen in Bulgarien größer als für Deutsche. Aber es kann auch zu Einsparungen im Flugverkehr und höheren Preisen dort führen. Dann könnte, grob gesagt, die Kohleindustrie die Zertifikate der Flugindustrie kaufen.

Frieren werden wir hierzulande jedenfalls nicht. Im „Notfallplan Gas für die Bundesrepublik Deutschland“ steht: Bevor Privathaushalten das Erdgas abgedreht wird, sind erst mal die Industrieunternehmen dran.

Ja, Frieren steht hier nicht zur Debatte. Deswegen habe ich mich auch so über die Grünen-Politikerin Annalena Baerbock gewundert, die vor ein paar Tagen gesagt hat, dass wir „in Kindergärten bald keinen Strom mehr haben“ könnten oder so ähnlich. Das ist schlicht falsch. Aber natürlich ist es auch eine teure Sache, wenn die Industrie für Produktionsausfälle entschädigt werden muss.

Experten warnen, ein Gaslieferstopp aus Russland könne die deutsche Wirtschaftsleistung um 5,2 Prozent schrumpfen lassen.

Man liest da ganz verschiedene Zahlen. Ich habe irgendwas zwischen zwei und fünf Prozent gelesen. Aber am Ende sollte die Außenpolitik in dieser Frage das Primat haben, finde ich. Wenn es hilft, den Krieg in der Ukraine zu beenden, dann sollten wir dazu bereit sein.

Wir haben bisher nur über fossile Energie gesprochen. Könnten wir uns nicht auch mithilfe erneuerbarer Energie von Russland emanzipieren? Christian Lindner spricht von „Freiheitsenergien“ …

Ja, mir gefällt dieser Begriff gut. Alle Solaranlagen in Deutschland zusammen produzieren 50 Terawattstunden Strom. Windräder so um die 130 Terawattstunden. Wenn wir Photovoltaik vervierfachen und Wind verdoppeln würden, würden wir uns dem Ziel nähern, 80 Prozent unserer Energie aus Erneuerbaren zu gewinnen.

Und das klappt kurzfristig?

Das Ziel der Bundesregierung ist es, diese 80 Prozent bis 2030 zu erreichen. Und das war schon ambitioniert. Bei Solarenergie bin ich aber sehr optimistisch, dass wir da schneller vorankommen können. Da gibt es viele Investoren und eine hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung. Das Problem ist, dass viele Leute kein Windrad vor ihrer Tür haben wollen. Hier müssen wir Akzeptanz schaffen. Eine wichtige Möglichkeit sehe ich dabei in der finanziellen Beteiligung der Kommunen: Wenn das Windrad zur Finanzierung des Kindergartens dient, dann steigt der Zuspruch sehr schnell. Was dann noch zu lösen bleibt, ist die Dunkelflaute.

Die … was?

Wenn Sie jetzt viel in Wind- und Solarenergie investieren, dann kommt sofort einer um die Ecke und sagt: Aber die Sonne scheint nicht immer – und Wind gibt es manchmal auch keinen! Und wenn im Winter mal zwei Wochen kein Wind bläst, tja, dann ist das wirklich eine Herausforderung für die Energiewende. Das kann ich eigentlich nur mit chemisch gebundenen Energieträgern lösen. Langfristig mit grünem Wasserstoff, kurzfristig kommen wir aber nicht an Erdgas vorbei. Grüne Lobbyvertreter meinen manchmal: Ach, kein Problem, dann nehmen wir einfach Biogas dafür! So einfach ist das aber nicht.

Wieso?

Weil man große Mengen im Sommer produzieren müsste, um sie im Winter nutzen zu können. Dafür sind die Speicher in Deutschland viel zu klein. Und dann gibt es noch ein moralisches Problem: Wenn ich auf einer Fläche viel Mais anbaue, um daraus Biogas zu gewinnen, kriegen wir einen „Teller-Tank-Konflikt“. Anbaufläche für Nahrungsmittel geht verloren. In gewissen Mengen ist das vielleicht sinnvoll, aber sicher nicht für alles.

So schnell wird das nichts mit der Unabhängigkeit von Putins Gas?

Genau. Ein schneller Ansatzpunkt wäre, den Verbrauch zu senken. Wenn wir unsere Heizung um ein Grad runterstellen, sparen wir sechs Prozent Energie. Und wir brauchen ein Sofortprogramm der Regierung für Wärmepumpen und die Dämmung von Häusern.



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