Schon vor der Pandemie konnten queere Personen nicht frei reisen. In vielen Ländern steht Homosexualität unter Strafe – in Urlaubsparadiesen drohen Gefängnis oder sogar die Todesstrafe

Knast statt Palmen?

Haben Sie die Hoffnung auf Besserung in der Pandemie auch nicht aufgegeben? Planen Sie vielleicht schon den nächsten Sommerurlaub? Dann haben Sie sicherlich ein schönes Reiseziel, mit Strand und Palmen. Doch wussten Sie, dass Sie ein Privileg genießen? Nicht nur das Privileg der Mittelschicht des reichen globalen Nordens, wo am Ende des Monats genug Geld für ein Hotel unter Palmen übrig bleibt. Nein, Sie genießen auch das Privileg der Heterosexualität.

Das merken Sie daran, dass Sie nicht so viel googeln mussten wie Homosexuelle, als Sie Ihren Urlaub geplant haben: Droht mir der Staat in meinem Strandparadies mit Gefängnis oder Todesstrafe, wenn ich in der Öffentlichkeit meinen Partner küsse? Wenn Sie sich darüber informieren, wo der Staat Sie als schwulen Mann töten will, fallen gleich sechs Länder als Destination weg – darunter das beliebte Urlaubsland Dubai. Wenn Sie nicht im Gefängnis landen wollen, sind es schon deutlich mehr. Und falls Sie planen, nicht bespuckt oder verprügelt zu werden, können Sie gleich die halbe Weltkugel von Ihrer Urlaubsliste streichen.

Das ist wörtlich gemeint: In 69 Staaten gelten noch immer Gesetze gegen Homosexualität. Direkt vor unserer Haustür, im Urlaubsland Türkei, lehnt eine Mehrheit von 57 Prozent Homosexualität ab. Aber vielleicht wollen Sie auch lieber die ägyptischen Pyramiden bestaunen? Dann sollte Ihre Liebe zum gleichen Geschlecht besser Ihr Geheimnis bleiben! Zwar ist Homosexualität in dem nordafrikanischen Land nicht offiziell verboten, doch sind auch dort Verfolgungen und Diskriminierungen an der Tagesordnung: 2014 wurden in Kairo 26 Männer wegen „homosexueller Ausschweifungen“ angeklagt – und erst Wochen später wieder freigelassen.

Die Unsichtbarkeit von Homosexualität ist das Ziel solcher Regime. Schwule und Lesben gibt es überall, aber sie werden durch Bedrohung aus der Öffentlichkeit verdrängt. Wer sich selbst verleugnet, wer für den Urlaub auf „hetero“ macht, wird Teil dieser perfiden Strategie. Man repräsentiert dann eine heterosexuelle Scheinnormalität, die Homosexuellen vor Ort das Gefühl gibt, mit der eigenen sexuellen Orientierung allein zu sein.

Durchbrochen werden kann dieser Teufelskreis nicht von Homosexuellen allein. Nur der solidarische Boykott heterosexueller Touristen gegenüber allen Reiseländern, in denen Homosexuelle verfolgt werden, würde genug wirtschaftlichen Druck erzeugen, um einen Unterschied zu machen. Das heißt, dass auch Sie googeln müssten, ob Sie unter Palmen bedroht würden, wenn Sie schwul oder lesbisch wären – um sich dann ein neues Reiseziel zu suchen.

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