„Jetzt sind wir auch eine Generation, über die spätere Generationen grübeln werden: Warum haben die das zugelassen“?, lautet eines der unzähligen Postings zum Krieg gegen die Ukraine. Ein anderer erklärt das Wort „Tagesordnung“ zum Unwort des Jahres und macht sich über die NATO lächerlich, die nur mit den Achseln zucke. Wieder ein anderer – und diese Pronomen sind nur deshalb nicht gegendert, weil sie auf Absender mit männlichen Namen sich beziehen – ist überzeugt, dass ohne militärisches Eingreifen der NATO und UNO der Krieg nicht gut enden werde. Dafür erwarte er keine Likes. Er wolle es „nur heute schon mal gesagt haben“.

Da ist er nicht der einzige. Allzu viele wollen es schon mal gesagt haben, dass sie Recht gehabt haben werden, Hashtag TutendlichwasichfürrichtighaltesonstseidihrschlimmeralsPutin! „Richtig“ heißt in allzu vielen Fällen: Gewalt mit Gegengewalt beantworten. Das sei alternativlos. Jeder wisse das. Es helfe nichts, sich „wegzuducken“. Und Art und Umfang der Waffenlieferungen müssten natürlich geheim bleiben, ohne öffentliche Debatte – schließlich sei Krieg, das ist wichtiger als Rechtsstaatlichkeit.

Da ist viel von Objektivität und von Realismus die Rede. Man dürfe sich „nichts vormachen“. Die ganze Sozial-Media-Welt fühlt sich aufgerufen, ihren blau-gelben Senf zum Krieg abzugeben, Militärstrategien werden ausgetauscht, Schulterklopfen wird er-, wenn Meinungen ge-teilt werden, andere werden zur Sau gemacht, wenn sie nicht zustimmen, sofern sie nicht lieber gleich die Finger still halten und lieber keinen Kommentar schreiben, der die allgemeine Zweifellosigkeit bezweifelt.

Keine Zeit zum Nachdenken

Der Druck ist so groß, dass nicht wenige in den Kirchen ihre gesamte Friedensethik in Frage stellen. Man kennt den Mechanismus, er gehört zu den Sozialen Medien wie das Wasser zum Brot: Es geht alles so schnell, als wolle man die russische Hyperschallrakete überholen – für Nachdenken bleibt keine Zeit. Es gibt ausschließlich gut und schlecht. Und alle wollen dabei sein, schreien „hier!“, zeigen Kriegsfotos von früher – „Mich gäbe es nicht, wenn meine Mutter nicht überlebt hätte damals“, dazu eine zerbombte Straße. Der nächste Post zeigt das Foto eines Jungen in ukrainischer Uniform, seinen Namen, sein Alter, und „Heute in Kiew gefallen.“ Gefallen!

Einer teilt anklagend die Nachricht eines queeren Portals: „Eli war eine Aktivistin und Patriotin. LGBTI-Aktivistin im Ukraine-Krieg getötet“. Und postet kurz darauf das Foto einer jungen Frau mit blutigem Verband um den Kopf, an der Brust einen trinkenden Säugling – die „schwer verletzte Mutter“ sei doch wohl Grund genug, endlich etwas zu „unternehmen“, um sich nicht vor den eigenen Enkelkindern schuldig zu machen! Der Schleimkommentar dazu lautet: „Bilder sind manchmal stärker als alle Worte“. Tatsächlich sind Bilder so gut wie immer stärker und deshalb gefährliche Kriegstreiber. Bilder machen nicht denken, sondern fühlen. Bilder sind Waffen, und wer sie benutzt, sollte sich ihrer Zweischneidigkeit bewusst sein.

Das Tückische ist: Alles, was man jetzt öffentlich über den Krieg sagt oder schreibt, bedient den Krieg. Wenn man Fotos oder Namen von Verletzten oder Getöteten postet, um damit dem Aggressor dessen Aggression zu beweisen (und sich selbst zu bestätigen, dass man mit den Richtigen leidet), werden die Verletzten oder Toten instrumentalisiert für Propaganda – nicht nur die Aggressoren machen Propaganda. So kann sogar die Trauerbekundung über den Tod eines Holocaustüberlebenden zum Beleg werden: für das Verbrecherische des Krieges und für die eigene Solidarität. Wer postet, teilt, liked und kommentiert, sollte sich fragen, ob die Sozialen Medien der richtige Ort der Kommunikation über diesen Krieg sind. Denn sie geben ihm Futter.

Der Algorithmus trägt zur Eskalation in den Köpfen bei. Alles wäre zu überprüfen: Wem dient es? Wem nützt es? Den Ukrainern? Dem Frieden? Den Familien der in den Tod geschickten russischen oder ukrainischen Soldaten? Oder Mark Zuckerberg, der eigenen Aufmerksamkeitsökonomie und der Selbstwichtigkeitswahrnehmung?



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