Schon mit dem Wort fängt der Unsinn an: „alleinstehend“, dieser schrecklich deutsche Terminus technicus für Menschen ohne festen Partner. Allein stehen Bäume und Häuser, nur bröckelnde Fassaden brauchen eine Stütze. Und Menschen: Stehen die nicht gewissermaßen immer allein, von allein, mit Partner, mit Partnerin – oder eben ohne?

Die Journalistin und Schriftstellerin Katja Kullmann konnte diese sowie die vielen anderen Umschreibungen fürs dauerhafte Fürsichsein („Single“, „solo“) offenbar ebenso wenig ertragen, denn für ihr neues Buch entwirft sie einen frischen Begriff, nein, viel mehr: eine soziologische Kategorie. Der „Geistesblitz“ kam, wie Kullmann schreibt, „bei einer weiteren Festivität über mich, zu fortgeschrittener Stunde“. Sie erfindet die „singuläre Frau“ zunächst für sich, als treffendere, nicht konnotierte Beschreibung für ihr eigenes, seit Jahren gepflegtes Lebensmodell.

Endlich war es raus!

Die Autorin ist seit vielen Jahren „singulär“. Wie viele Jahre es sind, schockiert sie zuerst selbst ein wenig. Eine simple Frage provoziert das Nachzählen, und schließlich die deprimierte Bestandsaufnahme: „Ein offizieller Ausmusterungsbescheid.“ Ein bisschen ähnelt dieser Zustand dem gesellschaftlich beargwöhnten Kinderlosgebliebensein. Bei Kullmann kommt beides zusammen. Und doch: „Ein bisschen fühlte es sich aber auch gleich wie ein Freispruch an. Endlich war es raus. Ich war raus.“

„Raus“ glaubt die Autorin aus dem gesamten Kosmos Beziehung zu sein – selbst gewählt, wohlgemerkt. Keine zweite Zahnbürste ziert ihr Badezimmer, viel lieber tanzt sie allein im Wohnzimmer. „Ich nahm mir fest vor, es gut zu finden“, schreibt Kullmann weiter über ihren Beziehungsstatus: dauersolo mit Anfang 50. Was aber zunächst so spontan von ihr beschlossen wird, ist in Wahrheit eine regelrechte Wissenschaft, denn: Ein derartig selbstzufriedenes Alleinleben ist für Frauen in dieser Gesellschaft nicht vorgesehen, das Alleinleben wird als defizitär wahrgenommen, als Zwischenzustand. Weshalb die „Monsterfrage“, wie Kullmann sie nennt, an jeder Ecke lauert. Sie wird bei Partys gestellt, im Büro, von Bekannten, Freunden und Fremden, von jüngeren Kolleginnen und Kollegen, auch den feministischen: „Warum ist jemand wie du allein?“

„Entsetzt“ ist Kullmann, als sie feststellt, dass dieses Problematisieren des Alleinseins auf eine lange Tradition zurückblickt: Für Die singuläre Frau konsultiert die Autorin eine kaum zu überschauende Menge an Filmen, Romanen, Sachbüchern und Popsongs zum Thema Dating, Beziehung, Alleinsein, vor allem als Frau, immer in der Mission, das Problem nicht nur für sich selbst, sondern stellvertretend für all die anderen Singles zu lösen. Und in der Tat: Selten ist das Phänomen keineswegs: „Im Schnitt ist ein Single-Mensch im Alter von achtzehn bis fünfundsechzig, gleich ob Frau, Mann oder X, zwischen fünf und sechs Jahre ohne Partner oder Partnerin, sagen gängige Erhebungen. Die Wahrscheinlichkeit, mehreren solcher Leute schon begegnet zu sein, ist hoch. Zudem ist es überaus wahrscheinlich, dass der oder die Fragende selbst Zeiten kennt, in denen er oder sie alleine war, nach einer schmerzhaften Trennung zum Beispiel.“ Die allein lebenden Frauen sind in der modernen Gesellschaft ein sprichwörtlicher Wald vor lauter Bäumen: unsichtbar, weil allgegenwärtig. Unter ihnen finden sich auch prominente Namen: Charlize Theron, Claudia Roth, Sharon Stone.

Die Singuläre Frau ist das fünfte Buch der Autorin, die stellvertretende Chefredakteurin des Freitag war und Vize-Chefin der taz am wochenende ist. Es lebt wie schon ihre Bestseller Generation Ally (2002) oder Echtleben (2011) von der Ich-zentrierten Erzählweise: Neben vielen Zitaten aus wissenschaftlicher und belletristischer Literatur sind es vor allem Geschichten aus Kullmanns Leben selbst, seitenweise innere Monologe, fiktive und reale Begegnungen, Gedanken- und Wortspiele, die den roten Faden bilden, der gelegentlich gehörig ausfranst. Leser und Leserinnen lernen auch etwas über die Medienbranche, über London, NYC, über Soul, Sex und Serien.

Keinesfalls sollte das Buch dadurch als eines der etlichen redundanten Sachbücher missverstanden werden, die mehr autobiografischer Besinnungsaufsatz sind und nie über sich selbst hinausweisen. Kullmann weiß, dass sie zwar „singulär“ ist, ihr Anliegen aber keineswegs. Einer Frau wie ihr fehlt aber ein verbindendes Element, so schreibt sie, vor allem „wenn darüber hinaus (…) kein einziger der LGBTQIA+-Buchstaben auf sie passt, wenn sie bloß eine ‚Hete‘ ist, die nichts als ein komplett durchstandardisiertes heterosexuelles Begehren verspürt, ohne selbiges aber mit jemandem auszuleben“. Höchste Zeit also, eine Identität zu basteln.

In diesem Vorhaben beobachtet sich die Autorin selbst von außen und verleiht dem Buch mit dieser Fähigkeit seinen Charme. Wenn die Autorin etwa nicht nur darüber nachdenkt, warum sie ihr Alleinleben gut findet, sondern gut finden will, setzt sie unweigerlich auch bei irgendwie Verpartnerten oder beim männlichen Publikum Gedanken in Bewegung: Was will ich sein, wem will ich mit meinem Lebensentwurf etwas beweisen, und warum? So gelesen trieft das Buch vor soziologischem Sachverstand, der oft schärfer ist, als es die unbefangene Wortwahl zunächst vermuten lässt – ein kleines Kunststück.

Katja Kullmann gelingt mit Die Singuläre Frau eine leichtfüßige, unterhaltsame Erzählung und Erklärung, die sich klaren Strukturen manchmal entzieht und gerade deswegen sehr viel lesbarer bleibt als so manche feministische Literatur zum Thema. Die Autorin hat Mut zur Naivität, zum Unfertigen. Hin und wieder scheint es, als wären die Gedanken erst zu solchen geworden, als sie zu Papier gebracht wurden. Das durchbricht die Distanz zur Leserschaft, die sie empathisch durch ihre nicht immer widerspruchsfreie Gedankenwelt führt. Ganz nebenbei verstehen Leser so nicht nur etwas mehr von der vielschichtigen, nicht selten frustrierend anachronistischen Lebensrealität von Frauen in einer Welt, die sich für aufgeklärt hält, sondern lernen auch eine ganz einzigartige, unnachahmliche, ja, eben im Wortsinn: singuläre Frau kennen.

Die Singuläre Frau Katja Kullmann Hanser Berlin 2022, 336 S., 22 € (Leseprobe)



Quelle: