Von Alexander Wallasch

Geht sowas? Ist Spiegel-Erbe Jakob Augstein an sich selbst müde geworden? Der Journalist ist seit Jahren praktisch in der Versenkung verschwunden, keine provokanten Spiegel-Kolumnen mehr, kein Twitter, keine Talkshows. Aus dem persönlichen Motto „Im Zweifel links“ scheint der letzte Saft rausgepresst, nichts mehr übrig, für das es zu kämpfen lohnen würde.

Könnte man denken. Aber Jakob Augstein ist noch mal hochgekommen vom Sofa und Regierungskritiker geworden – sogar ein Corona-Maßnahmenkritiker! Aber wie verbreitet man so eine späte Eingebung ganz ohne Twitter und Kolumne?

Tatsächlich: Ein kleiner Videoschnipsel mit Nikolaus Blome, unterwegs im Straßenverkehr in Berlin und fast versteckt am Außenrand der Webseite von n-tv, zeigt den neugeborenen Maßnahmenkritiker.

Augstein hält hier einen kleinen Monolog für seinen Journalisten-Kollegen und Corona-Scharfmacher Nikolaus Blome (Spiegel, Springer, RTL/n-tv, bekannt für Schlagzeilen wie „Corona in Deutschland: Wir Geiseln der Ungeimpften“), der mit einer Weihnachtsmannmütze aus dem Ein-Euro-Laden in den Volkswagen steigt und behauptet, er hätte einen Termin im Kanzleramt bei Olaf Scholz, zu dem er gerne chauffiert werden möchte.

Augstein zu Blome:

Darf ich Sie an was erinnern? Vor vier Wochen haben die Leute gesagt: Hunderttausend Tote. Weihnachten werden alle Intensivstationen überlaufen. Da war noch nicht von Omikron die Rede. Da war einfach so: Wir werden alle sterben! Es wird alles zusammenbrechen, wenn man nicht sofort etwas macht. Die Medien haben wieder geschimpft über die Politik, die nicht handelt, die nicht in die Gänge kommt, die schon wieder versagen wird: Stapelweise Kommentare. Und was ist dann passiert: Die Inzidenzen sind runtergegangen, die Fallzahlen sind runtergegangen, die Intensivstationen leeren sich von ganz alleine, weil die Leute gar nicht so bescheuert sind, wie die Modellierer denken. Jetzt wollen sie wieder sagen: Jetzt geht es nicht um die Intensivstationen, jetzt geht es um die Feuerwehrwachen und die Polizeistationen, weil die alle krank werden.

Nikolaus Blome erwidert etwas von einer „realen Gefahr“ wegen der neuen Variante, die „das Spiel noch einmal verändert“ hätte.

Augstein entgegnet: „Mein Problem mit diesen Prognostikern ist doch, die haben vor vier Wochen noch „Feuer, Feuer!“ gerufen, und dann hat es nicht gebrannt. Jetzt rufen sie wieder „Feuer, Feuer!“ – vielleicht haben sie dieses Mal recht, vielleicht aber auch nicht. Aber das Vertrauen nimmt schon ab. Bei mir jedenfalls.“

Blome erwidert, er hätte auch ein ungutes Gefühl, weil sich jetzt Leute anstecken würden – Geimpfte – die doch „alles richtig gemacht“ hätten.

Augstein:

Individuell gesehen müssten wir uns eigentlich über diese Omikron-Variante freuen, weil offenbar das individuelle Risiko, an einer schweren Krankheit zu erkranken, ist jetzt ja gesunken. Gleichzeitig können wir uns aber gesamtgesellschaftlich nicht freuen, weil halt mehr Leute krank werden.

Blome möchte trotzdem endlich mal „vor die Welle“ mit dem richtigen Lockdown.

Augstein erwidert ihm dazu final:

Hören Sie bitte auf mit den Wellen. Dann haben wir auch die 75ste Grippewelle seit Kriegsende. Hören sie doch jetzt auf zu zählen, das wird doch langsam langweilig.

 

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Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

 
Bild: screenshot N-TV 
Text: wal

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