Chemnitz.

Über die Lage der Wirtschaft in Südwestsachsen nach einem weiteren Jahr Coronapandemie sprach Christoph Ulrich mit dem Chemnitzer IHK-Präsidenten Dieter Pfortner.

Freie Presse: Ein weiteres Jahr Corona-Krise liegt hinter uns. Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage in der Region ein?

Dieter Pfortner: Nach dem Aufschwung im Sommer trübt sich die Stimmung wieder deutlich ein. In der Industrie sind in Folge der Restriktionen durch die Pandemie, als auch durch Versorgungs- und Lieferengpässe die Umsätze im Herbst unter das Vorjahresniveau gefallen. Viel schlimmer sieht es jedoch in vielen kontaktintensiven Bereichen – wie Gastgewerbe, Veranstaltungsbranche, personennahe Dienstleister oder im Einzelhandel – aus. Dort ist häufig der Punkt erreicht, wo viele Unternehmer keine Perspektive mehr sehen und nicht weiterwissen. Da hat sich erneut eine dramatische Situation ergeben.

Das kann man beklagen, aber die Politik musste bei so hohen Inzidenzen doch handeln?

Dass die hohen Infektionszahlen und neue Virusvarianten ein entschiedenes Handeln notwendig machen, ist unstrittig. Die sächsische Wirtschaft unterstützt konsequente und sinnvolle Schritte, um die Pandemie einzudämmen. Es ist jedoch schwer nachvollziehbar, dass die Landespolitik Maßnahmen erlässt, die unsere Wirtschaft gegenüber den Wettbewerbern außerhalb des Freistaats benachteiligt.

Welche Maßnahmen meinen Sie?

Es ist doch unlogisch, dass die in Sachsen verbotenen Weihnachtsmarktbesuche, touristischen Übernachtungen, Wintersport oder Dienstleistungen nun bei unseren unmittelbaren Nachbarn stattfinden. Außerdem ergeben sich nicht nachvollziehbare Wettbewerbsverzerrungen zu anderen Branchen, indem der Publikumsverkehr in Reisebüros, Versicherungsagenturen, Finanzdienstleistern, Unternehmens- und Vermögensberatern komplett verboten ist, andere gleichartige Einrichtungen jedoch offen bleiben. Da entsteht viel Unmut bei einem Teil der Unternehmer.

Trotz des Unmuts: Wie beurteilen Sie im Rückblick die Krisenbewältigung von Landes- und Bundesregierung?

Sehr kritisch sehen wir die fehlende Planungssicherheit. Einschränkungen wurden häufig von heute auf morgen getroffen. Niemand weiß wie lange die Schließungen andauern und ob wir eine fünfte oder gar eine sechste Welle erleben werden. Wir brauchen unbedingt eine Corona-Gesamtstrategie, neben einem Personalaufbau im Gesundheitswesen gehört dazu auch eine klare Kommunikation, unter welchen Auflagen zukünftig die Wirtschaft agieren kann. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.

Vor allem den innerstädtischen Einzelhandel und die Gastronomie haben die Maßnahmen schwer getroffen. Was könnte die Politik tun, um diesen Branchen zu helfen?

Nach der aktuellen Coronawelle benötigen wir Konzepte und Investitionen, um dem innerstädtischen Geschäftsleben wieder Impulse zu verleihen. Events und natürlich auch verkaufsoffene Sonntag, die rechtssicher und langfristig planbar durchgeführt werden, könnten dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Mich stört gewaltig, dass wir in Deutschland in dieser Hinsicht so unflexibel sind. Kurzfristig brauchen wir eine Nachjustierung bei den Überbrückungshilfen.

Was müsste geändert werden?

Es müssten alle Fixkosten, auch Aufwendungen für Tests und Kontrollen von Kunden und Mitarbeitern, sowie die Lebenshaltungskosten von Unternehmern erstattet werden. Dann muss es darum gehen, so schnell wie möglich die einschränkenden Maßnahmen aus der Corona-Notfall-Verordnung auf ein für die Unternehmen händelbares Maß zu reduzieren.

Für die Landespolitik hat nun mal die Kontaktreduzierung Vorrang. Müssen sich die Unternehmen da nicht unterordnen?

Die erhoffte Kontaktreduzierung wird mit den gegenwärtigen Maßnahmen nur sehr bedingt erreicht. Überlaufene Lebensmittelmärkte, randvolle Straßen Richtung Tschechien, Warteschlangen an tschechischen Liftanlagen, Übernachtungen im Privatbereich, Kurzurlaube über die Feiertage in Österreich oder Feiern im privaten Umfeld lassen erahnen, dass die Kontakte mehrheitlich dort stattfinden, wo Kontrollen nicht oder nur wenig greifen.

Haben die Hilfsprogramme gewirkt? Waren Sie zielgenau oder kämpfen die Unternehmen zu sehr mit der Bürokratie?

Grundsätzlich konnten die bisherigen Hilfen und die Kurzarbeitsregel bis jetzt eine Insolvenzwelle und Gewerbeabmeldungen weitestgehend verhindern. Die Anträge und Auszahlungen laufen mittlerweile in der Regel ohne große Probleme. Den Bürokratieaufwand und den Umgang mit den Nachweisen können wir bisher nicht konkret einschätzen, da die Abrechnung und Nachweisprüfung erst starten. Insgesamt sind die Rücklagen oftmals aufgebraucht, deshalb bleibt es ungewiss, wie lange viele der Betroffenen noch durchhalten können. Denn auch die erneut in Aussicht gestellten Unterstützungsmaßnahmen decken bisher weder einen Unternehmerlohn noch alle betrieblich anfallenden Kosten ab. Der vor Weihnachten angekündigte Zuschuss von einmalig 4750 Euro als Betriebskostenpauschale bei Umsatzrückgängen von mehr als 60 Prozent kann indes zumindest für kleine Unternehmen Abhilfe leisten. Er muss dafür aber auch wirklich schnell und unkompliziert umgesetzt werden.

In vielen Firmen gibt es noch zu viele ungeimpfte Mitarbeiter. Haben die Unternehmen sich zu wenig für das Impfen eingesetzt?

In jedem Fall, und das sage ich im wahrsten Sinne des Wortes, ist es im Interesse der Unternehmen, dass die eigenen Mitarbeiter gesund bleiben. Viele Unternehmen organisieren Impftermine für ihre Mitarbeiter. Darüber hinaus setzen sie umfangreiche Hygienekonzepte um. Über Impfaufrufe und Appelle engagieren sich viele Unternehmen und die Kammern, um mehr Mitarbeiter von einer Impfung zu überzeugen. Insgesamt schätze ich die Aktivitäten der sächsischen Unternehmen sehr hoch ein. Kritik an dieser Stelle halte ich für unangebracht.

Fachkräftemangel ist in der Pandemie überall wieder zum Thema geworden. Fast in allen Branchen werden händeringend Leute gesucht. Wie kann das Problem gelöst werden?

Grundsätzlich wird sich der Fachkräftemangel aufgrund der demografischen Entwicklung wohl kurzfristig nicht lösen lassen. Automatisierung und Rationalisierung, Weiterbildungen sowie Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität stellen dabei zentrale Stellschrauben dar, um mit den Engpässen umzugehen. Wir müssen weiterhin versuchen, Arbeitskräfte aus anderen Regionen, dem Ausland oder auch Fernpendler zu gewinnen. Wir dürfen nicht nur reden über Fachkräftemangel, sondern es müssen Konzepte und Entscheidungen her, wie wir in Sachsen mit gezielten Maßnahmen Lösungen herbeiführen. Wir werden uns als IHK Chemnitz da noch stärker engagieren. Erste Gespräch dazu sind für den Januar vorgesehen.

Immer wieder wird auch davon geredet, dass Sachsen auf qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland setzen muss. Tatsächlich passiert da aber nicht viel. Ist das nur ein Wunschtraum?

Der Eindruck täuscht. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der ausländischen Beschäftigten in Sachsen auf über 100.000 verfünffacht. Auch bei den Ausbildungsverträgen verzeichnen wir ein deutliches Wachstum internationaler Azubis. Um die qualifizierte Zuwanderung außerhalb der EU zu forcieren, müssen wir das Fachkräfteeinwanderungsgesetz weiterentwickeln. Ich bin mir sicher, dass ohne die Corona-Restriktionen dieses Gesetz mehr Wirkung entfalten wird.

Die Unterbrechung der Lieferketten hat sich auch für die Industrie in Sachsen als Problem erwiesen. Muss die globale Einkaufsstrategie geändert werden?

Die Gestaltung der Lieferketten ist in erster Linie eine Angelegenheit der Wirtschaft selbst – auch wenn es punktuell mal zu Verknappungen kommt. Gleichwohl sollten in strategischen Bereichen – zum Beispiel in der Medizin – ausreichende Reserven angelegt werden. Wir müssen gerade bei systemrelevanten Produkten von zu starken Abhängigkeiten weg. Dass wir in diesem Zusammenhang unsere Industriepolitik in Sachsen überdenken müssen, ist, so glaube ich, unstrittig.

