Ein Gastbeitrag von Klaus Kelle

Kurz vor Mitternacht erreicht mich von einem aufmerksamen Leser die Information, dass die Universität Halle den bekannten Virologen Alexander Kekulé rausgeworfen hat. Kekulé gehört neben Drosten zu den bekanntesten Medizinern in diesen Monaten, der bisher oft im Fernsehen zu sehen war. Zufällig hörte ich heute Morgen im Auto ein Interview mit ihm, in dem er bestritt, dass es zur Bekämpfung des Coronavirus inklusive Omikron-Variante notwendig sei, alle Bereiche des öffentlichen Lebens wieder runterzufahren Eine wirkmächtige und bisher unüberhörbare Stimme – ausgeschaltet.

Ausgeschaltet hat die sogenannte Bundespressekonferenz jetzt auch den Journalisten Boris Reitschuster – wegen einer vermeintlichen Formalie. Und das schockiert mich. Aber noch mehr schockiert mich, wie ein kleinerer Teil des bürgerlichen Milieus in den Jubel der Linken landauf landab einstimmt. Hurra, sie haben ihn erledigt, den unbequemen „Schwurbler“, endlich isser weg. Doch das ist er noch lange nicht.

Boris und ich kennen und schätzen uns seit vielen Jahren. Ich bin auf ihn aufmerksam geworden über sein brillantes Buch „Putins verdeckter Krieg“, in dem er im Detail und mit vielen Namen dokumentiert, wie die russische Staatsführung versucht, ihren Einfluss in Deutschland auszubauen, Einflussagenten zu werben in der Politik, zahme Medien einzukaufen, die sich dann als unerschrockene Aufdecker aufspielen und munter Fake News verbreiten, um unsere Gesellschaft zu spalten. So läuft das Spiel, und unsere Sicherheitsbehörden haben das im Auge.

Reitschuster ist ein Journalist alten Schlages, der das Handwerk von der Pieke auf gelernt hat. 16 Jahre lang hat er das Büro des Magazins „Focus“ in Moskau geleitet. Begegnungen mit Putin gehörten dazu, und ich weiß, dass er eine tiefe Liebe zu dem Land und den Leuten dort in sich trägt. Irgendwann, als er begann, kritischer zu berichten und die Stimmung ihm gegenüber umzuschlagen drohte, kehrte er mit seiner Familie zurück nach Deutschland, weil ja hier Rechtsstaat und Meinungsfreiheit herrschen. So dachte er jedenfalls, so erzählte er es seiner Familie.

Bis er die vergangenen zwei, drei Jahre real existierende Bundesrepublik erlebte. In einem Telefonat vor einem Dreivierteljahr bekannte er mir gegenüber, dass er niemals in seinem Leben für möglich gehalten hätte, was gerade in Deutschland passiert. Ich konnte ihm nicht widersprechen. Ich empfinde das selbst auch immer deutlicher. Journalisten, die rausgedrängt werden, nur weil sie unbequeme Fragen stellen, Youtube- und Facebook-Sperrungen für sachliche Kritik an der aktuellen Politik in Deutschland, Einschränkungen der Demonstrationsfreiheit, jetzt ein angesehener Professor, der widerspricht, rausgeflogen. Was ist hier los gerade?

In den ersten vier Jahren AfD im Deutschen Bundestag wurden deren Abgeordnete auch gemieden und ausgegrenzt von den Etablierten. Das war übrigens auch so, als die SED unter neuem Namen einzog oder die Grünen 1983 mit Zottelbärten und Sonnenblumen. Einen Sitz im Präsidium, der der AfD nach den selbst verfassten Regeln des Bundestages zusteht, wird ihnen beharrlich verweigert. Und mein Eindruck ist, dass es noch schlimmer wird im neuen Bundestag. Die Arroganz, mit der die rot-grün-gelbe Mehrheit, sekundiert von CDU und CSU, demokratische Spielregeln außer Kraft setzt zum Beispiel bei den Ausschussvorsitzenden, macht einen Beobachter fassungslos. Was passiert hier gerade? Sie hebeln demokratische Verfahrensweisen einfach aus – und alle gucken zu. Ist ja gegen die Rechten. Und in der Fraktion der Grünen denkt man intensiv darüber nach, wie man verhindern kann, dass auch der AfD eine parteinahe Bildungseinrichtung, eine Stiftung, finanziert wird – so wie allen anderen, die sich jedes Jahr hunderte Millionen Euros aus Ihren Steuergeldern abgreifen.

Was mir große Sorgen macht, ist neben der Lethargie der Masse gegenüber diesen Entwicklungen das stillschweigende Einverständnis derjenigen, die es besser wissen müssten. Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden – erinnern Sie sich? Man muss die AfD nicht wählen oder mögen, man muss nicht einmal Boris Reitschuster und seine Arbeit mögen, obwohl ich persönlich das nicht nachvollziehen kann, denn ich schätze und mag diesen Kollegen sehr. Aber eine Haltung nach dem Motto: Selbst schuld, wenn man ihn rauswirft, er hätte ja nicht immer so beharrlich nachfragen müssen – das geht überhaupt nicht.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs. Heute leitet der Christdemokrat die Internet-Zeitung „The Germanz“. Dieser Beitrag ist zuerst bei dort erschienen.

 

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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