Gastbeitrag von Jerzy Maćków, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Regensburg

Zweimal binnen zwei Wochen hat mich Facebook gesperrt. Zuerst wegen des Satzes: „Es ist lustig, dass die meisten (native) Deutschen Hoffnungen mit der neuen Regierung verbinden. Wie kann man nur so naiv und politisch … unerfahren sein.“

Der Satz ist nachzulesen auf der FB-Seite meiner Gruppe „Multiplikatoren“, auf der ich ihn nach der Sperre erneut publiziert habe, und zwar mit der Absicht, zu überprüfen, ob sich wieder ein Denunziant findet, der Facebook über meinen „Verstoß“ informieren wird. Das ist bisher nicht geschehen.

Es hat sich aber vorgestern doch ein Zuträger gefunden, der mir eine diesmal einmonatige Sperre beschert hat, indem er bei FB einen anderen Post von mir anzeigte: „Das Kleben an Merkel ist eine typisch deutsche Methode, von eigenen Fehlern, Fehleinschätzungen, Dummheiten in ihrer Regierungszeit abzulenken. Die meisten Deutschen wollen nicht erkennen, dass sie in Vergangenheit – wie alle Menschen in der Welt, und vielleicht sogar häufiger – Fehler begingen, Fehleinschätzungen vornahmen, politisch dumm waren.“

Facebook geht also davon aus, dass derjenige, der behauptet, dass sich Bürger ihrer Verantwortung für ihre politischen Fehler und Dummheiten bewusst sein sollen, „Hassrede“ betreibt. Dabei greift Facebook auf die Hilfe der Denunzianten zurück.

Denunzianten sind jene kleinen Bürger, über die die Polizisten hinter vorgehaltener Hand lächelnd erzählen, dass, wenn sie allen an sie herangetragenen Meldungen – wegen Falschparken, Straßenüberqueren an falscher Stelle, lautem Benehmen im Park, Entsorgung eines verbrauchten Taschentuchs in einer auf der Straße stehenden privaten Mülltonne usw. – nachgehen würden, dann keine Zeit haben würden, sich um ihre eigentlichen Aufgaben zu kümmern. Denunzianten sind geistige Zwerge, die von ihren billigen Emotionen getrieben werden: Dem Neid gegenüber dem Nachbarn, der ein größeres Haus als sie hat, der Wichtigtuerei, der Suche nach dem Sinn ihres leider sinnlosen Lebens …

Was bezwecken aber die Großen, die sich dieser bemitleidenswerten Gestalten bedienen und von der konstanten Meinungsfreiheitsreglementierung, für die Konzerne wie Facebook sorgen, profitieren? Die Antwort mag überraschen: Sie sind dabei, eine neue Gesellschaft aufzubauen, in der Freiheit nichts zählt und die Menschen trotzdem zufrieden sind.

Eine solche Gesellschaft wird dann entstehen, wenn sich die Bürger in leicht manipulierbare Konsumenten umwandeln lassen. Dann wird ihnen gleichgültig sein, ob sie Frau oder Mann oder drittes Geschlecht genannt werden, ob man sie mit Wahrheit oder Lüge konfrontiert, ob sie Kinder haben oder nicht haben, ob sie eigenverantwortlich oder gelenkt handeln, ob sie die deutsche Sprache oder einen mit Querstrichen und Doppelpunkten voll gespickten Gender-Jargon benutzen werden. Hauptsache – sie kaufen die ihnen als wunderbar gepriesene Ware und sind glücklich damit.

Sie werden in einer Gesellschaft leben, in der man am Morgen mit autonomem Elektroauto dorthin fährt, wohin ein typischer Bürger so zu fahren hat: zur Arbeit, zur Einkaufsmeile, zum Einkaufen am Urlaubsort. Am Abend werden sie nach Hause zurückkehren, wo sie mit Hilfe elektronischer Geräte ihrem Bedürfnis nach sozialen Kontakten nachgehen werden.

Diese Bürger werden nur dann mit dieser neuen Gesellschaft zufrieden sein, wenn sie mit sich selbst zufrieden sind. Nur als selbstgefällige Menschen werden sie die gekauften Waren wunderbar und ihre Lebensart als lebenswert finden. Sie werden dann nicht fragen, woher denn ihr als „klimaneutral“ gepriesenes Fahrzeug Strom bezieht. Sie werden sich nicht die Frage stellen, von wem ihr „autonomes“ Auto gesteuert wird. Sie werden darauf stolz sein, dass sie im elektronischen Austausch mit anderen es verinnerlicht haben, darauf aufzupassen, mit ihren Meinungen nicht nur die Konzerne und Politik, sondern auch ihre Mitbürger nicht zu kritisieren. Wenn ihnen solches trotzdem unterläuft, dann werden sie wegen dieser „Verstöße gegen die Regeln“ bestraft.

Nichts ist für die die Freiheit vernichtenden Profiteure dieser neuen Gesellschaft so gefährlich wie die Bürger, die selbstkritisch erkennen, dass sie sich an das unfreie Leben angepasst haben. Je weniger selbstkritisch und selbstgefälliger das Konsumentenvolk, desto manipulierbarer ist es.

Diese Gesellschaft ist selbstverständlich ein Ziel. Erreicht ist die „Schöne neue Welt“ (oder „Animal Farm“?) noch nicht. Kann man sich ihr in den Weg stellen?

Augenblicklich sieht es danach nicht aus. Ich jedenfalls ziehe mich zu meinem Blog zurück – bis auch dieser von Denunzianten angezeigt und vom Provider zensiert wird. 

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David gegen Goliath

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen, und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können

Jerzy Maćków, ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Regensburg. Seinen Blog finden Sie hier. Besuchen Sie auch seine Gruppe Multiplikatoren auf Facebook! 

 
Bild: Shutterstock
Text: Gast

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