Die Transformation zur Elektromobilität ist in vollem Gange. Wie schätzen Sie die Chancen der Region ein?

Die Transformation ist eine herausragende Chance für die Region. Allerdings hilft das den kleineren konventionellen Zulieferern im Bereich des Antriebsstranges nur wenig. Diese benötigen Unterstützung bei der Neuorientierung ihrer Geschäftsmodelle. Die Politik darf hier nicht nur Arbeitsplatzverluste und -aufbau betrachten. Denn die Ansiedlung einer neuen Konzernbetriebsstätte wiegt den Verlust an eigentümergeführten heimischen Unternehmen nicht auf. Das Glas ist dennoch mehr als halbvoll. Für uns als IHK bleibt es wichtig im Transformationsprozess die Technologieoffenheit zu bewahren – neben Batterieantrieb müssen auch Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe eine Chance bekommen.

Der Klimaschutz ist unausweichlich. Gerade in Sachsen gibt es aber großen Widerstand gegen Windkraft und großflächige Solaranlagen. Müssen Wirtschaft und Unternehmen den Menschen nicht stärker klar machen, dass ihre Zukunft als Industrieland davon abhängt?

Um die ambitionierten Klimaziele zu erreichen, brauchen wir in der Tat einen gigantischen Zuwachs an Erneuerbaren Energien. Trotz versprochener Vereinfachungen bei Planungen und Genehmigungen fehlt mir jedoch noch die Fantasie, wie wir das schaffen wollen und gleichzeitig die Versorgungssicherheit sowie wettbewerbsfähige Energiepreise sicherstellen können. Ohne massive Investitionen in Speicher, Leitungsinfrastruktur, Gaskraftwerke sowie eben in Solar und Windkraft ist das bis 2045 und schon gar nicht bis 2030 aus jetziger Sicht machbar. Grundsätzlich brauchen wir eine realistische, berechenbare, verlässliche Energiepolitik, die auch die industrielle Wettbewerbsfähigkeit im Blick behält. Mit einseitigen Belastungen der deutschen Wirtschaft droht die Abwanderung energieintensiver Unternehmen. Das wäre dann der Supergau.

Start-ups spielen für das Wachstum von Regionen eine immer größere Rolle. Wie kann auch die IHK sich noch stärker für Gründer engagieren?

Start-ups spielen eine große Rolle bei Innovationen und ziehen großes mediales Interesse auf sich. Um Gründungen zu fördern, brauchen wir neben Bürokratieabbau auch eine stärkere wirtschaftliche Orientierung in den Lehr-, Aus- und Weiterbildungsplänen. Bereits in den Schulen müssen Grundlagen unternehmerischen Handelns mehr vermittelt werden. Was mir zu diesem Thema aber besonders am Herzen liegt, sind die aktuell geltenden Bedingungen und Regularien für den Schritt in die Selbstständigkeit. Diese locken kaum einen Interessenten hinter dem Ofen vor; sind eher demotivierend. Wir werden Anfang 2022 mit der Staatsregierung Gespräche führen, um hier Veränderungen herbeizuführen. Das haben wir gerade in der vergangenen Woche vereinbart.

Mit welchen Worten möchten Sie das alte Jahr ausklingen lassen?

Mit einem herzlichen Dank an alle Unternehmerinnen und Unternehmer, die erneut ein Jahr höchster Herausforderungen erlebt haben. Ich wünsche Ihnen allen viel Kraft und Optimismus für 2022. Herzlich danken möchte ich den Mitgliedern der Vollversammlung der IHK Chemnitz, dem Hauptamt und den Kolleginnen und Kollegen des Präsidiums für die äußerst konstruktive, zielorientierte und vertrauensvolle Zusammenarbeit im zu Ende gehenden Jahr, manchmal unter schwierigsten Bedingungen. Ich hoffe sehr, dass wir 2022 von einem Jahr der Normalisierung sprechen können. Bleiben Sie gesund und der IHK Chemnitz verbunden.


Dieter Pfortner

Der Präsident der Industrie- und Handelskammer Chemnitz stammt aus Reichenbach im Vogtland und ist Geschäftsführer der RBS GmbH, Markneukirchen. Zuvor war er Geschäftsführer der P&R Health care GmbH in Markneukirchen. Von 2002 bis 2014 war der heute 67-Jährige Geschäftsführer der Magnetto Automotive Deutschland GmbH in Treuen. Pfortner wurde im Juni 2018 zum IHK-Präsident gewählt. (cul)



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