Die wohl größte Subkultur der späten DDR? Heavy Metal! Der Stasi war das suspekt

Brave Rebellen

Mit wehenden Fahnen in die Schlacht, die Flammenlanze angesetzt gegen das Heer von Zombies, in Drachenschiffen auf zu neuen Beuteufern … Die Metal-Realität in der DDR sah ganz anders aus, als sie in heroischen Songs des Genres besungen wird. An Provinzbahnhöfen lungerten Heavys herum, nahmen Hunderte Kilometer Anreise in Kauf, um Konzerte zu besuchen in Lokalen wie der Gaststätte Erbgericht in Putzkau oder Zum Lüttewitz in Döbeln. Wie die Metal-Szene in der späten DDR tickte, hat der Historiker Nikolai Okunew erforscht und in Red Metal festgehalten.

In Ruhe headbangen

Der Buchtitel ist leicht irreführend, weil er kommunistischen Metal suggeriert. Und das waren die Bands in der DDR und die dortigen Metal-Fans nicht. Der Titel soll vielmehr vermitteln, dass beide ohne realsozialistische Verhältnisse nicht denk- und verstehbar waren. Okunew zeigt vor allem, wie das Alltagsleben der Fans sich gestaltete, welche Grenzen und Möglichkeiten Musiker hatten, aufzutreten und sich zu professionalisieren, und wie die staatlichen Institutionen diese Subkultur beargwöhnten, die Okunew die „wahrscheinlich größte jugendliche Subkultur“ der DDR-Achtziger nennt. Der Beleg dafür bleibt vage, aber dass die Metalheads auch im kleinsten Dorf vertreten waren, steht außer Frage. Der Boom begann Mitte des letzten DDR-Jahrzehnts, ausgelöst oder besonders beflügelt durch die Ausstrahlung eines Konzerts mit Iron Maiden, Def Leppard und anderen im ZDF. Das Westfernsehen wurde auch hier zum Fenster der Welt.

Heavy zu sein, war kein einfacher Weg. Mühsam waren Outfit und Musik zu beschaffen, man eckte in der Öffentlichkeit an, bei den Sicherheitsbehörden sowieso. Kern des Austauschs mit Gleichgesinnten jenseits der Clique bildeten Konzerte. Schon die gemeinsame Anreise war wichtig – und wenn ein Konzert ausfiel, weil die Gaststätte das Equipment nicht stellen konnte oder es behördlich verboten wurde, hatte man immerhin das Happening. Neben Diskotheken, wo je nach Ausrichtung der Verantwortlichen Metal lief, traten Bands in FDJ-Jugendclubs auf oder man mietete sich für Privatkonzerte in Kneipensälen ein. Hierbei bot vor allem der ländliche Raum Möglichkeiten. Hier bekamen Offizielle von den Konzerten manchmal gar nichts mit. Selbst wenn: Was sollten sie machen, wenn da ein paar Hundert Langhaarige in Leder- und Jeanskutten, mit Eisenketten behängt vor Ort auftauchten? Für den Bezirk Potsdam im Jahr 1987 nennt Okunew Zahlen, die Eindruck geben von den Dimensionen, auch wenn das Metal-Genre nicht extra ausgewiesen ist: In diesem Jahr fanden insgesamt 3.506 „Jugendkonzerte/Tanzmusik“ statt, wovon knapp 3.000 in Gaststätten gespielt wurden.

Weil eigene Fanzines, wie sie unter Punks kursierten, fehlten, gab man die Termine mündlich oder über Briefkontakte weiter. Sie wurden sogar in der Sendung Tendenz Hard bis Heavy im Staatsrundfunk durchgegeben, die die Szene offiziell einbinden sollte. Hier wurden neben Westmusik sogar Demo-Tapes heimischer Bands gespielt. Das war die eine Seite der staatlichen Haltung zur Szene. Sie wurde aber auch beobachtet und bespitzelt. Das führte zu spontanen Repressionen, bei denen man aus dem Straßenbild verjagt wurde, bis hin zu Inhaftierungen. Der Sänger der Erfurter Band Macbeth erhängte sich nach mehr als einjähriger Stasihaft.

Die Ambivalenz des staatlichen Umgangs erklärt sich daraus, dass die Heavys im Grunde keine bewusst „subversiven Elemente“ darstellten, sondern einfach in Ruhe ihr Ding durchziehen wollten: Metal genießen und sich in Ekstase bangen. Im Grunde waren sie, was auch für die Westszene galt: eher konservativ. Es geht um Zugehörigkeit zum als gut Erkannten, was Veränderungen, auch musikalische Entwicklungen, eher störte. Sicherlich irritierte ihre Optik das, was sich die Staatsführung als öffentliche Ordnung vorstellte. Die Heavys inszenierten sich aber nicht als „Asoziale“ wie die Punks und gingen einer geregelten Arbeit nach. Denn Heavy zu sein, kostete Geld. Konnten sich im Maschinenbau Tätige noch auf Arbeit allerlei Accessoires selbst und auf Staatskosten herstellen, war alles andere nur im Tausch oder gegen Geld zu haben. Der eine malte Aufnäher selbst, der andere kopierte Kassetten und auf florierenden Schwarzmärkten wurden Poster und Ausschnitte aus geschmuggelten Westmagazinen für Unsummen angeboten. Auf Konzerten waren die Bands zum Live-Covern quasi gezwungen. Für die Fans war das Second-Hand-Erlebnis eines Westsongs besser als nichts. An den eigenen Bands, so die Beobachtungen von Okunew, waren viele nicht interessiert. Man war ganz auf den Westen ausgerichtet, was die Entwicklung einer eigenen Szene hemmte. Man wollte am Westen teilhaben, und sei es durch Imitate. Viele Bands stellten sich darauf ein, verdienten damit nicht schlecht. Nach dem Mauerfall wollte niemand mehr etwas vom DDR-Metal wissen.

Etwas fehlt: die Neonaziszene

Viel Wissenswertes hat Nikolai Okunew zusammengetragen. Nicht jeder Wertung wird man komplett zustimmen, was in der Natur der Sache liegt. Gerade regionale Unterschiede können bei so einen Zuschnitt nicht erfasst werden. Dass im Buch sehr wenig über Kontakte, Zugehörigkeiten, aber auch Abgrenzung zur Neonaziszene steht, ist bedauerlich. Denn gerade die nach dem Mauerfall in Thüringen starke NS-Metal-Szene kam ja nicht aus dem Nichts. Das ist sicherlich dem quellenmäßigen Zugriff geschuldet: Okunew hat vor allem Aktenmaterial der Stasi und anderer Behörden sowie Szene-Selbstbeschreibungen ausgewertet und Zeitzeugeninterviews geführt. Das kann zum Verschweigen oder verzerrter Wahrnehmung führen. Das mindert den Wert dieses soliden Überblicks des Armageddon unterm Ährenkranz nicht.

Red Metal Nikolai Okunew Ch. Links Verlag 2021, 352 S., 25 €

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